100-Tage-Bilanz von Benjamin Schmedes VfL-Sportdirektor: Nicht verwalten, sondern vorwärtskommen

Von Johannes Kapitza

Zieht nach 100 Tagen beim VfL Osnabrück eine „verhalten positive“ Zwischenbilanz: Sportdirektor Benjamin Schmedes. Foto: Helmut KemmeZieht nach 100 Tagen beim VfL Osnabrück eine „verhalten positive“ Zwischenbilanz: Sportdirektor Benjamin Schmedes. Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. Am vergangenen Samstag war Benjamin Schmedes exakt 100 Tage als Sportdirektor beim VfL Osnabrück im Amt. Im Interview spricht der 33-Jährige über seinen Start beim VfL, laufende Vertragsgespräche, die Erwartungen an die Mannschaft der nächsten Saison und das Derby gegen Münster.

Herr Schmedes, am Samstag waren Sie als Sportdirektor des VfL Osnabrück genau 100 Tage im Amt. Zum kleinen Jubiläum gab’s ein 0:1 in Würzburg. Das hätten Sie sich sicher schöner vorgestellt?

In der Tat hätte ich mir einen besseren Ausgang für uns gewünscht. Wir hatten an dem Tag aber auch nicht deutlich mehr verdient. Kurz vor Schluss wäre noch ein Punkt möglich gewesen. Dass die 100 Tage auf einen Spieltag gefallen sind, ist eine schöne Randnotiz, aber für mich ist viel relevanter: Stimmt der grundsätzliche Weg, den wir eingeschlagen haben? Sind wir gerüstet, um die Saison so abzuschließen, wie wir es uns vorstellen?

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Mit vier Siegen, vier Unentschieden und drei Niederlagen ist der Weg noch holprig…

Ich würde den Weg als verhalten positiv einstufen. Man kann eine Bilanz allein anhand der Ergebnisse ziehen. Für mich ist aber mindestens genauso entscheidend, wie sich die tabellarische Situation entwickelt hat. Und noch viel zentraler ist, wie wir als Mannschaft und Verein auftreten. Da sehe ich durchaus positive Ansätze.

Ihre Amtszeit begann mitten im Abstiegskampf auf Platz 16. Da hatten Sie gleich einen Eindruck, wieviel Druck auf dem Kessel ist?

Ich hatte mich vorher eingehend mit der Situation beschäftigt. Meine Zusage habe ich vor dem Spiel gegen Aalen gegeben, als der VfL auf Platz 19 stand. Aber ich war überzeugt, dass in der Mannschaft mehr steckt als der bloße Klassenkampf. In meinen ersten Tagen habe ich die Stimmung im Verein und in der Kabine positiver wahrgenommen, als ich sie erwartet hatte. Alle waren leistungswillig und fokussiert und haben sich gar nicht so sehr an der Tabelle orientiert. Zu meinem Antritt habe ich ja gesagt: Ich erwarte als Sportdirektor von meinem Team Mut, Leidenschaft und Überzeugung. Das alles habe ich bislang über weite Strecken in der Mannschaft gespürt, und da gehen meine Philosophie und die des Trainers in die gleiche Richtung.

Dann kam gleich die Transferperiode in der Winterpause. Wie zufrieden sind Sie mit den Nachverpflichtungen Stephen Sama und Utku Sen?

Wir haben einen defensiven Stabilisator mit einer gewissen Physis und Robustheit gesucht. Das ist uns in der Hinrunde ein bisschen abgegangen. Mit Stephen Sama haben wir gut nachgesteuert. Vorne wollten wir den Druck insgesamt erhöhen und mehr Alternativen haben. Utku Sen bringt Eigenschaften mit, die wir so nicht im Kader hatten. Er ist ein junger Spieler, hat den Druck im Training verschärft und hat unter anderem mit der Vorbereitung des dritten Tores in Lotte seine Qualität aufblitzen lassen. Diese Momente wünschen wir uns noch etwas häufiger.

Was war der nachhaltigste Eindruck in den ersten 100 Tagen?

Das war für mich die Phase vor dem Chemnitz-Spiel. Da war im Umfeld eine Anspannung zu spüren, die vor Spielen sonst nicht so deutlich wahrzunehmen ist. Wir haben uns in der sportlichen Leitung aber nicht davon verrückt machen lassen. Wir waren uns bewusst, was für eine Mannschaft wir in der Kabine haben, und haben ihr immer zugetraut, auch solche Situationen zu meistern.

Zum Saisonende laufen 17 Verträge aus, wobei sich der von Marc Heider inzwischen automatisch durch seine Zahl an Einsätzen verlängert hat. Trotzdem bleibt noch eine Menge Arbeit...

Es gibt eine ganze Menge an Gesprächen und Entscheidungen, die noch anstehen. Da gilt wie bei allen anderen Entscheidungen, die wir im sportlichen Führungsteam treffen: Sorgfalt geht vor Geschwindigkeit. Kaderplanung und Vertragsgespräche beinhalten die Chance, die Dinge dahingehend anzupassen, wie wir sie uns vorstellen. Da sind wir völlig unaufgeregt mittendrin in den Planungen.

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Sie haben sicherlich schon eine Vorstellung, wie die Mannschaft in der kommenden Saison aussehen soll. Welche Typen brauchen Sie?

Es wäre zu kleinteilig, jetzt auf jedes einzelne Anforderungsprofil einzugehen. Aber wir haben klare Vorstellungen von Spielern und unserer Art, Fußball zu spielen. Sowohl für mich als auch für alle anderen, die am sportlichen Erfolg arbeiten, gilt: Wir wollen nicht verwalten, sondern gemeinsam vorwärtskommen. Das will ich genauso bei jedem einzelnen Spieler spüren – für sich persönlich, und in der Summe dann auch als Puzzleteil im Gesamtkonstrukt VfL Osnabrück. In meiner Verantwortung liegt es, diese Puzzleteile bestmöglich zusammenzusetzen, um dann am Ende des Tages ein möglichst schönes Bild zu haben, das die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg erhöht.

Bei so vielen auslaufenden Verträgen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie halten einen Teil der Spieler oder es gibt den ganz großen Umbruch. Können Sie schon sagen, in welche Richtung es geht?

Es gibt keine einfache Formel und wir rufen keine Zahl an Spielern aus, die wir unbedingt halten oder abgeben möchten. Wir betrachten jeden Spieler für sich. Viele von den Jungs, deren Verträge auslaufen, besitzen Qualität. Aber auch da muss man in Gesprächen herauskristallisieren, ob die Wege weiter zusammenpassen. Entsprechend gilt es dann abzuwägen, sich zu trennen und jemanden von extern dazu zu holen oder sich aus dem eigenen Nachwuchs zu verstärken.

Bei Spielern, die weiterkommen wollen, wird der Blick zwangsläufig auch in die Regionalligen gehen. Fortuna Köln ist ein gutes Beispiel, wie man mit Neuzugängen vor allem aus der Regionalliga erfolgreich sein kann. Ist das ein Muster für Sie?

Es gibt verschiedene Muster, an denen man sich orientieren kann. Es ist beachtlich, was in Köln in dieser Saison geleistet wird. Andere Wege zu kopieren, ist wenig sinnvoll. Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Dafür kann der eigene Nachwuchs ein Baustein sein. Die Spieler im aktuellen Kader sind ein Baustein und natürlich haben wir auch die Möglichkeit, Spieler von außen zu holen. Unser Blick richtet sich dabei natürlich auch auf die Regionalligen, aber auch innerhalb der 3. Liga oder auf Spieler, die ihre Qualität schon in höheren Spielklassen nachgewiesen haben.

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Was wäre für Sie das entscheidende Kriterium?

Es gibt nicht das eine entscheidende Kriterium, es muss im Einzelfall einfach zusammenpassen. Wir müssen das Gefühl haben, dass derjenige noch etwas erreichen möchte. Ich bin grundsätzlich ein Freund eines heterogen aufgestellten Kaders zum Beispiel hinsichtlich der Altersstruktur und der Erfahrung. Das gibt einem Trainer die Möglichkeit, auf verschiedene Situationen flexibel zu reagieren. Das können Spieler aus einer U23-Mannschaft eines Bundesligisten sein, aber auch ein ehemaliger Bundesligaspieler.

Den ehemaligen Bundesligaspieler, der auf die alten Tage noch einen gut bezahlten Karriereausklang sucht, kann sich der VfL ja auch nicht leisten. Der finanzielle Rahmen ist begrenzt…

Ganz unabhängig von dem Rahmen, den wir zur Verfügung haben, halte ich sowieso nichts davon, in dieser Spielerkategorie zu suchen. Wenn das übergeordnete Motiv ist, möglichst viel Geld mit möglichst wenig Aufwand zu verdienen, dann sind wir der falsche Klub für diesen Spieler. Dann ist auch egal, wie der Spieler heißen könnte.

Die finanziellen Grenzen gelten aber auch sonst für den Kader…

Wir müssen ehrlich sagen: Wir haben einen durchschnittlichen Drittligaetat. Das ist die Realität. Also müssen wir Strategien entwickeln, wie wir andere Klubs mit einem höheren Etat trotzdem in der Tabelle überholen können. Das geht nur mit guter Arbeit. Wir müssen unsere Mittel effizient einsetzen und an den Stellschrauben im Umfeld der Mannschaft drehen. Das Stimmungsbild in einem Team kann ausschlaggebend sein, um den einen oder anderen Punkt mehr zu holen als finanzkräftigere Konkurrenz.

In der Transferphase im Winter haben Sie angedeutet: Die Tabellensituation und die finanziellen Möglichkeiten waren nicht so rosig, um Spieler von Osnabrück zu überzeugen. Ist das inzwischen durch den positiven Sprung in der Tabelle einfacher?

Wir haben darüber hinaus einige Möglichkeiten, Spieler zu begeistern. Wir haben ein tolles Stadion und im Ligavergleich viele Zuschauer. Dass 1000 Fans zu einem Auswärtsspiel wie jetzt in Würzburg mitfahren, das können nicht viele Drittligisten bieten. Wir wissen aber auch, dass wir uns mit vielen Vereinen im Wettbewerb befinden, die wirtschaftlich andere Möglichkeiten haben als wir. Wir wollen mit unserer Philosophie überzeugen und Spieler begeistern, diesen Weg mit uns zu gehen. In der Art und Weise, wie wir funktionieren, heben wir uns von anderen Klubs ab. Das mag ein bisschen romantisch klingen, aber der eine oder andere Spieler hat wirklich Lust darauf, mit Mut und Überzeugung etwas Außergewöhnliches für sich und den Klub schaffen zu können.

Bei den beiden Derbyniederlagen in der Hinrunde waren Sie noch nicht im Amt. Gegen Meppen gab es jetzt im Rückspiel nur ein 2:2, mit Münster hat die Mannschaft nach dem 1:4 im Hinspiel noch eine Rechnung offen. Was erwarten Sie für das Wochenende?

Das Ergebnis aus der Hinrunde interessiert mich gar nicht. Wir haben ein Heimspiel, in dem es um drei Punkte geht. Das ist die ganz nüchterne Herangehensweise…

…aber Sie wissen, wie bedeutend das Spiel für die Zuschauer ist?

Na klar. Das Derby hat eine besondere Bedeutung, besonders für unsere Fans. Für uns ist das schön, weil wir dann noch mal eine richtig gute Stimmung im Stadion erleben werden. Sportlich ist das Ziel klar: Wir wollen mit aller Macht gewinnen.

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Zehn Spiele stehen in dieser Saison noch an. Den Abstiegskampf können Sie inzwischen einigermaßen gelassen sehen?

Wir haben ein scheinbar gutes Polster, aber solange wir rechnerisch noch keinen Haken setzen können, tun wir das auch nicht. Die Saison ist noch nicht zu Ende. Deshalb setze ich noch keinen Haken, weder mit Bleistift noch mit Kugelschreiber.

Eigentlich wollen Sie aber gar nicht nach unten schauen, sondern haben noch die obere Tabellenhälfte im Blick…

Das hat sich durch die Niederlage in Würzburg auch nicht geändert. Wenn du Vierzehnter bist, willst du schnellstmöglich Dreizehnter und Zwölfter werden. Wenn du Zwölfter bist, willst du Elfter und Zehnter sein. Es muss an jedem Wochenende unser Ziel sein, in der Tabelle zu klettern. Das haben wir in Würzburg nicht geschafft, aber es sind noch ausreichend Spiele da, um das zu tun. Am besten starten wir am Sonntag mit einem Sieg gegen Münster.