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Dritter Verhandlungstag Sprengstoff-Prozess vor dem Landgericht Osnabrück: Polizisten müssen wohl mit Tinnitus leben

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Der Angeklagte Juri C. nimmt die Schilderungen der Geschädigten am dritten Verhandlungstag regungslos zur Kenntnis. Archivfoto: KemmeDer Angeklagte Juri C. nimmt die Schilderungen der Geschädigten am dritten Verhandlungstag regungslos zur Kenntnis. Archivfoto: Kemme

evkö Osnabrück. Die Prognose der Hals-, Nasen- und Ohrenärztin Christa Dörenberg ist schlecht. Ein halbes Jahr nach dem Sprengstoffanschlag im Stadion des VfL Osnabrück leiden noch einige Polizisten unter Tinnitus und Hörschädigungen. Sie werden wohl damit leben müssen: „Ich glaube nicht, dass es sich noch bessern wird“, sagt die Medizinerin, die vor Gericht als Sachverständige angehört wurde.

Sie war zudem behandelnde Notfallärztin am Tag des Spiels gegen Preußen Münster. Polizist Michael U. wird seine Leidenschaft, die Musik, aufgeben müssen. Am dritten Verhandlungstag schildern weitere Geschädigte ihre Erlebnisse.

Seit 35 Jahren spielt der 55-Jährige in einer Band – daran ist nach dem 10. September 2011 nicht mehr zu denken. Mit einigen Kollegen war er an diesem Tag beim Derby des VfL gegen Münster im Einsatz. „Ich hatte das Gefühl, dass der Sprengsatz genau zwischen meinen Füßen explodiert ist“, berichtet er mit zitternder Stimme im Zeugenstand der 10. Großen Strafkammer des Osnabrücker Landgerichts. Seine Verletzungen lassen zumindest darauf schließen, dass er sehr nah an dem Böller stand, als dieser explodierte. Er erlitt Verbrennungen an den Waden und ein Explosionstrauma auf beiden Ohren, hat außerdem einen Tinnitus – bis heute ist er dienstunfähig. Von einem Psychologen wird er wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt: „Ich schlafe nie vor vier oder fünf Uhr morgens ein“, so der Polizist. Er hofft, bald Hörgeräte zu bekommen. Der Angeklagte Juri C. nimmt die Schilderungen des Beamten regungslos zur Kenntnis.

Polizistin Katrin T. leidet ebenfalls seit ihrem Einsatz im Stadion an einem Tinnitus: „Ich habe mittlerweile gelernt, damit umzugehen.“ Dennoch habe sie immer noch Probleme alles zu verstehen, wenn mehrere Menschen gleichzeitig sprechen.

Warum die Zeugen so unterschiedlich ausgeprägte Folgeschäden davongetragen haben, erklärt Dörenberg: „Kinder regenerieren sich nach solchen Verletzungen wesentlich schneller, als Menschen über 50“, zudem sei die Anfälligkeit für Verletzungen genetisch bedingt. Außerdem sei es ausschlaggebend, wie der jeweilige Geschädigte im Moment der Explosion den Kopf gehalten hat.

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt. Dann wird auch Deutschlands bekanntester Fan-Forscher, Prof. Dr. Gunter Pilz, zu dem Vorfall Stellung nehmen. Eventuell wird auch ein Freund des Angeklagten Juri C. angehört, der sich am Tattag ebenfalls im Osnabrücker Stadion befand. Bislang hatte er angegeben aufgrund einer Depression nicht reisefähig zu sein. Wie Richter Dieter Temming sagt, sei er allerdings am Wochenende in einem Fußballstadion gesehen worden. Er hat eine Überprüfung der Diagnose angeordnet.


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