„Das kenne ich so nicht“ VfL-Mittelfeldspieler Danneberg über mutige Trainer-Entscheidungen

Von Stefan Alberti

„Da geht‘s lang.“ VfL-Mittelfeldmann Tim Danneberg im Spiel in Lotte. Foto: osnapix„Da geht‘s lang.“ VfL-Mittelfeldmann Tim Danneberg im Spiel in Lotte. Foto: osnapix

Osnabrück. Er ist mit aktuell 294 Einsätzen Rekordspieler der 3. Fußball-Liga. Deswegen genießt Mittelfeldspieler Tim Danneberg beim VfL Osnabrück aber keine Privilegien. Darüber spricht der 31-Jährige ebenso wie über seine feine Antenne für Stimmungen.

Herr Danneberg, wie fühlen Sie sich als zweitbester Torjäger beim VfL?

Wieso Torjäger?

Sie liegen mit sechs Treffern nur hinter Marcos Álvarez, der in der aktuellen Saison sieben Tore auf dem Konto hat. Dazu haben Sie bereits die Hälfte der Treffer erzielt, die Sie in drei Jahren beim Chemnitzer FC zu Buche stehen hatten.

Donnerwetter. Das war mir gar nicht bewusst. Ich habe inzwischen auch das Gefühl, dass ich hier richtig angekommen bin.

War das nicht immer so?

Na ja, in der ersten Phase der Saison war ich überrascht. Die Stimmung an der Bremer Brücke war wie unter einer Dunstglocke. Das kannte ich vorher nicht so. Wenn ich mit Chemnitz oder anderen Vereinen hier angetreten bin, hatte ich immer das Gefühl, dass an der Bremer Brücke sowieso nichts zu holen ist. Und genau dieses Gefühl haben wir in der ersten Phase als Mannschaft nicht vermitteln können. Auch unsere Fans hatten das Gefühl, dass irgendetwas fehlte. Das habe ich in vielen Gesprächen gemerkt.

Dieses Blatt hat sich gewendet?

Den Eindruck habe ich. In den vergangenen Wochen haben wir an der Bremer Brücke endlich wieder den Fußball gespielt, der bei den Gegnern das gerade beschriebene Gefühl erzeugt. Daniel Thioune hat den Mut zur Variabilität im Spielsystem. Er hat den Mut, unangenehme Personalentscheidungen zu treffen. Ich bin ja nun schon einige Jahre dabei: Solch eine große Variabilität im Spielsystem habe ich bisher unter keinem Coach erlebt. Ich hatte immer Trainer, die maximal drei Systeme hatten. Aber dass man auf jeden Gegner neu eingestellt wird – das kenne ich so nicht. Selbst nach dem 6:1 gegen Chemnitz hat es Veränderungen gegeben.

Und Sie als Rekordspieler der 3. Liga haben keine Garantie auf einen Startplatz.

So ist es. In Jena und Bremen wurde ich jeweils erst kurz vor Schluss eingewechselt. Ich gebe zu, dass ich damit nicht unbedingt gerechnet habe. Vor dem Jena-Spiel haben wir mit mir in der Startelf zu Hause 4:1 gegen Aalen gewonnen, eine Woche später saß ich auf der Bank. Aber: Wenn mir etwas auf der Seele brennt, dann möchte ich es schnell aus der Welt schaffen. Ich habe mich intensiv mit der Situation auseinandergesetzt, der Trainer hat mir ausführlich seine taktischen Beweggründe erklärt. Das konnte ich alles nachvollziehen. Eine Woche nach dem Bremen-Spiel stand ich gegen Unterhaching wieder von Anfang an auf dem Platz, habe ein Tor erzielt – und der Trainer hat die Reaktion bekommen, die er von mir sehen wollte.

Also noch einmal: Als Rekordspieler hat man keinen Anspruch auf Sonderbehandlung.

Richtig. Und das will ich auch gar nicht. Ich will mit Leistung überzeugen und Verantwortung auf dem Platz übernehmen. Mit diesen Tugenden möchte ich dem Trainer das Gefühl geben, dass er auf mich setzen kann.

Apropos Verantwortung: Nehmen Sie sich auch mal den einen oder anderen Jüngeren zur Brust, der auf eine Nichtnominierung nicht so reagiert wie Sie?

Wenn es sein muss, ja. Ich fühle mich schon in einer gewissen Vorbildfunktion. Für mich ist wichtig, dass ich dann eine „Jetzt-erst-recht-Mentalität“ rüberbringe und den Spieler wieder aufbaue. Wir können uns alle in die Augen schauen und uns alles sagen, auch wenn es mal nicht so funktioniert.

Ihr Vertrag läuft noch bis zum 30. Juni 2019…

Ich bin wild entschlossen, mit dem VfL noch höhere Ziele anzustreben als in dieser Saison – und das über 2019 hinaus. Ich werde im April 32 Jahre alt, fühle mich aber überhaupt nicht so alt. Erst wenn ich irgendwann morgens das Gefühl habe, dass ich so alt bin wie auf dem Papier, muss ich mir Gedanken machen.