Zum Tod des ehemaligen VfL-Trainers Rolf Schafstall Der Startrainer, der in Osnabrück kein Glück hatte

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hp Osnabrück. Er war einer der bekanntesten Trainer im deutschen Profifußball, ein markanter Typ mit Ecken und Kanten. Am 30. Januar 2018 ist Rolf Schafstall im Alter von 80 Jahren verstorben. Eine der 16 Stationen auf seiner über 25 Jahre währenden Laufbahn war 1989/90 der VfL Osnabrück. Erinnerungen an einen Mann, der in Osnabrück sportlich und persönlich Tiefpunkte erlebte.

Als Rolf Schafstall am 1. Mai 1990 aus dem Kabinentrakt der Bremer Brücke über den Rasen geht, in der einen Hand seine Aktentasche, ist er auf dem Weg zur Pressekonferenz. In respektvollem Abstand begleiten ihn ein paar Ordner – aus gutem Grund, denn auf der anderen Seite des Zauns stehen etliche Fans. Sie beschimpfen den VfL-Trainer, drohen ihm mit den Fäusten, einige rütteln wütend am Zaun. Schafstall verzieht keine Miene, er geht zielstrebig in Richtung Presseraum.

Es ist sein letzter Tag in Osnabrück. Mit unbewegter Miene und wie immer schneidender Stimme sagt er etwas zum Spiel seiner Mannschaft, die nach einer desolaten Vorstellung mit 0:3 verloren hat gegen die Feierabendfußballer der Spvg. Bayreuth. Nach zehn Partien ohne Sieg und vier Niederlagen aus den letzten vier Spielen macht die Talfahrt einer Mannschaft Station auf einem Abstiegsplatz, die eigentlich um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen sollte. Das war der Auftrag von Rolf Schafstall.

Vier Spieltage vor Saisonschluss ist der VfL ein Abstiegskandidat; es gibt keine Anzeichen von Besserung, das Restprogramm ist schwer. Präsident Hartwig Piepenbrock handelt: Am Vormittag des nächsten Tages wird der Startrainer gefeuert. Im Hotel Ibis, wo er während der letzten zehn Monate gewohnt hat, wartet er auf einen Freund, der ihn abholen und nach Hause fahren will. Er selbst darf nicht Autofahren, er hat den Führerschein verloren. Das ist eigentlich privat, aber hier ist es Teil der sportlichen Geschichte.

Wer weiß, wie das VfL-Kapitel mit Rolf Schafstall verlaufen wäre, wenn der Trainer sich am 1. September 1989 nicht ans Steuer seines Autos gesetzt hätte, um von einem Lokal an der Martinistraße ins Hotel Ibis zurückzufahren. Er hatte zuviel getrunken, war aber nicht erkennbar fahruntüchtig. Die Polizei wurde auf ihn aufmerksam, weil sie von einem anonymen Anrufer einen Tipp gekommen hatte. Schafstall wurde gestoppt, ein Alkoholtest ergab 1,53 Promille.

Zunächst konnte der Vorfall die positive Entwicklung nicht bremsen, die der erfahrene Trainer beim VfL in Gang gesetzt hatte. Die mit einem Ablöseaufwand von 1,5 Millionen DM verstärkte Mannschaft – unter anderem waren Claus-Dieter Wollitz, Wolfgang Kellner und Frank Schulz gekommen – spielte zwar nicht konstant, deutete aber ihre Möglichkeiten an: 5:1 in Kassel, 3:1 gegen Fortuna Köln, 2:0 gegen Alemannia Aachen, 2:0 bei Fortuna Köln, 3:0 gegen Hertha.

Im DFB-Pokal hatte Schafstall ein besonders gutes Händchen: Es begann mit einem 3:1 gegen Schalke 04, dann gelang ein 2:0 bei Wattenscheid 09 und schließlich gab es einen denkwürdigen 3:2-Sieg gegen den Bundesligisten Karlsruher SC – mit drei Toren von Schafstalls Lieblingsspieler Frank Schulz. Der VfL hatte zum ersten Mal das Viertelfinale im DFB-Pokal erreicht, der Trainer war angekommen in Osnabrück – und er hatte noch viel vor.

Doch am 30. Januar 1990 warf ihn das Urteil des Amtsgerichts aus der Bahn: Vier Monate Haft – ohne Bewährung. Der Richter sprach von einer fahrlässigen Alkoholfahrt und bescheinigte dem Trainer, kein generelles Alkoholproblem zu haben. Doch weder das noch die Geständigkeit und Einsichtigkeit von Schafstall verhalfen ihm zu der erhofften Bewährungsstrafe, die das Urteil für ihn erträglich gemacht hätte. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er schon 1985 und 1987 für Trunkenheitsfahrten bestraft worden war.

„Bundesliga-Trainer muss ins Gefängnis!“ Die balkendicken Schlagzeilen der Boulevardpresse kamen prompt. Sie trafen den Ehrenmann Schafstall, der von seinen Spielern Disziplin, Anstand und Korrektheit verlangte, ins Mark. Äußerlich wollte er sich nichts anmerken lassen, am Tag des Urteils leitete er vor und nach der Gerichtsverhandlung das Training auf der Illoshöhe.

Doch innerlich gärte es in ihm: Der Ärger über seinen Fehltritt saß tief, dazu kam das unerträgliche Gefühl, wenn er die Menschen um sich herum tuscheln hörte oder glaubte, sie würden mit dem Finger auf ihn zeigen. Der Fußballlehrer Rolf Schafstall verlor in einer persönlichen Krise die innere Balance.

Mannschaft und Verein hielten zu ihm. Noch auf dem Gerichtsflur hatte Präsident Piepenbrock ein Bekenntnis zum Trainer abgegeben und darauf verwiesen, dass das Urteil noch keine Rechtskraft habe.

Als die Spieler erfuhren, dass ein Karnevalsverein einen Umzugswagen vorbereitete mit Motiven, die Schafstalls Fehltritt aufs Korn nehmen sollten, besuchten sie die Karnevalisten und baten darum, auf den Scherz zu verzichten. Hilfreicher wäre gewesen, wenn die Profis auf dem Platz erfolgreicher gewesen wären. Doch die hochgerüstete Mannschaft gewann nur noch ein Spiel bis zu jenem 1. Mai, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Rolf Schafstall hat – verständlich – nie gern über seine Zeit in Osnabrück gesprochen. Der Mann, der vor allem beim VfL Bochum immer wieder No-Name-Mannschaften mit echtem Fußball-Charakter aufbaute, sagte in einem Interview mit dem Magazin „11Freunde“ einmal: „Vielleicht hing es damit zusammen, dass ich wegen des Jobs immer wieder allein unterwegs war – ohne meine Frau. Und was macht ein Mann, wenn er allein ist? Er geht auch mal in die Kneipe und trinkt ein Bier. Und wenn ich dort ins Gespräch kam, bin ich auch mal kleben geblieben und habe ein zweites getrunken. Am Ende habe ich mich überschätzt und bin, anstatt ein Taxi zu nehmen, in mein Auto gestiegen. Keine gute Zeit. Diese Dinge möchte ich am liebsten vergessen.“

Trotz allem: Er blieb auch in Osnabrück in Erinnerung als ein Trainer, der mit Herz und Härte arbeitete, der alte Fußball-Tugenden forderte und vorlebte. Er schöpfte aus einem reichen Leben als Fußballer, das in den fünfziger Jahren beim Bergmann-Club Hamborn 07 begonnen hatte. Man hatte Respekt vor ihm, konnte mit ihm lachen und von ihm lernen.


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