Ein Remis, das es nie gab Alternative Fakten vom Roboter-Reporter: Münster gegen Erfurt 0:0

Ein reines Phantomduell: Erfurt gegen Münster (Spielszene der Partie vom 14. Februar 2015). Foto: imago/KönigEin reines Phantomduell: Erfurt gegen Münster (Spielszene der Partie vom 14. Februar 2015). Foto: imago/König

Osnabrück. Mit diesem Ergebnis kann keiner der Beteiligten zufrieden sein: Eine Nachrichten-Website hat einen Spielbericht zu einer Phantom-Partie aus der 3. Fußball-Liga veröffentlicht. Das 0:0 zwischen Münster und Erfurt vergrößere die Abstiegssorgen beider Teams. Dumm nur, dass das Spiel Mitte Dezember wetterbedingt ausgefallen ist und bis heute nicht stattgefunden hat.

„Mit diesem Remis können die Trainer und die Zuschauer nicht zufrieden sein. Die Schlachtenbummler im Stadion sahen eine langweilige Partie, in der beide Mannschaften im Angriff glück- und ideenlos agierten“, hieß es in der mittlerweile gelöschten Meldung, die verbreitet wurde von der Website news.de. Das passierte, weil die Website mit Texten arbeitet, die von einem Computer generiert werden – und so wurde aus einer abgesagten Partie eben ein langweiliges Spiel ohne Tore. Schon seit Längerem verwenden einige Webseiten mit steigender Tendenz Text-Algorithmen für Wetterberichte, Finanznachrichten oder eben Sportmeldungen. Sätze generierender Roboter-Journalismus funktioniert gut, wenn es messbare Größen gibt.

Spott der menschlichen Schreiber

Zuerst hatte die Thüringer Allgemeine, später auch die Westfälischen Nachrichten über den aktuellen Vorfall berichtet. Dabei sparten die echt menschlichen Journalisten natürlich nicht mit Häme gegenüber ihrem Computer-Kollegen. „Um schuldenfrei ins neue Jahr zu kommen, sind wir Ihnen noch ein Ergebnis schuldig – und einen Spielbericht“, spottete der Schreiber bei der Thüringer Allgemeinen und ergänzte angesichts des postulierten 0:0: „Wie wir wissen, war es noch viel schlimmer. Die Schlachtenbummler, wo immer sie sich befunden haben, sahen keine langweilige Partie – sie sahen überhaupt kein Spiel.“ Als Hinweis gab der Verfasser den Lesern noch mit an die Hand: „Wenn sie im Januar im Internet verdächtig viele Fußballberichte von langweiligen 0:0-Unentschieden finden sollten, freuen oder ärgern sie sich nicht zu früh. Vielleicht ist das Spiel nur ausgefallen. Und Kollege Computer kennt nicht immer den Wetterbericht.“

Fantasie freien Lauf lassen

Der WN-Kollege war indes einem melancholischen Anflug erlegen – vielleicht inspiriert von seinem eigenen Arbeitsplatz. „Das Leben eines Computers kann sehr eintönig sein. Immer am gleichen Platze stehen. Den ganzen Tag rechnen und Befehle ausführen. Wo bleibt da der Raum für Kreativität? Die armen Dinger können ihrer Fantasie zwischen Einsen und Nullen nie freien Lauf lassen. Ein ganz gewieftes Exemplar hat es jetzt trotzdem getan“, schrieb er. Und ergänzte: „Nicht von ungefähr fehlten in dem Text die Beschreibungen von Spielszenen und Zitate von frustrierten Preußen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Computer auch dies von allein generieren.“ Angesichts der steigenden Austauschbarkeit von Fußballer-Zitaten aus durch die stetige Arbeit von Pressestellen chemisch gereinigten Köpfen („Wichtig ist nur das nächste Spiel“) erscheint das nicht einmal völlig unvorstellbar.

Wie automatisiert generierte Fußballtexte aussehen können

Ein Beispiel dafür, dass automatisiert generierte Texte durchaus Informationen liefern können, zeigt diese zugegeben von einem Menschen überarbeitete und feingeschliffene, aber grundsätzlich von einer Maschine generierte Vorschau auf Spiele der 1. Kreisklasse auf dem Amateurfußballportal FuPa.net/weser-ems. Wer genau mitliest, bemerkt die automatisch zusammengefügten Textbausteine und erkennt auch, dass der Text an einigen Stellen holprig formuliert ist („kam zu einem 4:4“). FuPa.net/weser-ems verwendet nach einer Experimentierphase derzeit keine automatisiert generierten Texte mehr, sondern lässt Informationen, die aus den verfügbaren Daten der Spielberichte generiert sind, über Grafik-Elemente auf der Website einlaufen (etwa das Powerranking der besten Vereine der letzten fünf Ligaspiele).

Die Erkenntnis, die über allem stehen sollte: Die letztinstanzliche Prüfung eines Menschen hilft, Fehler zu vermeiden, die eine Maschine produziert. Das ist offensichtlich im aktuellen Fall bei news.de schiefgelaufen.


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