50 Jahre NOZ – 50 Jahre Zeitgeschehen Fukushima: Seebeben, Tsunami, Kernschmelze

Von Berthold Hamelmann

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Flüchtlinge aus der Region um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima. Foto: dpaFlüchtlinge aus der Region um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima. Foto: dpa

Osnabrück. Am 11. März 2011 löst der Reaktorunfall im japanischen Fukushima weltweit Untergangsängste aus. In Deutschland führt der Super-GAU zum politisch forcierten Ausstieg aus der Atomkraft.

Ein Seebeben im Pazifik, entstanden 370 Kilometer nordöstlich von Tokio und 130 Kilometer östlich von Sendai, führt zu einer Dreifachkatastrophe. Das Beben erzeugt einen zehn Meter hohen Tsunami. Lokal seien Höhen von bis zu 38 Metern erreicht worden, vermelden Augenzeugen. Die Monsterwellen hinterlassen eine Spur des Grauens und der Verwüstung an der japanischen Küste. Hafenbereiche und kleine Städte werden überrollt. Etwa 15.000 Menschen sterben. 2.500 werden bis heute vermisst. Die Schäden werden auf 180 Milliarden Euro geschätzt.

Schutzmechanismen greifen – zunächst

Massive Konsequenzen haben die Beben auf für die Kernkraftwerke in den betroffenen Regionen. Die technischen Schutzmechanismen greifen zunächst – die automatischen Schnellabschaltungen funktionieren. Doch das am schlimmsten betroffene Atomkraftwerk in Fukushima gerät außer Kontrolle. Die Schutzmauern halten den Wassermassen nicht stand. Der Strom fällt aus. Brennstäbe überhitzen, drei Reaktoren explodieren. Kernschmelze. Radioaktivität entweicht. Auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) steht Fukushima als Nummer zwei in der Kategorie „katastrophaler Unfall“. Als unrühmliche Nummer eins stand dort bis zu diesem Zeitpunkt nur die Atomkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986.

Je nach Interessenlage fallen bis heute die Bewertungen zur japanischen Atomkatastrophe höchst unterschiedlich aus. Offizielle Stellen vermelden keine direkten Todesopfer als Folge des Super-GAUs. Gerne wird darauf verwiesen, dass im Vergleich zu Tschernobyl nur ein Fünftel der Radioaktivität entwichen sei, von dem sich auch rund 80 Prozent über dem Meer vor Japans Küste verteilt habe.

Technisches oder menschliches Versagen?

Die japanische Politik reagierte in den Jahren nach der Katastrophe mit einem Zickzackkurs. Zunächst deutete alles auf den Atomausstieg hin. Im Mai 2012 schaltete Japan den letzten Reaktor im Land ab. Veränderte politische Konstellationen setzten das endgültige Ende dann auf 2040 fest. Heute sind in Japan wieder drei Reaktoren in Betrieb. Die wirtschaftsnahe japanische Regierung setzt auf billige Energie, um Abwanderungsgedanken ansässiger Unternehmen erst gar nicht aufkommen zu lassen.

In Japan erscheint manchem der Ausstieg aus der Atomenergie nicht mehr so drängend zu sein – weil die Abschlussberichte eher dem Menschen als der Technik den Schwarzen Peter zuschieben. Bessere Ausbildung der Techniker, höhere Schutzvorkehrungen in den Atomkraftwerken – dann wäre nicht so viel passiert. Die vermeintliche Botschaft ist klar: Atomkraft ist beherrschbar.

Nukleare Ängste in der Bevölkerung

Dem offiziellen Japan ist diese Stimmung nur Recht: Vom 24. Juli bis zum 9. August 2020 finden die Olympischen Sommerspiele in Tokio statt. Missliebige Themen wie das weiter in den Pazifik strömende verseuchte Wasser aus dem gefluteten Atomkraftwerk Fukushima stören das sportliche Superereignis, das Japan verständlicherweise zur positiven Selbstdarstellung nutzen will.

Deutschland zählt zu den wenigen Ländern, die nach der Fukushima-Katastrophe der Atomenergie den Rücken gekehrt haben. Vor dem Super-GAU in Japan wurden in der Bundesrepublik 17 Atomkraftwerke betrieben. Unter der Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel wurden sieben ältere Reaktoren vom Netz genommen. Es war ein Zugeständnis an die nuklearen Ängste in der Bevölkerung. Die übrigen deutschen Reaktoren sollen bis 2022 abgeschaltet werden.

Zu den drei letzten gehört neben Neckarwestheim II und Isar 2 auch das Kernkraftwerk Emsland in Lingen. Der Ausstieg geschah in einem atemberaubenden Tempo. Ein Pferdefuß: Deutschlands Kurs, die CO2-Emissionen drastisch zu senken, geriet ins Schlingern. Denn die CO2-arme Atomkraft muss durch den Mehreinsatz von Braunkohle ersetzt werden. Die noch aktuellen Bilder der jüngsten Protestaktion im Braunkohletagebau Hambach im Umfeld der Weltklimakonferenz in Bonn belegen dieses Dilemma.


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