In Chile im Einsatz Was die deutsche Feuerwehr am Ende der Welt macht

Von Saskia Guntermann, Anja Steinbuch und Michael Marek


Punta Arenas. Pampa, Pinguine und der Perito-MorenoGletscher – Patagonien zählt zu einem der beliebtesten Traumziele. Der einsame Landstrich mit doppelter Staatsbürgerschaft (ein Drittel chilenisch, zwei Drittel argentinisch) gehört zu den imposantesten Naturgebieten der Erde. Markenzeichen sind das Öl, die Schafe und die letzte deutsche Feuerwehr vor der Antarktis.

Man kneift die Augen unwillkürlich zusammen. Es ist windig hier am 53. Breitengrad in Punta Arenas (Chile). Etwa 120000 Einwohner leben in der größten südlichsten Stadt der Welt, wie die Bewohner selbstbewusst behaupten. Wind, Eisstürme, Hagel, Sonne, Regen, blauer Himmel, alles ist möglich. Die Jahreszeiten vermählen sich in Patagonien an einem einzigen Tag, sagt man.

1520 war der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan bis zum Zipfel Südamerikas gesegelt und hatte bei Punta Arenas eine Passage zwischen Atlantik und Pazifik entdeckt. Doch es sollte bis 1848 dauern, bevor eine richtige Stadt gegründet wurde. Heute leben auf einer Fläche, die knapp dreimal so groß wie Deutschland ist, etwa so viele Menschen wie in Hamburg. Die wenigen Städte wie Punta Arenas sind wie Fremdkörper umgeben von der endlosen Pampa, dem Weideland der Schafe.

Deutscher Bundesadler: Ein schmuckloser grau-roter Stahlbetonbau, auf der Fassade steht in riesigen weißen Lettern „Feuerwehr“, am Eingang grüßt ein gusseiserner Bundesadler. Man glaubt, irgendwo zwischen Flensburg und München zu sein, doch es die Avenida Eduardo Frey im Norden von Punta Arenas.

Die drei Tore der Wagenhalle sind geschlossen, drinnen wartet Mario Toledo. Auf der Brust des Mittvierzigers prangt ein weiterer Bundesadler in schwarz-rot-goldener Umrandung, in Toledos Hand: ein gelber Schutzhelm. Der Chilene mit deutschen Vorfahren trägt eine blaue Uniform. Seit 1990 arbeitet er für die Dritte freiwillige Feuerwehrkompanie von Punta Arenas, die „Bomba Alemana“. In der Wagenhalle stehen die Löschfahrzeuge – geschmückt mit deutschen Fahnen. Das chilenische und deutsche Wappen auf den Türen der beiden Spritzenwagen. „Viele Generationen meiner Familie vor mir haben hier bereits gearbeitet“, sagt der Familienvater. Es sei ein schönes Gefühl, anderen Menschen zu helfen. Die freiwilligen Feuerwehrmänner sind in Chile sehr angesehen.

Feuerwehr mit Geschichte: Als Punta Arena Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, galt Patagonien als ein riesiges Wunderland, eine Terra incognita, Fantasieort der Ruhelosen, von Fernweh erfüllten und von Reichtum träumenden Abenteurer und Auswanderer – vor allem aus dem fernen Europa. Flüchtlinge, Ausgestoßene, Glückssucher, Robbenfänger, Pelztierjäger, Schafzüchter, Matrosen und Kriminelle, die Punta Arenas ebenso bevölkerten wie Handwerker und Kaufleute. Bis zur Eröffnung des Panamakanals im Jahr 1914 war Punta Arenas Anlaufstelle für alle Schiffe, die Waren und Passagiere von Europa zur Westküste Nordamerikas transportierten – und umgekehrt. Alle großen Reeder im internationalen Schifffahrtsgeschäft besaßen hier eine Zweigstelle. Punta Arenas zählte zu den wohlhabendsten Hafenstädten der Welt. Aber das ist längst Geschichte.

Geblieben ist die deutsche Feuerwehr. 1901 wurde sie von deutschen Einwanderern gegründet, erzählt Toledo. „Es gab damals einen großen Brand in einem Hotel, wo viele Deutsche wohnten. Den Aussiedlern wurde plötzlich klar, dass es zu wenig Feuerschutz gab. Deshalb wurde die deutsche Feuerwehrkompanie gegründet.“ In Chile wurden viele Feuerwehren im 19. Jahrhundert von Einwanderern gegründet. Die Struktur und Organisation orientierten sich oft an denen der Feuerwehren in ihren ehemaligen Heimatländern.

Die Bomba Alemana in Punta Arenas gelte als eine der besten Feuerwehrstationen, sagt Toledo stolz. Disziplin, Zuverlässigkeit und der große persönliche Einsatz hätten dazu beitragen. Gleichzeitig seien da die Witze über die Nachfahren der deutschen Auswanderer, über ihre militärisch-preußische Mentalität etwa. Doch darüber können er und die anderen Feuerwehrmänner nur schmunzeln.

Freiwillige Hilfe für die Gemeinschaft: Insgesamt gibt es acht freiwillige Feuerwehren in Punta Arenas, darunter die englische, französische, italienische, kroatische, spanische und deutsche Feuerwehr. Die Einsätze wurden und werden unabhängig von der Nationalität gefahren – Feuer kennt keine Grenzen. Das Geld für die Wache und die Löschwagen kommt meistens von den Einwanderern und deren Nachkommen. Derzeit arbeiten 40 Feuerwehrleute für die Bomba Alemana, alle ehrenamtlich. Mario Toledo ist der einzige Festangestellte: „Trotzdem sind wir professionell nach der US-amerikanischen Norm ausgebildet worden.“

Mario Toledo zeigt uns die Feuerwache. Überall an den Wänden hängen alte Dokumente und Fotos, die von der Geschichte der deutschstämmigen Feuerwehrleute erzählen. Zum Beispiel ein Bild von 1979, als israelische Kollegen nach Punta Arenas zu Besuch kamen. Daneben hängt ein Foto von 1934: la Bomba Alemana mit Hakenkreuzfahne. Auch das gehört zur Geschichte der freiwilligen Feuerwehr. Die Sympathie mit Hitler-Deutschland damals wird nicht geleugnet.

Autounfälle und Grasbrände: Manche Schriftstücke sind in deutscher Sprache verfasst. Sogar die Räume tragen deutsche Bezeichnungen: Besprechungsraum, Maschinensaal, Wohnzimmer, Lagerkeller. Dazwischen ein riesiges Schild: „Wenn alle rausrennen, wir rennen rein.“ Die kunterbunten Sitze im Besprechungsraum sind in den chilenischen Landesfarben, in der Mitte platziert der deutsche Bundesadler. Früher, während der Einsätze, wurden die Kommandos sogar auf Deutsch gegeben. „Wasser marsch!“ Aber das gehöre zur Vergangenheit.

„Wir müssen vor allem wegen Autounfällen ausrücken“, erklärt Toledo, „außerdem gibt es eine Menge Gasaustritte. Häuserbrände sind stark zurückgegangen. Dafür bekämpfen wir im Sommer viele Grasbrände in der Umgebung von Punta Arenas, die durch die starken Winde hier entfacht werden.“

Feuerwehr aus der Weimarer Republik: Die Mitglieder der Bomba Alemana von Punta Arenas sind alle in Chile geboren und haben von Kindesbeinen an Spanisch gelernt. Deutsch spricht kaum noch einer der ehrenamtlichen Feuerwehrmänner. Aber die Traditionen und der Stolz sind geblieben. Mario Toledo zeigt uns das Prunkstück der Feuerwache, ein dunkelrotes Gefährt, ein Magirus Drehleiterwagen aus der Weimarer Republik, damals noch ohne Sirene, dafür aber mit einer massiven Warnglocke ausgestattet. 1928 wurde der Leiterwagen in alle Bestandteil zerlegt, anschließend von Deutschland nach Punta Arenas verschifft, dort liebevoll von den Bomberos Alemanes wieder zusammengesetzt und 1932 in Betrieb genommen. Bis heute wird der Leiterwagen gehegt und gepflegt und ist noch immer einsatzfähig.

Plötzlich klingelt das Telefon. Die Feuerwehr muss ausrücken. Mario Toledo ruft die Mitglieder der Bomberos Alemanes an und teilt ihnen den Einsatzort mit. „Wenn es einen großen Einsatz gibt, fahren alle Feuerwehrmänner zum Unglücksort. Manche hole ich mit einem Auto von ihrer Arbeit ab, andere kommen auf eigene Faust zum Einsatzort. Bei einem sehr großen Brand kommen alle Kompanien.“

Traumatische Erfahrungen: Mario Toledo spricht zurückhaltend und in sich gekehrt, mit wenigen Gesten, zuvorkommend und freundlich, im verwaschenen grünen Strickpullover, darüber die dunkelblaue Feuerwehrjacke. Das kurze schwarze Haar tritt nur an den Seiten seiner dunkelblauen Schirmmütze hervor. Großgewachsen ist er, mit grünen Augen und mit einem traurigen Blick, der die Abgründe und tragischen Momente seines Berufes erahnen lässt. Jeder der Bomberos, hat Dinge erlebt, die sich nur schwer verarbeiten lassen. Manchmal sogar nie. Toledo erzählt, wie er vor ein paar Jahren nach einem Brand zwei tote kleine Jungen unter den Haustrümmern gefunden habe. „Das hat mich sehr mitgenommen. Bis heute bin ich darüber nicht hinweggekommen. Ich muss immer an meinen eigenen Sohn denken.“

Seine Stimme beginnt zu zittern. Tränen brechen aus Mario Toledo heraus. Er spricht nicht gerne über den Albtraum von damals. Noch heute wache er nachts schweißgebadet auf, wenn die Bilder, Erinnerungen, Ängste und Zweifel den Schlaf verdrängen. Für den Mittdreißiger war es die schlimmste Erfahrung seines Lebens. Ob er bei der Feuerwehr aufhören wollte? „Nein, das Unglück hat mir mehr Kraft gegeben“, sagt er. Lieber schwärmt Mario Toledo von der Kameradschaft unter den Feuerwehrleuten oder wenn sie Menschenleben retten konnten. Auch sein Sohn soll bei der Bomba Alemana später einmal arbeiten. Beim Gedanken daran beginnen seine traurigen Augen zu leuchten. Und wenn sich Chile und Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft gegenüberstehen, für wen wird dann sein Herz schlagen? „Natürlich für mein Land!“

Welches damit gemeint ist, das wird sofort klar. Für Mario Toledo und die Männer der 3. Kompanie ist die Deutsche Feuerwehr von Punta Arenas – der größten südlichsten Stadt der Welt – zur Heimat geworden. Hier sind sie vorbereitet in der letzten deutschen Feuerwehrwache vor der Antarktis.