Interview mit Psychologin Wie erkennt man, dass Kinder sexuell missbraucht werden?

Von Sven Kienscherf

Der Missbrauch eines vierjährigen Mädchens aus dem Landkreis Wesermarsch entsetzt viele Menschen. Wie konnte der Missbrauch unentdeckt bleiben? Symbolbild: Julian Stratenschulte/dpaDer Missbrauch eines vierjährigen Mädchens aus dem Landkreis Wesermarsch entsetzt viele Menschen. Wie konnte der Missbrauch unentdeckt bleiben? Symbolbild: Julian Stratenschulte/dpa

Osnabrück. Der Missbrauch eines vierjährigen Mädchens aus dem Landkreis Wesermarsch entsetzt viele Menschen. Wie konnte der Missbrauch unentdeckt bleiben?

Die Polizei hat am Montag einen 24 Jahre alten Mann aus dem Landkreis Wesermarsch festgenommen, der die Tochter seiner Lebensgefährtin missbraucht und die Bilder ins Internet gestellt haben soll.

Die Diplompsychologin Esther Romahn arbeitet beim Kölner Verein Zartbitter, der Opfer sexuellen Missbrauchs berät und Präventionsmaßnahmen erarbeitet. Sie berichtet über Anzeichen von Missbrauch, was die Täter antreibt und wie man den Opfern helfen kann.

Frau Romahn, was sind Anzeichen dafür, dass Kinder sexuell missbraucht werden?

Es gibt keine eindeutigen Anzeichen auf sexuellen Missbrauch. Allerdings gibt es Hinweise wie zum Beispiel plötzliche Verhaltensänderungen von Kindern und Jugendlichen. Ein Mädchen zieht sich beispielsweise zurück und hat einen leeren, abwesenden Blick. Die schulischen Leistungen eines betroffenen Jungen fallen ab, auch rastet er scheinbar ohne Grund bei alltäglichen Konflikten aus. Andere Kinder leiden unter massiven Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen. Auch verhalten sich einige Opfer plötzlich sexualisiert, sie drücken durch ihr Verhalten belastende Erfahrungen aus, über die sie nicht sprechen können. Einige kommen Erwachsenen und anderen Kindern sehr nahe und fassen ihnen an die Genitalien.

Alle Verhaltensweisen, die Sie genannt haben, könnten aber auch Teil der normalen kindlichen Entwicklung sein, oder?

Das stimmt so nicht. Sicherlich haben nicht alle zwangsläufig sexuellen Missbrauch als Ursache. Sie weisen jedoch auf Belastungen von Kindern und Jugendlichen hin, deren Ursachen sowohl innerhalb der Familie als auch in deren Umfeld liegen können.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich einen vagen Verdacht habe, aber nicht direkt zur Polizei gehen will?

Alle, die eine Vermutung haben – sowohl Privatpersonen als auch pädagogische Fachkräfte – können sich zum Beispiel an die Mädchenberatungsstelle, den Kinderschutzbund oder das Jugendamt wenden und sich zunächst auch anonym beraten lassen, also ohne Namen zu nennen.

Eine Ferndiagnose dürfte allerdings schwierig sein.

In einem ersten Schritt wird gemeinsam überlegt, wie man das Kind im Alltag stärken kann, sodass es den Mut findet, sich jemandem anzuvertrauen. In vielen Fällen verraten auch Täter sich selbst durch ihr Verhalten. Zum Beispiel, indem sie Kindern unangemessene Geschenke machen oder sich auch in der Öffentlichkeit sexuell grenzüberschreitend verhalten.

Falls der Täter sich selbst nicht verrät, kann es unter Umständen aber eine ganze Weile dauern, bis dem Kind tatsächlich geholfen wird.

Wir sagen oft: Langsamer kommen wir schneller im Sinne des Kinderschutzes voran. Insbesondere, wenn es zwar Hinweise auf Missbrauch gibt, aber nichts Konkretes. Spricht man zu früh eine Familie auf eine Vermutung an, ohne klare Fakten zu haben, wird womöglich ein Täter gewarnt und setzt sein Opfer massiv unter Druck, damit es weiterhin schweigt. Schnell handeln kann man natürlich, wenn objektive Beweise wie beispielsweise kinderpornografisches Bildmaterial vorliegen.

Laut Polizei kommen die Täter oft aus dem Nahbereich der Opfer. Gibt es dafür eine Erklärung?

Täter suchen ihre Opfer oftmals im sozialen Nahbereich und nutzen deren Vertrauen aus, um sie zu verführen und zu missbrauchen. Je enger die Bindung zu einem Kind ist, umso leichter kann ein Täter ein Kind unter Druck setzen. Ihre Motivation für die sexuellen Gewalthandlungen ist meist nicht die sexuelle Anziehung zu Kindern, sondern es geht ihnen um die Ausübung von Macht. Das Gefühl der Überlegenheit erleben sie als Lust. Nur etwa fünf Prozent der Täter haben eine pädosexuelle Orientierung und fühlen sich nur von Kindern angezogen.

Im Fall der Vierjährigen aus dem Landkreis Wesermarsch war mutmaßlich der Lebensgefährte der Mutter der Täter. Wie ist es generell zu erklären, dass Missbrauch innerhalb der Familie unentdeckt bleibt?

Die Schweigegebote in Familien wirken sehr viel intensiver als in anderen Lebensbereichen. Kinder vertrauen sich zum Beispiel ihren Müttern oftmals nicht an: Sie spüren, wie sehr die Wahrheit ihre Mütter belasten würde.

Wie geht es für die Kinder weiter, wenn der Täter verhaftet ist und der Missbrauch beendet wurde?

Manche Opfer sind einfach erleichtert. Andere leiden nicht nur unter den Folgen der Gewalterfahrungen, sondern auch unter den Belastungen des Strafverfahrens und der Trennung vom Täter, der häufig auch eine geliebte Person war. Betroffene Mädchen und Jungen brauchen therapeutische Unterstützung und insbesondere einen normalen Alltag, denn sie haben nicht nur sexuelle Gewalt erlebt, sie sind auch ganz normale Kinder, die spielen, singen, lernen und Freunde haben wollen.

Können die Kinder als Erwachsene ein normales Leben führen?

Wenn betroffenen Mädchen und Jungen geglaubt wird, sie geschützt werden und sie Hilfe bei der Bewältigung bekommen, haben sie eine große Chance, zu heilen und keine Langzeitfolgen zu entwickeln. Ob dies gelingt oder nicht, hängt vor allem von der besonnenen Reaktion der Umwelt ab.