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01.10.2017, 10:06 Uhr KOLUMNE

Warum ich glücklich bin, kein Vegetarier mehr zu sein

Von Claudia Scholz


Osnabrück. Unsere Autorin ernährte sich mehrere Jahre lang fleischlos. Am Vegetariertag erzählt sie, warum sie glücklich ist, keine Vegetarierin mehr zu sein. Eine subjektive Abrechnung mit einer entbehrungsreichen Zeit.

Vier Jahre lang habe ich mich allein von fleischloser Kost ernährt, dann hörte ich von einem auf den anderen Tag auf. Ich begann mit kleinen Portionen Rindertartar und Putenfleisch und arbeitete mich danach schrittweise wieder bis zum fetten Ribeye-Steak vor. Ich war ursprünglich zur Vegetarierin geworden, weil mich Fleischskandale ekelten. Außerdem wollte ich mich in Askese üben. Das Fleisch, das ich nun jede Woche esse, ist von hoher Qualität und regionaler Herkunft.

Ich bin froh, dass ich keine Vegetarierin mehr bin und diese Phase in meinem Leben überwunden habe. Heute bin ich toleranter, schlanker; ernähre mich gesünder und genussvoller und habe ein befriedigenderes Intimleben.

Für die meisten Veganer sind bereits Vegetarier schlechte Menschen, habe ich das Gefühl. Umgekehrt steht man als Fleischesser bei den Vegetariern in keiner hohen Gunst, wie ich erfahren musste. Genussvoll Fleisch zu essen , ist heute fast so schlimm und uncool wie Trump oder Autofahren gut zu finden. Man fühlt sich in den Metropolen als Außenseiter in einer Ökodiktatur. Vegetarier sind oft intolerant, so meine Erfahrung aus dem von Veganern, Fleischverweigerern und Rohköstlern zunehmend bevölkerten Berlin, wo ich eine Weile gelebt habe.

Als Vegetarierin dachte ich, die Wahrheit über die richtige Ernährungsweise gepachtet zu haben

Ich war als Vegetarierin auch intolerant. Irgendwann guckte ich allen Freunden und Bekannten auf den Teller, fragte sie: „Willst Du diese Mettwurst wirklich essen?“ oder „Du weißt schon, was Du gerade in Dich hineinschaufelst?“. Es ist wie mit Rauchern, die aufgehört haben. Eigentlich stört sie das Gequalme der anderen, auch wenn sie vorgeben, kein Problem damit zu haben. Nun, da ich nicht mehr rauche, fällt es mir schwer, lange unter Rauchern zu sein.

Ich bin gegen jede Haltung moralischer Überlegenheit, doch als Vegetarierin dachte ich, die Wahrheit über die richtige Ernährungsweise gepachtet zu haben und tyrannisierte meine Mitmenschen damit. Bei mir ging es zumindest nicht so weit, dass auch meine Katze auf Fleisch verzichten musste (Viele Vegetarier geben sogar ihren Haustieren fleischlose Nahrung, der Markt für diese Kost boomt), aber meinem Freund blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen oder heimlich eine Wurst essen zu gehen. Ob die Ehe von Gerhard Schröder und Doris Schröder-Köpf in Wirklichkeit daran zerbrach, dass sie ihn keine Currywurst mehr essen ließ?

Vegetarier leben nicht automatisch gesünder

Ich liebe Tiere, auch wenn ich sie esse. Doch gegen die Evolution wage ich mich nicht zu stellen. Die Natur hat den Menschen als Gemischtesser konzipiert, sonst wären wir heute nicht da, wo wir sind. Biologen sagen, dass sich unser Gehirn nur deshalb so großartig entwickeln konnte, weil wir angefangen haben, Fleisch zu essen. Der menschliche Organismus benötigt Eiweiß. Als Vegetarier bleiben da nicht viele Alternativen. Und diejenigen, die bleiben, sind mit Qualen im Bauch verbunden. Die wenigsten vertragen Hülsenfrüchte als wichtige Proteinlieferanten wirklich gut. Mir bekamen sie auch nicht. Eine denkbar ungünstige Ausgangslage für ein Vegetarierdasein. Ein Großteil von Gemüsen wird zudem ebenfalls oft schlecht vertragen: Paprika, Pilze, Lauch, Kohl, Zwiebeln, Gurken, Rettich und viele mehr.

Als Vegetarier lebt man nicht automatisch gesünder. Ich kenne viele, die nur ein, zwei Gemüsesorten essen, dafür aber viel Brot, Käse, Pasta, haufenweise Kuchen und Süßigkeiten. Denn Obst und Gemüse allein machen auf Dauer nicht satt. Es entstehen Hungerlöcher während des Tages, die auch ich früher mal mit Schokolade, Torten oder anderen vegetarischen Kalorienbomben füllte.

Der Genuss kommt oft zu kurz

Fett ist ein Geschmacksträger. Fällt das tierische Fett weg, suchen sich Vegetarier andere Möglichkeiten, wenigstens ein bisschen Geschmack ins Essen zu bekommen: Sie benutzen sehr viel Käse, was nicht unbedingt gesünder ist. Oder sie essen Fleischersatzprodukte. Ich probierte es für eine kurze Zeit, kam aber zu dem Schluss, dass Seitan, Tofu und Wurstimitat erstens nicht schmecken und zweitens auch nicht gesund sind. Wer sich einmal die Inhaltsstoffe einer fleischlosen Wurst durchgelesen hat, will diese nie wieder essen. Dann genieße ich doch lieber gleich gute Wurst, aber dafür seltener. Ich ernähre mich heute ausgewogener und bin schlanker als damals, da ich abends auf Kohlenhydrate verzichte und nur Fisch und Fleisch mit einer Gemüsebeilage verzehre.

Der Genuss kommt im Vegetarierleben oft zu kurz, wie ich finde. Leider kochen die wenigsten vegetarischen Restaurants wirklich gut und wenn, dann gibt es sie nur in den Großstädten oder im Ausland. Urlaub in Bayern und Niedersachsen oder überhaupt im deutschen ländlichen Raum kann schnell im Frust enden.

Eine Woche Krautsalat in Bayern

Ich war als Vegetarierin mal eine Woche in Bayern. Es ist nicht gerade vergnügsam, sieben Tage lang nur Beilagen und Krautsalat zu essen. Ich organisierte mich beim nächsten Mal, nahm vorgekochtes Essen mit auf die Reise. Doch was hat das mit Urlaub zu tun? Ich bin zu neugierig, um nicht die Künste großer zeitgenössischer Köche auszuprobieren. Ihre Menüs krönt in aller Regel ein Fleischgericht, das auf eine Fischvorspeise folgt. Da würde mir als Vegetarier viel Lebensfreude entgehen.

(Weiterlesen: Die besten Adressen für Steak, Austern und Genuss auf Sylt)


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