Falsche Berichte über Rentnerin in München Muss Rentnerin wirklich 2000 Euro wegen Pfandsammelns bezahlen?

Viele ältere Menschen in Deutschland sammeln Pfandflaschen, um sich ein Zubrot zu verdienen. Die „arme“ Münchner Rentnerin, über die Medien deutschlandweit berichteten, bekommt eine Rente von 800 Euro und sammelt Flaschen, „nicht, weil ich arm bin“, wie sie sagt. Symbolbild: dpaViele ältere Menschen in Deutschland sammeln Pfandflaschen, um sich ein Zubrot zu verdienen. Die „arme“ Münchner Rentnerin, über die Medien deutschlandweit berichteten, bekommt eine Rente von 800 Euro und sammelt Flaschen, „nicht, weil ich arm bin“, wie sie sagt. Symbolbild: dpa

Osnabrück. Deutschlandweit haben Medien von einer 76-jährigen Rentnerin berichtet, die angeblich 2000 Euro Strafe wegen Hausfriedensbruch bezahlen und deshalb jetzt vorbestraft sein soll. Doch die Geschichte der gebeutelten Rentnerin ist falsch.

Die Geschichte klingt unglaublich, die einige Medien in den vergangenen Tagen verbreitet hatten und die im Netz für Unmut und Empörung sorgte: Die 76-jährige Rentnerin Anna Leeb soll vor Kurzem wegen Hausfriedensbruch angezeigt worden sein, weil sie zum wiederholten Male Pfandflaschen im Hauptbahnhof München sammelte. Sie sei nun vorbestraft und zu einer Geldstrafe von 2000 Euro verurteilt worden.

So dramatisch, wie viele regionale und überregionale Zeitungen die Geschichte erzählen, ist sie bei Weitem nicht, wie Recherchen unserer Redaktion ergaben. Zudem ist sie zu größten Teilen falsch.

Weder vorbestraft noch 2000 Euro Geldstrafe

Wie die Staatsanwaltschaft München I mitteilte, sei derzeit gar kein Strafverfahren gegen Leeb anhängig. Im Jahr 2013 hatte die Frau einen Strafbefehl bekommen, weil sie 16 Mal Hausfriedensbruch begangenen hatte. Immer wieder war sie trotz Hausverbots am Münchner Hauptbahnhof wegen Flaschensammelns (das Wühlen in Mülleimern nach Flaschen verbietet die Hausordnung der Deutschen Bahn) in den Bahnhof gegangen. Sie musste eine Strafe von 576 Euro in Raten zahlen (50 Tagessätze à zehn Euro plus Bearbeitungsgebühr).

Da Leeb kurz danach wieder vier Mal Hausfriedensbruch am Hauptbahnhof beging, wurde sie noch im gleichen Jahr vom Amtsgericht München verurteilt. Die Geldstrafe in Höhe von 450 Euro plus 300 Euro Verfahrenskosten konnte sie bis 2016 in Raten abzahlen.

Vorbestraft ist die Rentnerin aber nicht, weil sie keinen Eintrag ins Führungszeugnis bekommen hat. Diesen gibt es erst bei Geldstrafen von über 90 Tagessätzen.

Die Deutsche Bahn sagt zum Fall von Anna Leeb: „Das Hausverbot besteht seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Sie kann jederzeit den Hauptbahnhof betreten, muss sich allerdings an unsere Hausordnung halten – und hier gilt unter anderem, dass das Durchsuchen von Abfallbehältern nicht gestattet ist.“

„Ich sammle Flaschen nicht, weil ich arm bin“

Leeb hatte ursprünglich nicht aus Armut mit dem Flaschensammeln angefangen, wie es bei manch Obdachlosen der Fall ist, sondern weil sie sich zu ihrer auskömmlichen Rente noch etwas dazuverdienen wollte. Und es mache ihr auch Spaß, wie sie am Telefon erzählt.

Leeb bekomme 800 Euro Rente im Monat. Durch das Flaschensammeln verdiene sie sich 100 Euro dazu, die könne sie ihren Enkeln schenken. „Ich sammle Flaschen nicht, weil ich arm bin“, sagt die Bayerin, die mit ihrem Mann eine 75-Quadratmeter-Wohnung in München-Untergiesing bewohnt. „Ich komme klar.“

Durch die Empörung im Netz sind auf Change.org zehntausende Menschen dem Aufruf zu einer Petition für die Straffreiheit der Münchnerin gefolgt. Mittlerweile gibt es 63.198 Unterstützer.

Der Verein Charity München hat sogar ein Spendenkonto eingerichtet.

Den Spendenaufruf hält die Staatsanwaltschaft München I für bedenklich. „Denn viele Leute werden vermutlich spenden, obwohl sie die richtigen Umstände gar nicht kennen“, sagt eine Sprecherin.

Der Macher von Charity München, Felix Kreuzer, der selbst zugibt, nicht das ganze Ausmaß der Geschichte Leebs zu kennen, sagt: „Es ist falsch, die unsäglich traurige Geschichte runter zu spielen mit dem Hinweis dass Sie ja ‚nur‘ zu zwei Geldstrafen verurteilt worden sei und dass diese bezahlt seien. Diese Ungerechtigkeit und Härte unserer bayerischen Justiz ist auch zwei Jahre später aktueller denn je.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN