Von Hitze und Dürre dezimiert Wahre Überlebenskünstler: Die wilden Pferde in der Namib

Von Jürgen Bitter

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Windhoek. In Namibia leben die letzten Wildpferde Afrikas. Sie sind Urahnen der Tiere, die die Truppen von Kaiser Wilhelm vor 100 Jahren zurückgelassen haben.

Es ist ein trostloses Nichts mit einem schwarzen Band aus Asphalt. Schnurgerade ist diese Straße zum Atlantik, und sie durchquert den heißesten Teil der ältesten Wüste der Welt. Die Namib, die Namibia ihren Namen gab, ist dort eine lebensfeindliche Region. Sie ist mit „Leerer Platz“ zu übersetzen und lässt von dem kleinen Flecken Aus bis zur alten ehemals deutschen Hafenstadt Lüderitz zwischen Geröll, Sand und Felsen keinen Baum gedeihen. Hier hat man Temperaturschwankungen bis zu siebzig Grad Celsius gemessen. Selbst die an Hitze gewöhnten Oryx-Antilopen meiden die Gegend – doch dann tauchen ein paar schwarze Punkte am flirrenden Horizont auf – die berühmten wilden Pferde der Namib. Es sind die Urahnen der letzten Schlachtrösser des deutschen Kaisers.

Für die meisten Experten ist es ein Wunder der Evolution, dass sich diese Pferde in der rauen und unwirtlichen Umgebung behaupten konnten. Vermutlich verdanken sie das Überleben ihrem überlieferten Sozialverhalten und dem angeborenen Wissen, wonach nur aus der Gemeinsamkeit eine gewisse Stärke erwachsen könne. Die Angriffe der gefürchteten Tüpfelhyänen und Schakale auf die Fohlen wehren sie seit nunmehr einem Jahrhundert durch eine kluge Rudelbildung und durch ihre tapferen Hengste ab. Außerdem wurden sie nicht durch Verfolgung durch die Menschen bedroht, denn ihr Refugium ist ein Teil des staatlichen Diamanten-Sperrgebiets, das kein Unbefugter betreten darf. Aber der größte Feind der Wüstenpferde der Namib ist die anhaltende Dürre, die unter dem Hitzeschleier und der sengenden Sonne nur im Schatten der Berge Gräser wachsen lässt.

Einstige deutsche Kolonie

Als Namibia auf den Landkarten noch als Deutsch-Südwestafrika verzeichnet war, kamen die ersten Pferde mit Schiffen zur Lüderitzbucht. Eine eingleisige Bahnstrecke sollte den bis dahin allein mit Ochsenkarren zu bewältigenden Weg nach Keetmanshoop ersetzen. Dieser Bahnlinie, die die „Südwester“ unter den Einheimischen noch heute „Dicker Willem“ nennen, verdanken die heutigen wilden Pferde der Namib ihre Existenz. In Garub, von dem nur noch ein verlassener Bahnhof ohne Türen und Fenster übrig geblieben ist, gab es einen Brunnen, der den Dampflokomotiven der South African Railways Kühlwasser bescherte. Und dies ist heute die einzige Tränke der Vierbeiner.

Besonders für die Fohlen der wilden Namib-Pferde besteht eine große Gefahr durch Tüpfelhyänen und Schakalen. Foto: imago/blickwinkel

Mit dem Ende des an der verlassenen Geisterstadt Kolmanskuppe grassierenden Diamantenfiebers und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs änderte sich die Situation in der deutschen Kolonie sehr schnell, und als die Unionstruppen aus Briten und Südafrikanern dort einmarschierten, verließen die Siedler entweder fluchtartig das Land, oder sie wurden deportiert. Ihre Kavalleriepferde überließen sie ihrem Schicksal und somit einer imaginären Freiheit in den Weiten der Wüste. Einer anderen Theorie zufolge soll der deutsche Fliegerleutnant Paul Fiedler im März 1915 aus einem Roland-Doppeldecker eine Bombe in ein Lager der Südafrikaner abgeworfen haben, worauf fast 1700 Pferde in die Namib entkamen.

Seither streiten sich die Historiker über die Geschichte der berühmten wilden Pferde der Namib. Dass etliche von ihnen von jenen abstammen, die aus Deutschland in den afrikanischen Süden kamen, beweist wohl die Tatsache, das die meisten noch immer eine gewisse Ähnlichkeit mit den Trakehnern eines deutschen Barons aufweisen, der aus dem Erlös seiner Diamantenfunde in der Lüderitzbucht ein Gestüt aufbaute.

Kaum ein Fohlen überlebt

Wer heute am im Jahre 1993 errichteten hölzernen Unterstand bei Garub die wilden Pferde am Wasserloch beobachtet, der muss um den Fortbestand dieser Kreaturen in der Trostlosigkeit ihrer Umgebung fürchten. Schätzungen zufolge gibt es nur noch etwa hundert ausgemergelte Tiere, und in den vergangenen fünf Jahren hat es offenbar kaum ein Fohlen geschafft zu überleben. 2015 und 2016 fielen in dieser Region jeweils nur etwa fünfzehn Millimeter Regen, und um die kargen Weidegründe jenseits der Tiras-Berge zu erreichen, müssen die Pferde weite Wege zurücklegen. Aber: Alle zwei Tage benötigen sie, im Gegensatz zu den an die Wüste angepassten Oryx-Antilopen und Strauße, Wasser aus dem Brunnen bei Garub.

In einer nahen Lodge, die den ungewöhnlichen Namen „Klein Aus Vista Desert Horse Inn“ trägt und im „Hotel Aus“, das im alten Bahnhof von Aus herausgeputzt wurde, ist man sich bewusst, dass sich die wilden Pferde der Namib inzwischen zu einer Touristenattraktion gemausert haben. Einer von denen, die sich um den Fortbestand der anpassungsfähigen Tiere bemühen, ist Piet Swiegers, der lange glaubte, dass seine in den Schwarzen Kontinent ausgewanderten Ahnen aus Holland stammten, ehe er seine eigenen Wurzeln in einem alten Kirchenbuch in Badersleben am Harz entdeckte.

Treffen am Wasserloch

Lodge-Chef Swiegers schaut immer mal wieder am Unterstand in Garub vorbei, wenn sich die Stille der Nacht mit den Geräuschen der frühen Morgenstunde vermischt und die ersten Strahlen der Sonne einen goldenen Hauch über die Dünen werfen. Dann finden sich die wilden Pferde am Wasserloch ein. „Sie symbolisieren die Freiheit, die wir Menschen verloren haben“, sagt er und ruft zu Spendenaktionen für die bedrohten Kreaturen auf.

Swiegers Initiative in der Wild Horses Foundation fiel auf einen fruchtbaren Boden. Mit den bereitgestellten Namibischen Dollar beschenkt er die Pferde mit Heu, Luzernen, Mineralien, Salzlecksteinen oder Proteinpulver und hofft, damit einen Beitrag zum Überleben der Tiere leisten zu können. Natürlich ist auch ihm nicht entgangen, dass die Dürreperioden die versprengten Herden stark reduzierten, denn 1985 zählten die Naturschützer immerhin noch 280 Exemplare. Nun hoffen alle auf Regen. Nur eine erwachende und blühende Wüste garantiert das Überleben der Namib-Pferde an der Ruine des Bahnhofs von Garub, wo Unbekannte ein Schild in die Wand gekratzt haben: „Wild Horse Lodge“.


Infos: Flüge mit Condor oder South African Airways von Frankfurt nach Windhoek. Flugdauer: ca. 11 Stunden. Mit Mietwagen oder im Rahmen einer organisierten Tour in die Namib nach Aus und Lüderitz. – Namibia Wild Horses Foundation: www.wild-horses-namibia.com

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