Interview mit Psychologin Wie Frauen in die Prostitution gezwungen werden

Von Sven Kienscherf

Prostituierte warten auf dem Straßenstrich auf Freier. Foto: dpaProstituierte warten auf dem Straßenstrich auf Freier. Foto: dpa

Osnabrück. Die Diplom-Psychologin Bettina Zietlow vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) befasst sich mit Zwangsprostitution. Für eine Studie hat sie sich mit Tätern unterhalten. Im Gespräch berichtet sie unter anderem, wie diese ihre Opfer finden und gefügig machen.

Frau Zietlow, was für Menschen handeln mit Menschen?

Menschen, die erkannt haben, dass Menschenhandel ein Delikt ist, das man scheinbar einfach begehen kann, für das man wenig Know-how braucht und das sich lohnt.

Woher kommen die Täter?

Aus Deutschland, aus Rumänien und Bulgarien, aber auch aus Nigeria. In der Regel haben Täter und Opfer die gleiche Nationalität. Bei den meisten der Täter handelt es sich um Männer zwischen 20 und 30 Jahren.

Wer sind die Opfer und in welcher Beziehung stehen sie zu den Tätern?

Die Diplompsychologin Bettina Zietlow vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) befasst sich mit Zwangsprostitution. Für eine Studie hat sie sich mit Tätern unterhalten. Im Gespräch berichtet sie unter anderem, wie sie ihre Opfer finden und gefügig machen. Foto: Detlef Jürges

Die Täter sind Freunde, stammen aus der Familie oder dem Bekanntenkreis. Bei den deutschen Frauen sind die Opfer nicht selten unter 21 Jahre alt. Die Frauen werden dann von ihrem Freund aufgefordert, sich zu prostituieren, um ihm über „finanzielle Engpässe“ hinwegzuhelfen. Weigern sie sich, verändert sich die Strategie. Es wird Gewalt angewendet oder damit gedroht, die Beziehung zu beenden. Da geht es oft um emotionale Abhängigkeiten. Manche Frauen lassen sich auch darauf ein, weil sie meinen, relativ schnell Geld verdienen zu können.

Wie verhält es sich bei Tätern und Opfern aus dem Ausland?

Die Opfer aus Bulgarien und Rumänien sind Frauen, die der Not in ihren Heimatländern entfliehen wollen. Das sind teilweise Frauen mit keiner oder einer geringen Schulbildung, die keine anderen Möglichkeiten für sich sehen, Geld zu verdienen. Mitunter wissen die Frauen, dass sie als Prostituierte arbeiten werden, machen sich aber falsche Vorstellungen von den Umständen.

Es gab einige große Fälle in Norddeutschland, da stammten Täter und Opfer aus einer ethnischen Minderheit. Eine so enge familiäre und geografische Nähe macht es für die Frauen schwer, aus der Prostitution herauszukommen. Denn dann richten sie sich nicht nur gegen die eine Person, für die sie sich prostituieren müssen, sondern letzten Endes gegen die ganze Familie.

Gibt es eine Masche, wie Frauen zur Prostitution gezwungen werden?

Nein, es gibt die sogenannten Push-and-Pull-Faktoren. Manche Frauen bringen die Bereitschaft mit, eine Tätigkeit im Ausland aufzunehmen, unter Umständen auch, sich zu prostituieren, um der Armut in ihren Heimatländern zu entkommen. Die Täter sprechen dann sehr zielgerichtet die Bedürfnisse der Frauen an. Sie gaukeln eine Liebesbeziehung vor, schenken Aufmerksamkeit oder befriedigen kurzfristig das Bedürfnis nach Luxus. Bei den Opfern aus Nigeria ist in der Regel die Familie involviert, sie werden mit einer Art Voodoo-Zauber eingeschüchtert. Wenn Täter geschickt sind, nutzen sie die emotionale Abhängigkeit aus und lassen ihren Opfern einen Teil des Geldes. In diesen Fällen dauert es dann sehr lange, bis Frauen, die sich eigentlich nicht prostituieren wollen, dagegen aufbegehren.

Wo ist die Trennschärfe zwischen freiwilliger Prostitution und Zwangsprostitution?

Bei der Zwangsprostitution wissen die Frauen zwar, dass sie als Prostituierte arbeiten, machen sich aber keine Vorstellung davon, was das tatsächlich heißt. Sie können sich nicht aussuchen, unter was für Bedingungen sie arbeiten wollen. Sie werden zu Praktiken gezwungen, die sie nicht wollen. Sie müssen eine große Anzahl von Freiern bedienen. Einige Frauen dürfen nichts von dem Geld, das sie verdienen, behalten. Die Täter gehen mit ihnen mal Klamotten oder Zigaretten kaufen und sie bekommen quasi Kost und Logis.

Warum gehen die Frauen nicht zur Polizei?

Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Häufig nehmen sie sich gar nicht als Opfer wahr. Sie kommen zum Teil aus Kulturen, in denen Frauen wenig gelten. Sie wissen gar nicht, was für Rechte sie haben und welche Möglichkeiten ihnen überhaupt zur Verfügung stehen. Andere Frauen befinden sich in psychischer Abhängigkeit zum Täter oder werden mit Gewalt eingeschüchtert.

Sie haben mit Tätern gesprochen, die in Haft waren. Haben die ein schlechtes Gewissen gezeigt?

Ein schlechtes Gewissen hatten sie nicht. Sie betrachten das als Geschäft.

Arbeiten die Täter alleine oder stehen größere kriminelle Strukturen dahinter?

Das Bundeslagebild des BKA zeigt eher, dass es kleinere Strukturen sind. Auf einen Täter kommen ein bis zwei Frauen, die er ausbeutet. Es scheinen eher keine großen Organisationen, sondern lockere Netzwerke zu sein, die dahinter stecken. Vielleicht sieht man die großen Organisationen aber auch einfach nicht.

Wie werden Fälle von Zwangsprostitution aufgedeckt?

Dass die Frauen sich von sich aus bei der Polizei oder bei einer anderen Anlaufstelle melden, ist eher selten der Fall. Manchmal wird der Polizei etwas von Freiern oder anderen Prostituierten gemeldet. Oder die Polizisten, die ganz viel im Milieu unterwegs ist, machen eigene Beobachtungen. Ein großer Teil der Polizeiarbeit ist es, Vertrauen zu schaffen, immer wieder Präsenz zeigen, Visitenkarten dazulassen und zu versuchen, die Frauen zu überzeugen, sich bei der Polizei zu melden. Sie versuchen, den Frauen klar zu machen, dass die Polizei in Deutschland nicht korrupt ist, so wie es in den Herkunftsländern bisweilen der Fall ist.

Nehmen die Fälle von Zwangsprostitution zu?

Das ist schwer zu sagen. Laut Lagebild des Bundeskriminalamts sinken die Zahlen. 2015 waren es 354 Fälle, 2011 waren es noch fast 500. Man muss aber auch sagen, dass es ein Kontrolldelikt ist. Die Polizei muss Ressourcen zur Verfügung stellen, sonst ermittelt sie nichts. Man vermutet, dass es durch die Migrationsbewegungen mehr potenzielle Opfer für Menschenhändler gibt.


Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung

Im Jahr 2015 wurden mit 364 abgeschlossenen Ermittlungsverfahren im Bereich des Menschenhandels zum

Zweck der sexuellen Ausbeutung erneut weniger Verfahren

geführt als im Vorjahr (2014: 392 Verfahren, minus 7 Prozent).

Die Zahl liegt damit wiederum deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre und ist das dritte Jahr in Folge rückläufig.

Der Anteil der Verfahren mit ausschließlich deutschen Opfern lag im Jahr 2015 bei Prozent

In weitaus mehr Verfahren wurden ausländische Opfer ermittelt.

Im Rahmen der Ermittlungen wurden insgesamt 573 Tatverdächtige und damit 13 Prozent mehr als im Vorjahr (507 Tatverdächtige) registriert.

Wie in den Vorjahren bildeten deutsche Staatsangehörige die größte Gruppe unter den Tatverdächtigen (25 Prozent), gefolgt von rumänischen (rund 21 Prozent) und bulgarischen (rund 13 Prozent) Tatverdächtigen.

Fast drei Viertel der Tatverdächtigen waren männlich (421 Personen), 22 Prozent weiblich (126 Personen). (Quelle: Bundeskriminalamt)

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