Umfrage der Antidiskriminierungsstelle Dicke Menschen fühlen sich oft benachteiligt – Änderung des AGG?

Von Cornelia Achenbach

Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung setzt sich dafür ein, dass der Punkt „äußeres Erscheinungsbild“ im AGG aufgenommen wird. Symbolfoto: dpaDie Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung setzt sich dafür ein, dass der Punkt „äußeres Erscheinungsbild“ im AGG aufgenommen wird. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Bilden dicke Menschen die letzte Gesellschaftsgruppe, über die man guten Gewissens Witze machen darf? Nach dem Motto: selbst schuld? Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung macht sich stark gegen Vorverurteilungen und setzt sich für die Aufnahme des Punkts „äußeres Erscheinungsbild“ im Antidiskriminierungsgesetz ein.

„Diskriminierungserfahrungen in Deutschland“ lautet der Titel einer Umfrage, die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor gut zwei Jahren in Auftrag gegeben wurde. Rund 18.000 Menschen wurden per Zufallsprinzip danach befragt, ob sie schon einmal Benachteiligungen erlebt hätten, rund 14.700 kamen dem Aufruf nach . Den Grund für die Diskriminierung konnten die Befragten selbst eintragen. Besonders häufig wurden Benachteiligungen aufgrund der Herkunft (3.900 Fälle), der Religion (2.000 Fälle) oder des Geschlechts (4.200 Fälle) angegeben.

Laut dem in diesem Jahr veröffentlichten Abschlussbericht stehen 634 der erfassten Fälle in Zusammenhang mit Körpergewicht. Dabei gilt Übergewicht oder äußeres Erscheinungsbild gar nicht als Merkmal, für das das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), umgangssprachlich besser bekannt als Antidiskriminierungsgesetz, greift. Kriterien, für die das Bundesgesetz derzeit gilt, sind hingegen: Rasse oder ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexuelle Identität. (Weiterlesen: „Dicke Menschen sollten sich nicht rechtfertigen müssen“)

„Die Debatte, die äußere Erscheinungsform ebenfalls in das Gesetz aufzunehmen, wird aber geführt“, sagt ein Sprecher der Antidiskriminierungsstelle und rudert im selben Moment noch zurück: „ergebnisoffen“ werde darüber nachgedacht. Es sei noch „zu früh“ für konkretere Aussagen zu dem Thema.

Vor allem Probleme im Gesundheitsbereich

Natalie Rosenke ist Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Ja, sie ist übergewichtig, sie muss nicht über die Themen Ernährung und Gesundheit aufgeklärt und belehrt werden, und nein, sie will nicht abnehmen. „Statt etwas an der Situation zu ändern, heißt es ständig, dass sich dicke Menschen verändern sollen“, sagt sie. Besonders schlecht Erfahrungen machen ihr zufolge übergewichtige Menschen in Krankenhäusern und im Bereich der Pflege. Auf einer interaktiven Karte sammelt der Verein Berichte über Diskriminierungsfälle. (Weiterlesen: Ist Übergewicht angeboren?)

Anonym berichtet jemand von einem Urologen, der bereits ohne Untersuchung zu wissen meinte, warum der Patient Schmerzen habe – es liege am Übergewicht. Ein anderer Arzt stellte später eine Entzündung der Blaseninnenwand fest, die nicht auf das Gewicht zurückzuführen sei. Ein anderer Schreiber berichtet von seinem Hausarzt, der ihm gegen seine Übelkeit und Schwindelattacken eine Diät verordnete. Erst Jahre später wurde in einer Uniklinik ein Gehirntumor festgestellt.

Probleme mit MRT-Geräten

„Körperliche Beschwerden dicker Menschen werden meist nicht ernstgenommen“, sagt Natalie Rosenke. Hinzu komme, dass viele Praxen und Krankenhäuser nicht auf dicke Menschen ausgerichtet seien: „Einige Diagnoseverfahren stehen hochgewichtigen Menschen aufgrund unzureichender Dimensionierung der Geräte gar nicht zur Verfügung. MRT-Geräte sind ein typisches Beispiel hierfür.“

Osnabrücker Kliniken auf adipöse Patienten ausgerichtet

Zumindest in Osnabrück gibt es diese Probleme jedoch nicht: Sowohl das Klinikum als auch das Marienhospital sind auf adipöse Patienten ausgerichtet. Betten, OP-Tische, MRT-Geräte, sanitäre Anlagen, spezielle Transport- und Toilettenstühle – alles vorhanden. „Wenn es darüber hinaus erforderlich ist, werden zusätzliche Betten geleast“, sagt Michael Schiffbänker, Pressesprecher der Niels-Stensen-Kliniken.

In Ostercappeln, im Krankenhaus St. Raphael, gibt es zudem ein zertifiziertes Adipositaszentrum, am Klinikum in Osnabrück eine Adipositaschirurgie. Diese Stationen sind allerdings auf Gewichtsreduktion bei erheblichem Übergewicht mittels Operationen ausgerichtet – und genau darum geht es Natalie Rosenke und ihren Mitstreitern ja gerade nicht.

Neben der Erweiterung des AGG um das Merkmal Gewicht fordert der Verband einen Aktionsplan zur Sensibilisierung der Bevölkerung für Gewichtsdiskriminierung. Und noch etwas ist Natalie Rosenke wichtig: Dass dicke Menschen selbstbewusster auftreten. Denn zur Wehr setzen sich Menschen mit hohem Gewicht auffallend selten, sagt die Vereinsvorsitzende.


Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG) e.V. ist ein gesellschaftspolitischer Verband mit dem Ziel, die soziale Akzeptanz von dicken Menschen zu verbessern und Diskriminierung auf der Basis von Körpergewicht entgegenzuwirken. Sie wurde im Jahr 2005 als Zusammenschluss von Menschen ganz verschiedenen Bauchumfangs gegründet, die sich vorgenommen hatten, die vorwiegend negative Sichtweise der Gesellschaft auf dicke Menschen zu verändern.