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Strafanzeige wegen Datenmissbrauchs Real beendet Gesichtserkennung von Kunden

Die Supermarktkette Real hat nach eigenen Angaben mit sofortiger Wirkung die Gesichterkennung von Kunden beendet. Foto: dpaDie Supermarktkette Real hat nach eigenen Angaben mit sofortiger Wirkung die Gesichterkennung von Kunden beendet. Foto: dpa

zud/cob Osnabrück. Die Supermarktkette Real hat nach eigenen Angaben mit sofortiger Wirkung die Gesichtserkennung der Kunden beendet. Der Verein Digitalcourage hatte zuvor Strafanzeige gegen das Unternehmen und die Deutsche Post wegen Datenmissbrauchs erstattet. Die Deutsche Post will an der Gesichtserkennung festhalten.

Wie die Supermarktkette Real am Mittwoch in einer Pressemittelung erklärt, zeichneten in 40 ausgewählten Real-Supermärkten in einem Pilotprojekt seit Herbst 2016 Kameras die Gesichter von Kunden auf, um so Alter, Geschlecht und Interessen zu Werbezwecken zu analysieren.

Im Raum Osnabrück und im Emsland wurde die Gesichtserkennung nicht getestet.

Auch in 100 Filialen der Deutschen Post kam das Verfahren zum Einsatz. Der Verein Digitalcourage aus Bielefeld stellte Strafanzeige wegen Datenmissbrauchs gegen beide Unternehmen. Die Deutsche Post lässt sich von der Anzeige nicht beeindrucken und teilt in einem Gespräch mit unserer Redaktion mit, dass das Pilotprojekt rund um die Gesichterkennung weitergeht. Grund: Das Projekt sei datenschutzrechtlich nicht bedenklich, was auch das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht bestätigt habe. „Nach Abschluss der einjährigen Testphase Ende 2017 wird das Pilotprojekt bewertet und dann entschieden, ob und in welcher Form der Test weiter fortgeführt wird“, sagte ein Sprecher der Deutschen Post DHL Group im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Projekt wird in 100 Partnerfilialen in Köln, Hamburg, Berlin und München geführt. Filialen in Osnabrück oder im Emsland sind nicht betroffen.

Die Anzeige des Vereins Digitalcourage gegen die Supermarktkette Real zeigt dagegen Wirkung. Real begründet den Stopp der Gesichtserkennung folgendermaßen: „Hintergrund dieser Entscheidung ist die in den vergangenen Tagen öffentlich geführte Diskussion, die den Eindruck erweckte, in real,- Märkten würden im Kassenbereich ohne Wissen der Kunden Daten erhoben.“

Alle „Blickkontakte“ erfasst

Für das Pilotprojekt wurden bei den in der Nähe der Kasse befindlichen Werbebildschirmen Kameras installiert. Auf Anfrage unserer Redaktion erklärte Real, die Kamera habe alle „Blickkontakte“ des Bildschirms erfasst. Analysiert wurden Anzahl der Betrachter, geschätztes Alter, Geschlecht, Zeitpunkt der Betrachtung und die Betrachtungsdauer. Ausgewertet wurden die Daten von der Echion AG aus Augsburg. Real gab an, dass die Bilder weder übertragen noch gespeichert wurden.

Real erklärte, das System erkenne beispielsweise einen Mann von etwa 45 Jahren, aber nicht, wer diese Person genau ist. Somit seien nach Angaben der Supermarktkette keine personenbezogenen Daten im Sinne des Bundesschutzgesetzes entstanden. Die Einhaltung der gesetzlichen Datenschutzrichtlinien sei jederzeit gewährleistet worden, was auch das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht bestätigt habe.

Verein Digitalcourage kritisiert Post AG

Informiert wurden die Kunden mit dem Hinweisschild: „Dieser Markt wird videoüberwacht“. Der Verein Digitalcourage hielt den Hinweis für ungenügend und erklärt, die Kunden erwarten von diesem Satz, dass wegen möglicher Diebstähle und nicht für Marketingzwecke gefilmt werde.

Nun gibt die Supermarktkette zu: „Der Kundennutzen vom Einsatz technologischer Weiterentwicklung muss jederzeit für Kunden nachvollziehbar sein. Das war im vorliegenden Fall nicht gewährleistet.“ Nach Angaben des Sprechers der Deutschen Post DHL Group seien in den betroffenen Partnerfilialen der Deutschen Post gar keine Hinweisschilder angebracht.

Digitalcourage zeigt sich erfreut über den Stopp der Gesichtserkennung. „Unsere Medienarbeit und Strafanzeige waren erfolgreich. Denn es ist leider nicht selbstverständlich, dass Unternehmen die Bedürfnisse von Verbraucher/Innen ernst nehmen (außer solche, mit denen man Umsatz machen kann).“ Der Verein fordert, dass nun auch die Post AG nachziehen und die Gesichtserkennung beenden müsse.


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