Auf der Suche nach dem Sinn: Warum Kirche? Glaube in der heutigen Zeit: Verliert die Kirche an Bedeutung?

Von Sina Wilke

Kein Interesse für die Bibel. Des eigenen Glaubens ungewiss. Unsere Autorin fragt sich: Warum Kirche? Foto: dpaKein Interesse für die Bibel. Des eigenen Glaubens ungewiss. Unsere Autorin fragt sich: Warum Kirche? Foto: dpa

Osnabrück. Weihnachten, Konfirmation, Trauung. Und sonst? Viele Menschen fühlen sich der Kirche nicht mehr verbunden. Unsere Autorin fragt sich, was sie trotzdem noch dort zu suchen hat.

Mein Vater neben mir, Orgelmusik, Vorfreude. Es ist Heiligabend. Meine erste Erinnerung an Kirche. Unser Dreijähriger, der zwischen den Bänken liegt und flüstert: „Wann ist es vorbei?“ Konfirmation. Eine meiner letzten Erinnerungen an Kirche. Heiligabend, Konfirmation. Meine Verabredungen mit der Kirche. Rituale, die irgendwie dazugehören – doch dahinter kommt nicht viel.

Gestammel. Das wäre meine Reaktion, wenn jemand mich fragte, warum ich in der Kirche bin. Nach Worten suchen, nach Antworten. Die Konfession bekam ich als Baby mit auf den Weg wie meinen Vornamen: Niemand fragt dich, und ehe du dich selbst fragst, bist du konfirmiert und so daran gewöhnt, dass mögliche Zweifel sich im Alltag auflösen.


Da geht es mir wie wohl vielen Menschen im Land: Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert, gehe zu Trauungen und zu Beerdigungen in die Kirche, manchmal an Weihnachten. Unsere Kinder haben wir taufen lassen. Aber ich gehe nicht zum Gottesdienst. Das Glaubensbekenntnis kann ich auswendig, aber ich fühle es nicht. Beim Abendmahl den Leib Christi verspeisen – berührt mich nicht. Für die Bibel interessiere ich mich nicht, und auch meines Glaubens bin ich mir nicht gewiss. Um es kurz zu sagen: Ich frage mich, was ich überhaupt in der Kirche zu suchen haben.
Ich würde gern wissen: Ist es mehr als Gewohnheit, die mich an die evangelische Kirche bindet? Mehr als Bequemlichkeit? Oder gar Feigheit? Gibt es für mich überhaupt gute Gründe, in der Kirche zu sein?
Kirche verliert an Bedeutung. 36 Prozent der Deutschen sind bereits konfessionslos, und es werden immer mehr: Die Zahl der Mitglieder der evangelischen Kirche sank zwischen 2006 und 2015 von rund 25 auf 22 Millionen. Es gibt immer weniger Taufen, immer weniger Gottesdienstbesucher. Die Menschen sind satt, sie haben jede Menge Ablenkung, und sie suchen ihr individuelles Glück vermehrt im Privaten, nicht in einer Institution. Ihr Credo basteln sie oft nach persönlicher Fasson: ein bisschen Gott, ein bisschen Esoterik, ein bisschen Buddhismus. Oder auch nichts dergleichen, stattdessen Familie und Freunde. Keine höhere Macht. Höhere Macht?
Wozu Glauben? Foto: dpa
 
Als Erstes, wenn es um meine Rolle als Kirchenmitglied geht, muss ich meinen Glauben befragen. „Wozu Glauben?“, hieß vor einiger Zeit eine Sendung von „aspekte“ im ZDF, und ich dachte, wie unsinnig die Frage ist. Natürlich kann man fragen, wozu Glauben gut ist; doch welche Schlüsse ziehe ich daraus? Alles klar, Glauben bringt nichts, dann lege ich ihn ab? Ich habe verstanden, zu glauben ist toll, also leg ich mal los? Im Gegensatz zur Kirche ist der Glaube keine Entscheidung.
Könnte ich entscheiden, würde ich ihn wählen. Ich finde den Gedanken wundervoll, mich gedanklich an etwas zu binden, das Halt gibt, Trost spendet, einen Sinn bietet. Die Idee, dass der Urknall kein Zufall war, und alles, was darauf folgte, kein bloßes Zusammenspiel von Molekülen und Evolution. Sondern dass wir beseelt sind und ein Schicksal haben – nicht nur das, irgendwann zu Staub zu zerfallen, nachdem wir ein von Hormonen gesteuertes Leben geführt haben. Der Gedanke ist unendlich tröstlich, dass jemand uns schützt und lenkt. Allein: Ich bezweifle ihn. Das heißt nicht, dass ich Gott ausschließe; bloß, dass ich mir unsicher bin. Aber muss ich deshalb die Kirche ausschließen?
Gerade in ländlichen Regionen werden die meisten Kinder auch heute noch getauft. Foto: dpa
 
„Die Kirche, die ich mir vorstelle, ist offen gerade auch für die Zwanzigprozentigen und die Nichtgetauften, die Zweifler und die Suchenden“, sagte jüngst der Kirchenkritiker und Priester Thomas Frings in einem Interview mit der „Zeit“. Kein moralisches Zwangskorsett also, eher ein offenes Angebot. Das gefällt mir; weiter bringt es mich nicht. Denn selbst wenn die Kirche mich will – will ich sie auch?
Ich befrage diejenigen, ohne die ich nicht an diesem Punkt stehen würde: meine Eltern. „Ich glaube nicht, dass wir einen Gott da oben haben“, sagt mein Vater, der gern in Gotteshäuser geht, weil er es dort feierlich findet. „Aber Kirche ist ein Teil unserer Kultur, deswegen bin ich noch drin.“ Einleuchtender finde ich, was er noch sagt: Bewusst christlich erzogen habe er meinen Bruder und mich zwar nicht. Aber „natürlich gehören christliche Werte wie Nächstenliebe dazu“. Nächstenliebe, Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit. Sicher braucht man, um das zu beherzigen, keine Kirche, und die Kirche beherzigt das auch nicht immer. Doch sie hat ein Narrativ, das Menschenwürde begründet, und das ist in meinen Augen stark.
„Ich finde die spirituelle Anbindung wichtig. Ohne Spiritualität fehlt dem Menschen ein Sinn im Leben“, sagt meine Mutter.
„Ich bin mit Kirche aufgewachsen, und die Jesusgeschichten habe ich immer gemocht.“ Die Speisung der 5000, Gewaltlosigkeit, „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“
Mit einer Geschichte aus der Bibel kam jüngst auch unsere sechsjährige Tochter nach Hause. Sie weiß, dass wir vom Affen abstammen. Nun hatte sie im Kindergarten von Adam und Eva gelernt. „Stimmt die Bibel denn jetzt?“, fragte sie. Ich erzähle das dem Pastor unserer Kirchengemeinde, Hans Lorenzen aus Munkbrarup. Stimmt die Bibel denn jetzt?
„Genau das schreckt viele ab“, antwortet er: die Frage, ob man an die Empfängnis durch den Heiligen Geist oder an Adam und Eva glauben müsse, um richtig glauben zu können. „Aber die Schöpfungsgeschichte ist eine theologische Geschichte, keine biologische.“ Man solle sie als Bekenntnis verstehen. „Man muss nicht daran glauben, dass Gott die Erde in sechs Tagen geschaffen hat. Aber dass er der Schöpfer dieser Welt ist. Dass durch ihn jeden Morgen die Sonne aufgeht und es wieder warm wird.“ Naturwissenschaften und Glauben als verschiedene Erkenntniswege, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Wirklichkeit befassen. Versteht meine Tochter das?
Oft in der Kritik: Der ehemalige Bischof von Limburg, Tebartz van Elst, gab Millionen für den Ausbau des Limburger Doms aus. Foto: dpa
 
Es gibt das Argument, dass Kirche schlicht ein Wirtschaftsunternehmen ist, das nicht nur Kirchensteuer einstreicht, sondern auch vom Steuerzahler subventioniert wird. Doch Geld ist für mich ein schlechter Grund bei der Suche nach einer geistigen Dimension.
Es gibt historische Argumente: Ablasshandel, Inquisition, Missionierung, Kriegsunterstützung. Oder dass Religionen generell Menschen entzweien, Unfrieden stiften, Kriege entfesseln, Wasser predigen und Wein trinken.
Jedoch: Meine Kirche entfesselt keine Kriege. Meine Kirche ist auch nicht Zölibat oder Tebartz van Elst, und sie predigt Frieden. Meine Kirche sind Feld- und Backsteinbauten, sind Pastoren, die man beim Dorffest trifft und die mal besser, mal schlechter predigen. Meine Kirche sind Hochzeiten von Freunden, Taufen mit der Familie, Beerdigungen mit Tränen. Meine Kirche sind meinetwegen auch Margot Käßmann, die in einer Talkshow über Frieden spricht, Landesbischof Ulrich, der zu Ladenöffnungszeiten zitiert wird, das ziemlich gute Magazin „chrismon“ oder „Moment mal“ auf NDR 2.
Darf ich mich überhaupt Christin nennen, nur weil ich Kirchensteuer bezahle? Oder bin ich eine Event-Christin? Und wenn ja – ist das schlimm? „Früher habe ich mich über Weihnachts-Christen geärgert. Heute freue ich mich über jeden, der kommt“, sagt Hans Lorenzen. „Gott ist nicht eng. Gott ist so weit, dass er auch toleriert, wenn man nicht jeden Sonntag zur Kirche geht oder sich seiner nicht sicher ist.“
Am Sonntag nach dem Gespräch gehe ich in den Gottesdienst. Es gibt eine Taufe, die Kinder legen Blumen auf den Rand des Beckens, alle lachen zusammen über den Täufling, ein kleines Mädchen im schneeweißen Kleid. Wir singen Lieder, ich mag das eigentlich, aber die unbekannten Stücke kriegen wir nicht auf die Reihe und bleiben stumm.
Viele Flüchtlinge mussten schon in Kirchen übernachten und fanden dort ein Dach über dem Kopf. Viele Flüchtlinge besuchen auch Gottesdienste in Deutschland. Foto: dpa
 
Mir gefallen die Worte des Pastors, aber mehr noch faszinieren mich drei Männer, die in einer der hinteren Bänke sitzen und aufmerksam dem Gottesdienst folgen – Flüchtlinge. Die Akustik ist so schlecht, dass ich dem Pastor nur schwer folgen kann. Vermutlich verstehen sie kaum etwas. Und doch sind sie hier, schlagen die Lieder nach, lauschen den Worten, werfen Geld in den Klingelbeutel. Ich denke an eine Bekannte, die aus dem Irak geflohen ist, weil sie dort als Christin verfolgt wurde. Ihre Geschichte macht mir manchmal ein schlechtes Gewissen, weil jemand für seine Religion – meine Religion! – so viel auf sich nimmt, während ich ein- oder zweimal im Jahr zu einem Ritual spaziere. Bin ich eine schlechte Christin?
„Gottesdienst ist im Leben eines Christenmenschen weitaus mehr als das, was sich sonntags zwischen zehn und elf Uhr in den Kirchen abspielt. Ob ich bete oder einen Schuh besohle – beides ist gleichermaßen Gottesdienst.“ Der Flensburger Stadtpastor Johannes Ahrens erklärt mir diese Gedanken Martin Luthers: Auch die profanste Arbeit hat eine geistliche Dimension. Der Mensch dient Gott mit seinem Leben. Ich finde den Gedanken klug, weil er um der Menschen willen ist, nicht um der Kirche willen. Doch umso heftiger wirft er die Frage auf: Warum dann überhaupt eine weltliche Instanz – warum Kirche?
„Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen“, sagt Pastor Lorenzen. „Sich regelmäßig an Jesus und seine Botschaft erinnern zu lassen, kriege ich alleine nicht hin“, sagt Ahrens. Texte aus der Bibel vorgelesen zu bekommen, sich ihnen auszusetzen, sei ein Service, der „Entdecken und Befremden“ gleichermaßen auslöse. Außerdem sei Kirche eine „Hüterin alter und kostbarer Worte und Werte. Es ist wichtig, dass es in dieser Gesellschaft eine Institution gibt, die für diese Werte die Fahne hochhält. Denn davon gibt es nicht so viele.“ Und dann habe Kirche ja neben der inhaltlichen noch eine diakonische und soziale Funktion.
Letztlich lasse sich der Sinn von Kirche auf drei Leitbegriffe herunterbrechen, sagt Lorenzen: Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden.
Etwas, das ich immer an Gott bewundert habe, ist, dass er es schafft, alle Menschen gleichermaßen zu lieben. 
Auch wenn sie Massenmörder sind oder Donald Trump heißen oder gerade rotzfrech zu Mama waren. Als ich klein war und im Kindergarten eine Freundin zu mir sagte „Vielleicht hat Gott mich ja mehr lieb als dich“, weil aus meiner Zahnpastatube nichts mehr herauskam, fand ich das dermaßen töricht, dass es mir die Sprache verschlug. Auch wenn Gott häufig als Drohkulisse benutzt wurde: Ich habe ihn nie als richtend und furchteinflößend erfahren, sondern immer als gütig. Als jemanden, der mir vermittelt: Es ist gut so, wie es ist. Du bist vollkommen mit deinen Fehlern.
Wenn ich aber nicht an ihn glaubte: Wer sonst sollte seine Rolle als göttliche, bedingungslos liebende Instanz ausfüllen? Und wenn ich der Kirche den Rücken kehre: Wer sollte meinen fragilen Glauben bestärken? Vielleicht kann Glaube doch ein Stück weit Entscheidung sein.
Und da ist noch etwas: dem Unbegreiflichen begegnen dürfen, nennt es Wunibald Müller. „Im christlichen Glauben bewahrt die Kirche eine Wahrheit, die Menschen sich nicht selber sagen können“, umschreibt es die evangelische Kirche auf ihrer Internetseite. Das hat auch mit Demut zu tun: das Eingeständnis, dass etwas größer ist als wir.
Ja, vielleicht reichen Aufklärung und Humanismus. Wissenschaft, Kunst, Philosophie. Das Grundgesetz. Wahrscheinlich sind das Werte und Sinnhaftigkeit genug, an die ich guten Gewissens glauben kann, wenn ich es mit reinem Verstand betrachte.
Und doch: Vor einer Sache kapituliert unser Verstand. Das Unfassbare, das Einzige, was unser Wissen komplett degradiert, unser Vorstellungsvermögen überflügelt, ist unser Dasein. Und ich fürchte, mir könnte etwas fehlen ohne die Kirche, die diese sagenhafte Leere füllt. Deshalb bleibe ich.