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Interviews mit Straftätern Ausländische Einbrecher: Was sie wollen, wie sie denken

Deutschland ist bei ausländischen Einbrechern beliebt, weil es als wohlhabend gilt und Wertsachen zum Teil ungesichert in den Wohnungen liegen. Strafen wirken auf die Täter nur selten abschreckend. Symbolbild: dpaDeutschland ist bei ausländischen Einbrechern beliebt, weil es als wohlhabend gilt und Wertsachen zum Teil ungesichert in den Wohnungen liegen. Strafen wirken auf die Täter nur selten abschreckend. Symbolbild: dpa

Osnabrück. Warum kommen Menschen nach Deutschland, um einzubrechen? Gina Rosa Wollinger vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat mit ausländischen Tätern gesprochen. Sie erzählt, was Deutschland attraktiv macht und warum einige Einbrecher stolz sind auf ihre Fähigkeiten.

Frau Wollinger, Sie haben Interviews mit 30 ausländischen Einbrechern geführt. Die Motivation der Straftäter ist demnach sehr unterschiedlich.

Die verschiedenen Täter-Typen unterscheiden sich dahingehend, dass sie sich und ihre Taten unterschiedlich wahrnehmen. Da gibt es den Typus, der aus der Not heraus einbricht, um seine Miete zu zahlen. Er hat dabei oft Angst, und die Einbrüche sind oft nicht professionell gemacht. Er ist auch nicht stolz auf seine Taten. In der Haft zeigt er sich reumütig und leidet unter der Strafe. Die Haft ist für diese Täter oft ein Punkt, wo sie sagen, ich mache das nicht mehr. Sie wollen eigentlich eine andere Lebensperspektive.

Anders ist es bei den Tätern, die den Weg zum schnellen Geld suchen. Die haben erkannt, dass man mit Wohnungseinbruch sehr leicht sehr viel Geld machen kann. Gewissensbisse deshalb haben sie nicht. Sie wollen sich ein bürgerliches bis luxuriöses Leben finanzieren.

Dann gibt es diejenigen, die Einbruch als Beruf verstehen. Sie identifizieren sich sehr stark damit und sind auch sehr stolz darauf. Das zeigt sich auch an den Formulierungen, mit denen sie über ihre Tätigkeit berichten. Sie sprechen beispielsweise davon, dass sie Arbeitserfahrung gesammelt haben und andere anlernen. Das sind regelrechte Schüler- und Lehrerverhältnisse. Interessanterweise sind diese Einbrecher nicht unbedingt in Banden strukturiert, sondern einige machen das bewusst alleine. Die kaufen sich Dienstleistungen dazu. Beispielsweise holen sie sich jemanden, der den Tresor öffnet oder jemanden, der den Fluchtwagen fährt. Diese Helfer werden nicht an der Beute beteiligt, sondern sie werden vorab bezahlt. Da kann man von einer Art Unternehmertum sprechen. Sie haben auch nicht vor, nach der Haft mit dem Einbrechen aufzuhören. Sie haben damit einen Lebensstil erreicht, den sie auf legalem Weg nicht erreichen können.

Bei Politikern und Polizei ist dennoch immer wieder von organisierten Banden aus dem Ausland die Rede, die nach Deutschland kommen, um hier diverse Einbrüche in möglichst kurzer Zeit zu begehen und dann schnell wieder zu verschwinden.

Das ist auch so, aber es ist komplexer. Wir haben Täter interviewt, die wirklich immer in der gleichen Konstellation vorgehen, immer mit den selben drei bis vier Leuten. Aber ganz viele andere begehen Einbrüche mit immer wieder wechselnden Leuten. Das macht es natürlich auch für die Strafverfolgungsbehörden schwer, die einzelnen Taten nachzuweisen.

Sie unterscheiden zwischen reisenden Tätern, die nach Deutschland kommen mit dem Ziel, Straftaten zu begehen und zugereisten Tätern, die kriminell werden, weil sie hier nicht legal Fuß fassen können.

Ja, das ist sehr interessant. Gerade bei den zugereisten Tätern sehen wir, dass sie mit der Hoffnung auf ein besseres Leben herkommen. Die wollen eigentlich legal arbeiten. Darunter sind auch Asylbewerber, die eine völlig falsche Vorstellungen von Deutschland haben. Die bemühen sich um einen Job, suchen potenzielle Arbeitgeber und verstehen nicht, dass sie gar nicht arbeiten dürfen. Es ist für sie dann schwer, mit diesem Frust umzugehen.

Andere kommen nach Deutschland, um schwarz zu arbeiten, was aber auch nicht klappt. Zurückzureisen ist für die Leute keine Option, weil sie die Zelte im Heimatland oft abgebrochen haben. Sie kommen hier dann schnell in Strukturen, wo sie hören, dass andere schon mal eingebrochen haben.

Gina Rosa Wollinger vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat mit ausländischen Tätern gesprochen. Sie erzählt, was Deutschland attraktiv macht und warum einige Einbrecher stolz sind auf ihre Fähigkeiten. Foto: privat/Gina Lisa Wollinger

Wie lernen Einbrecher das Einbrechen?

Einerseits von Leuten, die sie kennen und das schon mal gemacht haben. Aber es gibt auch Täter, die sich da vorsichtig herantasten. Viele Wohnungen sind schlecht gesichert, beispielsweise stehen die Fenster auf Kipp. Es ist gar nicht so schwer, da einzubrechen. Ich habe selbst auf einer Einbruchsschutzmesse ein Fenster aufgehebelt. Es ist unglaublich, wie schnell das geht.

Haben Ihre Interviewpartner eine Erklärung dafür geliefert, warum sie sich Deutschland ausgesucht haben?

Für Deutschland entscheiden sie sich, weil sie mit Deutschland das Bild eines wohlhabenden Staates verbinden. Man weiß, in deutschen Haushalten ist was zu holen. So drückte es ein Täter aus. Das ist auch eine Erklärung, warum die Einbruchszahlen seit 2006 zugenommen haben. Smartphones, Tabletts, aber auch Schmuck liegen sehr offen in den Haushalten herum, oft in den Schlafzimmern, so haben es uns die Täter erzählt. Ein Täter aus Rumänien hat berichtet, dass Freunde von einer Einbruchstour aus Deutschland zurückgekommen sind und berichtet haben, wie leicht das geht und wie viel man dafür bekommen kann.

Lässt Ihre Studie Schlüsse darauf zu, wie sich das Problem Einbruchdiebstahl besser bekämpften lässt?

Es geht den Einbrechern darum, das Entdeckungsrisiko gering zu halten und das funktioniert, wenn die Taten schnell ausführbar sind. Zusätzliche Tür- und Fenstersicherungen sind deshalb das A und O, weil es länger dauert, bis die Täter sie aufgebrochen haben. Alarmanlagen und Videokameras schrecken dagegen nicht wirklich ab. Die Täter stellen ihr Verhalten darauf ein, sie setzen eine Kapuze auf oder machen die Kamera kaputt. Die Alarmanlage lassen sie auch mal auslösen, da der Einbruch oft nur sehr kurz dauert.

Würden höhere Strafen die Täter abschrecken?

Das Strafmaß spielt für die Täter eigentlich gar keine Rolle. Die meisten Täter wissen gar nicht, was sie an Strafe erwartet oder sie haben eine ganz falsche Vorstellung davon. Die Obergrenze für Einbruch ist ja mit zehn Jahren Freiheitsstrafe recht hoch. Auch wenn die Mindeststrafe erhöht wird, ist das für diese Täter nicht relevant. Wenn die gefasst werden, kriegen sie sowieso eine mehrjährige Haftstrafe.

Haben Sie in den Gesprächen feststellen können, dass Einbrecher ein schlechtes Gewissen hatten oder Skrupel?

Reue oder ein schlechtes Gewissen hatten einige, wenn es um den materiellen Aspekt ging. Wenn Sie bei alten Leuten eingebrochen haben und dachten, die haben vielleicht ihr ganzes Leben dafür gespart. Die psychischen Folgen für die Opfer wurden von keinem Täter thematisiert. Einer der Täter sagte, ich bin eigentlich der Gentleman-Einbrecher, weil andere machen alles kaputt, aber das mache ich ja nicht; Ich hole mir nur den Kram, den ich brauche.

Welches Interesse hatten die Straftäter, sich mit Ihnen zu unterhalten?

Das war unterschiedlich. Wir haben 20 Euro in Aussicht gestellt als Gutschein für den Einkaufsladen oder als Überweisung auf das Entlassungskonto. Einer meinte, es war gut, mit jemandem in der eigenen Sprache zu sprechen. Die meisten Interviews wurden in der Muttersprache mit Dolmetscher geführt. Für viele Häftlinge in der JVA sind solche Studien eine Abwechslung vom Alltag. Es gab auch Häftlinge, die gesagt haben, sie wollen einen Schlussstrich ziehen und wollen darüber reden und sich frei davon machen.


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