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Umfrage der DLRG Immer weniger Menschen in Deutschland können schwimmen

Von afp


Hannover. Mindestens jeder zweite Grundschüler in Deutschland kann nicht richtig schwimmen.

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Demnach besitzen nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Jugendschwimmabzeichen. Die Eltern bewerten die Schwimmfähigkeit ihrer Kinder dabei besser als die DLRG-Experten.

Seepferdchen reicht nicht aus

„Als sicherer Schwimmer kann nur gelten, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens in Bronze sicher beherrscht“, sagte DLRG-Vizepräsident Achim Haag am Dienstag in Hannover. Dabei müssen Kinder innerhalb von 15 Minuten mindestens 200 Meter schwimmen. Das Seepferdchen-Abzeichen reicht nach Ansicht der DLRG nicht aus, um sicher zu schwimmen.

Obwohl die Grundschulen per Gesetz den Auftrag haben, die Schwimmausbildung zu übernehmen, komme sie an vielen Schulen zu kurz oder falle ganz weg, weil kein Schwimmbad erreichbar sei, beschrieb Haag. Mittlerweile hat ein Viertel der Grundschulen keinen Zugang zu einem Bad. Allein 116 Schwimmbäder schlossen der DLRG zufolge deutschlandweit im vergangenen Jahr.

Weniger Kinder lernen Schwimmen

Entwicklung der Zahl der Todesfälle durch Ertrinken von 2009 bis 2016 und Orte der Todesfälle (See, Meer, Kanal etc.). Grafik: dpa

Die neue Umfrage zeigt tatsächlich: Während in der Altersgruppe der über 60-Jährigen noch 56 Prozent in der Grundschulzeit schwimmen lernten, sind es bei den 14- bis 29-jährigen Befragten mit 36 Prozent nur noch gut ein Drittel. „Wenn diese Entwicklung so weitergeht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann Deutschland zu einem Land der Nichtschwimmer wird“, mahnt der DLRG-Vizepräsident.

Wenn die Kinder vier oder fünf Jahre alt sind, kann aus Sicht der DLRG problemlos damit begonnen werden, ihnen schwimmen beizubringen. Ein Problem ist auch, dass viele Lehrer, die an Grundschulen unterrichten, nicht die sogenannte Rettungsfähigkeit besitzen. Sportlehrer, die Kinder ab der fünften Klasse lehren, müssen dieses Abzeichen hingegen während des Studiums nachweisen.

Mehr Badetote

Wer schlecht schwimmt, kann sich meist nicht selbst retten: In Notlagen lassen bei ungeübten Schwimmern schneller die Kräfte nach und sie geraten leichter in Panik. Im vergangenen Jahr ertranken in Deutschland 537 Menschen – ein Höchststand der vergangenen zehn Jahre. Im Vorjahr zählte die DLRG noch 49 Badetote weniger.

2016 waren insgesamt 64 Flüchtlinge unter den Ertrunkenen, im Jahr 2015 waren es 27. Gespräche mit Augenzeugen und Rettern der DLRG haben ergeben, dass fast niemand von ihnen schwimmen konnte. Als Reaktion hat der Verein Baderegeln mittlerweile in fast dreißig Sprachen übersetzt und entsprechende Piktogramme anfertigen lassen. Kommunen und Badbetreiber können sie herunterladen.

Kurse für Flüchtlinge

Zugleich bietet die DLRG Schwimmkurse an – nicht nur für Kinder, sondern auch speziell für Flüchtlinge. Diese werden mit der Hilfe von Dolmetschern durchgeführt. Der Verein hat einigen Flüchtlingen so schon zuerst das Schwimmen beigebracht und sie anschließend weiter zu DLRG-Ausbildern geschult.

Die Jahresbilanz ist für den Verein trotzdem ernüchternd. Denn das selbst gesteckte Ziel der DLRG war seit 2012, die Zahl der Badetoten mindestens um die Hälfte zu halbieren. Das wären 260 Tote. „Da haben wir noch einen langen Weg vor uns“, sagte DLRG-Sprecher Achim Wiese.


Ist Deutschland ein Land schlechter Schwimmer? Fragen und Antworten

Warum können vor allem immer weniger Kinder sicher schwimmen? Generell sollte jedes Kind in der Schule schwimmen lernen. „Die Grundschulen haben den Auftrag, Schüler im Schwimmen auszubilden“, sagt der Generalsekretär der DLRG, Ludger Schulte-Hülsmann. Aber das umzusetzen, ist schwieriger geworden, weil viele Städte und Gemeinden in den vergangenen Jahren öffentliche Bäder geschlossen haben. Auf dem Land müssten Schüler zudem oft weit fahren, bis sie am Bad ankämen, betont Schulte-Hülsmann.

Was unterscheidet einen geübten von einem unsicheren Schwimmer? In Notlagen lassen bei ungeübten Schwimmern schneller die Kräfte nach. Manche geraten leicht in Panik, was es auch Helfern schwer machen kann. „Es reicht nicht, sich über Wasser zu halten. Kinder sollten eine längere Strecke schwimmen können“, mahnt der DLRG-Generalsekretär.

Wie kann ich sicherstellen, dass mein Kind gut genug schwimmt? Die DLRG empfiehlt, dass Kinder nach dem Frühschwimmerabzeichen – dem Seepferdchen – noch ein Bronze-Abzeichen erwerben. Dabei müssen sie innerhalb von 15 Minuten mindestens 200 Meter schwimmen. Auch viele Schwimmbäder bieten Kurse an. Später gilt: Wer regelmäßig schwimmt, bewegt sich im Wasser sicherer als jemand, der nur einmal im Jahr badet.

Aber es gibt ja in Deutschland einige Menschen, die gar nicht schwimmen können. Wie viele betrifft das? Die DLRG schätzt, dass bundesweit ein Drittel der Kinder und Jugendlichen sowie ein Viertel der Erwachsenen Nichtschwimmer oder schlechte Schwimmer sind. Dabei berufen sich die Lebensretter auf Studien mit Selbsteinschätzungen der Befragten. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Erst vor einer Woche ist eine 15-jährige Nichtschwimmerin im Eisbach in München ertrunken. Sie badete dort mit ihren Freundinnen, die nicht wussten, das eine von ihnen nicht schwimmen konnte. Nach einem gemeinsamen Sprung ins Wasser tauchte sie nicht mehr auf. Außerdem haben viele Zuwanderer nicht gelernt zu schwimmen. „Das liegt auch daran, dass Baden in vielen Kulturkreisen nicht zur Freizeitgestaltung gehört“, sagt Schulte-Hülsmann.

Jedes Jahr sterben bundesweit Hunderte Menschen beim Baden. Wie groß sind die Unterschiede je nach Region? Die Unterschiede sind groß: Während 2016 in Bayern 91 Menschen und in Nordrhein-Westfalen 76 ertranken, waren es im Saarland nur 2 und in Bremen 9. Bundesweit zählten die Lebensretter im vergangenen Jahr 537 Badetote, davon waren 64 Flüchtlinge. Das ist etwa jeder Achte.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da? Eher gut. Internationalen Ranglisten zufolge haben Deutschland und Großbritannien meist die geringste Zahl an Badetoten je 100.000 Einwohner. 2015 ertranken laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit 360.000 Menschen – mehr als die Hälfte davon waren jünger als 25 Jahre. Generell schnitten Russland und die Länder der ehemaligen Sowjetunion im internationalen Vergleich eher schlecht ab und die skandinavischen Staaten eher gut, so Schulte-Hülsmann. Auch in Australien und in Südamerika sterben viele Menschen im Wasser.

Wodurch können sich Menschen beim Baden konkret in Gefahr bringen? Im Wasser lauern zahlreiche Tücken: In Seen, Flüssen und im Meer können plötzlich Kaltzonen auftauchen. Schwimmer sind dann schneller erschöpft als im warmen Wasser, warnt die DLRG. Strömungen können Schwimmer erfassen und weit abtreiben oder sogar unter Wasser ziehen. Badende sollten sich das Ufer anschauen: Wenn das Wasser schnell tief wird, können unsichere Schwimmer schnell in Gefahr geraten. Bei Gewitter sollten Badende das Wasser in jedem Fall verlassen. Und auch Algen und Grünpflanzen können Schwimmern gefährlich werden.

Gibt es da konkrete Fälle? Ja. Vor vier Jahren ist ein 26-Jähriger im See eines Hotels in Perleberg in Brandenburg ertrunken. Er war einem ins Wasser gefallenen Ball nachgeschwommen und hatte sich in Schlingpflanzen verfangen. Taucher fanden die Leiche des Mannes am folgenden Tag.