Schauspieler mit Punk-Vergangenheit Wotan Wilke Möhring: „Bis heute ein Ziehen im Nacken“

Von Marcus Tackenberg


Osnabrück. Nicht nur in vielen seiner Rollen, auch im persönlichen Interview versprüht Wotan Wilke Möhring seinen kumpelhaften Charme, der den 49-jährigen Schauspieler so sympathisch macht. In seinem aktuellen Film „Happy Burnout“ spielt Möhring einen Punk – eine Figur, die er nur zu gut aus seiner Jugend kennt.

Wotan, wenn man Ihren Facebook-Account verfolgt, sind Fußball und der BVB Dortmund ein großes Thema in Ihrem Leben. Haben die Spiele mittlerweile Einfluss auf Ihren beruflichen Terminkalender?

Das wäre jetzt zu viel gesagt. Ein Drehplan lässt sich ja nicht so ohne Weiteres ändern. Aber wenn ich den Termin eines Champions-League-Spiels rechtzeitig weiß und weitergebe, wird durchaus versucht, das Datum als sogenannten Sperrtermin aufzunehmen. Fußball ist für mich in der Tat sehr wichtig, weil ich es nur für mich mache. Auch wenn es manchmal zeitlichen Stress gibt, ist es für mich über die Jahre eine großartige Tradition geworden, mit sieben, acht Kumpeln zu den internationalen Spielen nach Lissabon, Madrid oder Liverpool zu reisen.

Ist das Ihre kleine Flucht aus dem Alltag?

Ich bin dann ganz ich und sitze auch nicht in der Loge, sondern ganz normal im Fanblock. Als Flucht würde ich das nicht bezeichnen. Das würde ja bedeuten, dass ich vor etwas flüchte. Eher flüchte ich mich in etwas hinein.

Haben Sie früher selbst gekickt?

Ja, aber nicht professionell, sondern auf Bolzplätzen, Asche und Rasen sowie vor Garagentoren. Im Verein habe ich Handball gespielt und Leichtathletik betrieben. Spätestens in meiner Punkphase war das dann alles vorbei mit der Vereinsmeierei.

Weil es in der Szene nicht angesagt war?

Deswegen nicht, aber mir war Vereinsmeierei an sich zuwider. Der Dresscode eines Mannschaftstrikots geht ja noch, aber spätestens wenn sich dann alle umziehen, hast du privat mit denen nichts mehr zu tun gehabt. Und am Wochenende halb besoffen zum Spiel zu kommen war auch nicht angesagt. Das Sinnbild des disziplinierten Sportlers hat einfach nicht mit dem des chaotischen Aufbegehrers zusammengepasst (lacht).

Wann und wie hat die Punkhaltung angefangen?

Mit der Musik. Die Musik ist ja immer die Keimzelle für jede Jugendkultur. Bei mir war es Hardcore, Bands wie Dead Kennedys, D.R.I., Discharge und Hüsker Dü. Ich war 15, als die Phase anfing, und sie hörte erst auf, als ich mit 20 zur Bundeswehr ging.

Hat Ihr Abi darunter gelitten?

Nein. Ich wurde auf der Waldorfschule wegen anderer Dinge zweimal verwarnt, das muss man auch erst einmal hinkriegen. Am Ende habe ich mir mein schönstes gelbes Rüschenhemd angezogen und die Abi-Rede gehalten. Ich hatte ein sehr verständnisvolles Umfeld.

Wie kommt ein punkiger Waldorfschüler dann ausgerechnet zu den Fallschirmjägern der Bundeswehr?

Ich habe während der Schulzeit in einem Dorf in der Nähe von New York mit geistig und körperlich Behinderten gearbeitet, und das wollte ich auch im Zivildienst gern machen, wäre aber nur über die Kirche oder den Entwicklungsdienst möglich gewesen und hätte drei Jahre gedauert. Mit der Kirche hatte ich nichts am Hut. Dann war mir aufgefallen, dass viele, die über den Bund nörgelten, selbst gar nicht da waren. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich drücke mich, und wollte mir den Laden mal angucken. Als ich im Freundeskreis von meinem Plan erzählte, haben mich alle für verrückt erklärt, weil „Bund“ total verpönt war. Ich fand es wiederum seltsam, dass ich als Punk-Freigeist nicht machen konnte, was ich will. Schließlich landete ich bei einer Truppe, wo es nicht um Saufen, Saufen, Saufen ging, sondern um draußen, draußen, draußen. Ich bin dahin gegangen mit der Haltung „Ihr kriegt mich nicht klein, ich zeige es euch“.

Haben Sie sich nicht gerieben an Hierarchie und sinnlosen Befehlen?

Laut Soldatengesetz gibt es keine Befehle wider das eigene Gewissen. Aber das steht und fällt natürlich mit den Befehlsgebern. Wenn dir ein Vorgesetzter erklären kann, warum man etwas machen soll, dann geht das auch in Ordnung. Ich hatte in der Hinsicht echt Glück und habe dadurch die Erfahrung gemacht, einfach auch mal die Fresse zu halten. Zu fühlen, wie es ist, wenn du nicht in der Führungsposition bist und trotzdem deinen eigenen Kopf behältst, war spannend.

Nach dem „Bund“ gingen Sie noch mal in die Staaten…

Richtig. Fünf Tage nach Ende der Bundeswehr flog ich mit einer Tasche voll Geld in die USA, ohne Planung einer Rückkehr. Daraus wurden zwei Jahre. Ich wollte „Firejumper“ werden, also ein Fallschirmspringer, der bei Waldbrand über dem Brandgebiet abspringt und die Löscharbeiten beginnt. Das klappte aber nicht, weil ich keine Greencard erhielt. Eine Freundin hat mich dann, mehr oder weniger ohne mein Wissen, in Deutschland bei der Hochschule der Künste in Berlin eingeschrieben. Nur deswegen bin ich zurückgekommen.

Welche Spuren hat der USA-Trip hinterlassen?

Ich musste mich zum Teil auf der Straße durchschlagen, in Busstationen schlafen und mir Essen aus Restaurants klauen. Ich habe unmittelbar mitgekriegt, wie jemand neben mir mit einem Baseballschläger totgeschlagen wurde. Weil ich immer allein gereist bin, habe ich viel reflektiert. Ich habe mich dem Leben hingegeben, als ob es kein Morgen gäbe – nach dem Motto „Es wird schon gut gehen“.

Dafür muss man viel Grundoptimismus besitzen…

Den hatte ich immer. Das war bei den Fallschirmspringern schon so, wenn du nachts bei Kälte in die Dunkelheit rausspringst, und auch bei der Geburt meiner Kinder. Das ist sicher ein Charakterzug von mir, aber auch Erfahrungssache. Wenn du dich zwei-, dreimal getraut hast, bekommst du Bestätigung, Kraft und Mut. Im Schauspielberuf ist es genauso. Ich probiere Dinge aus und lege oft mein Innerstes auf den Tisch, das können alle belächeln oder ernst nehmen. Es ist jedes Mal ein Sprung ins kalte Wasser.

Suchen Sie diese Herausforderung?

Nicht als Kick, wie ein Ex-Sportler, der Ersatz sucht. Aber den Satz „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ würde ich sofort unterschreiben. Weil ich davon überzeugt bin, dass das, was dir am schwersten fällt, dir den größten Gewinn bringen kann im Sinne von Erfahrung, Weisheit und Weiterentwicklung. Aber es muss nicht immer Action sein. Ich liebe auch die Langeweile, aus der sehr viel Kreativität entstehen kann.

Haben Sie sich Ihre unkonventionelle Punk-Haltung auch später noch bewahrt?

Das war nicht so sehr das klassische Punk-Ding, sondern eher ein Moment des Chaos in dem Sinne, dass alles anders wird, als man denkt. Dazu gehörten auch Unabhängigkeit und die Abstinenz von Sicherheit.

Haben Sie Versicherungen?

Ich habe sicher mal irgendwann Versicherungen abgeschlossen, als ich bei der Bundeswehr war. Und dadurch, dass ich nicht mehr allein auf der Welt bin, sondern drei Kinder habe, besteht auch eine andere in die Zukunft gerichtete Verantwortung. Das hat nichts mit Bausparen zu tun, sondern damit, dass es mir nicht mehr egal sein kann, was mit mir passiert. Eine Woche nur von Zwieback zu leben wäre für mich okay, für meine Kinder aber nicht. Familie und das Vaterdasein haben mich sehr bereichert. Das klingt immer so nach Einschränkung, aber das ist es nicht. Denn Kinder sind das personifizierte Chaos, die dich und die Welt an die Grenzen bringen.

Was geben Sie Ihren Kindern mit auf den Weg?

Eine gewisse Neugierde zu behalten, keine Angst vor dem Unbekannten zu haben. Sich selbst zu vertrauen und die Freiheit, die man sich selbst nimmt, anderen genauso zuzugestehen. Es kann alles noch so mies laufen, aber es ist ein positiver Auftrag, hier auf der Erde zu sein.

Was werden Ihre Kinder sagen, wenn sie Sie als Punk „Fussel“ in Ihrer neuen Komödie „Happy Burnout“ sehen?

Die lachen sich kaputt. Ich habe die Haare während der Dreharbeiten ja auch privat so zickig getragen. Das fand ich authentischer. Die Reaktionen waren entweder „Papa, mach das weg“ oder „Zeig noch mal“. Mein fünfjähriger Sohn denkt bereits, ich ginge nur wegen neuer Haarschnitte zum Film (lacht). Ich wollte im Film bewusst keinen „Irokesen“ tragen, sondern so, wie ich das kannte, an der Seite abrasiert und dann fällt das Haupthaar zu einer Seite runter.

Waren Sie damals in der Antifa tätig?

Antifa nicht, aber wir haben politische Anarcho-Fanzines, Schriften und Bücher dazu gelesen und waren ständig auf Demos. Mehrfach musste mein Vater mich von der Polizei abholen, weil die Beamten mich festgenommen hatten. Wir haben Farbbeutel gegen die „Bullen“ geworfen, aber auch viel „Mischerei“ mit den Glatzen gehabt. In Herne habe ich mal richtig was abgekriegt.

Was war passiert?

Wir waren auf einer Party, draußen standen die Glatzen. Jemand sagte: Die mischen wir weg. Wir alle gehen raus, dann ziehen die hinter mir die Tür zu, und ich war der Einzige, der draußen stand. Zu fünft haben die mich mit ihren Springerstiefeln zusammengetreten. Ich habe mich noch zusammengerollt, konnte mich aber an nichts mehr erinnern, als ich im Krankenhaus aufwachte. Gehirnerschütterung – die langweiligste Diagnose, die du bekommen kannst, weil du nichts tun darfst. Meine Kumpel haben wenigstens Bier ins Krankenhaus geschmuggelt und laute Musik angemacht. Prompt hat mich der Arzt rausgeschmissen. So ein Ziehen im Nacken ist bis heute noch meine Erinnerung an die nicht ausgeheilte Gehirnerschütterung. Ich war damals 16 oder 17.

Haben Sie noch Kontakt zu Gabriel Delgado Lopez von DAF?

Vor einem Jahr habe ich ihn in Córdoba besucht. Wir sind immer noch sehr gut befreundet. In den Neunzigern haben wir diese von mir nach Berlin mitgebrachte Punkenergie mit elektronischer Musik zusammengebracht. Daraus entstand bekanntlich die Melange DAF-DOS. Techno und die erste Loveparade auf dem Kudamm waren für mich auch Punk, weil es etwas Subversives und Chaotisches hatte.

Fehlt Ihnen die Musik heute?

Mir fehlt das Musikmachen. Auch das Gemeinschaftsgefühl, das dabei entsteht. Aber dafür hätte ich überhaupt keine Zeit mehr, denn du musst dafür regelmäßig proben.

Im Mai werden Sie 50. Ein Problem für Sie?

Nein. Ich finde es lustig, dass ich 50 werde. Dieses Datum war immer so weit weg. Man fühlt sich ja mal wie 25, mal wie 75, aber 50? Ist schon irgendwie surreal.

Ist das für Sie eine Gelegenheit, Bilanz zu ziehen?

Was ich gut finde, ist der Gedanke, mal innezuhalten. Gar nicht so sehr als Rückschau, sondern um aus Fehlern zu lernen. Die halbe Perspektive in die Zukunft ist der Blick nach hinten. Natürlich haben Jugendfreundschaften jetzt einen ganz besonderen Wert. Wenn ich zurückblicke, würde ich wahrscheinlich sehr wenig ändern. Ich bin froh, dass ich in all der Zeit weder dem Mammon noch irgendetwas anderem verfallen bin.

Wer hat eigentlich den Vornamen Wotan ausgesucht?

Das weiß ich gar nicht. Mein Vater war zwar Wagner-Fan, aber das spielte gar keine Rolle. Darüber habe ich auch nie nachgedacht. Du wächst mit dem Namen auf, den du hast – fertig.

Gab es nie Anspielungen auf den germanischen Namen?

Nein. Höchstens mal Wotan der Schreckliche.

Im Tatort spielen Sie den Kommissar Thorsten Falke. Was gefällt Ihnen an der Rolle?

Ehrlich gesagt, hatte ich mich lange davor gedrückt. Man hatte mich ja schon vor Jahren gefragt. Eine Figur nicht in 90 Minuten zu Ende zu erzählen, sondern über eine lange Zeit zu entwickeln und die Möglichkeit zu haben, mit Inhalten auf das Zeitgeschehen zu reagieren, ist aber eine große und schöne Herausforderung. Man ist ja nicht nur Kommissar, sondern streift zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Trotzdem hat man die Freiheit, sich auszuprobieren.

In Umfragen von Frauenmagazinen zählen Sie immer wieder zu den Traummännern. Was macht einen echten Mann aus?

(Lacht) Ein echter Mann ist einer, der überhaupt nicht darüber nachdenkt. Ich tue mich schwer mit männlich und unmännlich. Ich koche gern, versorge die Kinder und bringe sie zur Schule, wenn sie bei mir sind. Es ist wohl die Anerkennung von Verantwortung, Loyalität und ulkigerweise ein gewisses Maß an Kraft, zum Beispiel, wenn es darum geht, das Marmeladenglas aufzumachen.

Sind Sie für Humor zuständig?

Ja. Ich habe gelesen, dass Kinder ihren Humor von den Vätern lernen, weil Mütter sie füttern, den engsten Kontakt haben und ihnen die ersten Regeln beibringen, während Vätern nur die Chance bleibt, als Pausenclown auf sich aufmerksam zu machen. Später relativiert sich das dann. Zu Karneval habe ich mich tatsächlich für die Kinder als Clown verkleidet, obwohl ich mit Karneval nie viel am Hut hatte.

Fühlen Sie sich erwachsen?

Im Film „Happy Burnout“ kommen so schöne Sätze wie „Hast du immer noch deinen Kindheits-Spitznamen?“ und „Sei einfach du selbst, nur besser“ vor. Zum ersten Mal erwachsen gefühlt habe ich mich mit dem Kind auf dem Arm, weil man dann einfach eine Generation weiterrückt. Man gehört zu der Gruppe der Väter und Mütter. Plötzlich habe ich mir anständige Möbel gekauft und gedacht: „Jetzt kannst du nicht mehr weg, dich nicht mehr verpissen.“ Aber ich muss auch sagen, dass ich mit jedem Tag immer mehr Vater werde, ich bin es ja nicht auf Anhieb gewesen. Genauso wird man mit jedem Tag mehr Mensch. Diesen Prozess lebendig zu halten, finde ich ganz wichtig.