Staatliche Zuschüsse für Pflegebedürftige Nähe, Zärtlichkeit, Kuschelsex – eine Sexualbegleiterin über ihren Job

Von Meike Baars

„Schön ist es, wenn echte Nähe entsteht“: Deutschland diskutiert über die Frage, ob der Staat behinderten Menschen sexuelle Dienstleistungen bezahlen sollte. Foto: David Ebener / dpa„Schön ist es, wenn echte Nähe entsteht“: Deutschland diskutiert über die Frage, ob der Staat behinderten Menschen sexuelle Dienstleistungen bezahlen sollte. Foto: David Ebener / dpa

Osnabrück. Deutschland diskutiert ein Tabuthema: Wie gehen Menschen mit schweren Behinderungen mit ihren sexuellen Bedürfnissen um? Sollte der Staat ihnen Zuschüsse für professionelle Liebesdienste zahlen? Nina de Vries arbeitet als Sexualbegleiterin. Ein Interview über die Chancen und Grenzen ihres Jobs.

Haben pflegebedürftige Menschen ein Grundrecht auf sexuelle Befriedigung? Eine Grünen-Politikerin sorgte in dieser Woche mit einem Vorstoß für Diskussionen. Ihre Meinung: Unter Umständen solle der Staat Alten und Schwerbehinderten eine Prostituierte bezahlen. Nun redet Deutschland über die sexuellen Bedürfnisse von Menschen in Pflegeheimen. „Endlich!“, sagt Nina de Vries. Die gebürtige Niederländerin arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Sexualassistentin mit Menschen zusammen, die schwere physische und psychische Beeinträchtigungen haben. Sie lebt in Potsdam, nimmt aber Termine in ganz Deutschland wahr.

Sie arbeiten als Sexualbegleitung, gelten als Pionierin in dem Gebiet. Wie würden Sie selbst Ihren Job beschreiben?

Ich mache zwei Dinge: Ich informiere die Öffentlichkeit über das Thema Sexualbegleitung. Ich halte Vorträge auf Kongressen und Tagungen und gebe Fortbildungen in Alters- und Heilerziehungseinrichtungen. Außerdem biete ich als Sexualbegleiterin Einzeltermine für schwer geistig behinderte Menschen an. Das sind oft Menschen, die kein Konzept von Sexualität haben, aber in irgendeiner Form darauf aufmerksam gemacht haben, dass sie solche Wünsche haben könnten. Etwa weil sie aggressiv gegen sich selbst oder andere sind oder weil sie Pflegerinnen berührt haben. Das ergibt sich meist im Gespräch mit dem pflegerischen und persönlichen Umfeld. Da gibt es inzwischen viel gut aufgeklärtes Personal.

Wie nähern Sie sich den Menschen, die Sie zum ersten Mal als Kunden treffen?

Freundlich, behutsam, langsam, aufmerksam. Ich habe dann immer schon Informationen aus dem Umfeld: Welche Behinderungen hat der Kunde, welche Medikamente bekommt er, wie ist sein Verhalten? Das blende ich aber wieder aus, sobald wir in einem Raum sind. Denn erst dann merke ich, ob die Person auch möchte, dass wir zusammen sind.

Die Niederländerin Nina de Vries arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Sexualbegleiterin. Foto: privat

Wie können Sie das herausfinden, wenn ihr Kunde nicht sprechen kann?

Verbale Kommunikation ist nur ein winzig kleiner Teil des Kommunikations-Spektrums. Die Menschen, mit denen ich arbeite, können klar signalisieren, was ihnen gefällt und was nicht. Nur Menschen, die das können, kann man Sexualassistenz anbieten. Sonst ist die Gefahr des Missbrauchs zu groß.

Ist das, was Sie tun, Prostitution?

Es ist eine Form von Sexarbeit, ja. Ich bekomme Geld für eine sexuelle Dienstleistung. Das Geld wird bezahlt für eine gemeinsame Zeit, in der eine sinnliche erotische Begegnung stattfindet. Es geht nicht an erster Stelle darum, welche Handlungen passieren, sondern darum, wie sie gestaltet werden. Ich biete keinen Oralsex und Geschlechtsverkehr an.

Warum ziehen Sie da eine Grenze?

Es liegt nicht daran, dass ich es unmoralisch finde oder weil ich Angst vor skeptischen Reaktionen aus meinem Umfeld hätte. Das ist für mich eine persönliche Grenze. Es hat etwas mit Hygiene zu tun, aber nicht nur. Für mich kann das einfach kein Standardangebot sein. Und ich würde daran auch nicht rütteln, wenn man mir mehr Geld zahlen würde.

Haben Sie schon Ausnahmen gemacht?

Ja, das habe ich. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen 34-jährigen Mann, der im Sterben lag. Er konnte nicht mehr gut sehen, war gelähmt und wurde über eine Sonde ernährt, Multiple Sklerose im Endstadium. Er hatte den Wunsch geäußert, das noch einmal erleben zu wollen und diesen Wunsch habe ich ihm erfüllt. Bei meinen jetzigen Kunden reicht es oft, wenn man sich streichelt, massiert und den nackten Körper umarmt. Das, was unter dem Begriff „Kuschelsex“ verstanden wird.

Was sind Erlebnisse aus Ihrem Berufsalltag, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind – gut und schlecht?

Schön ist es immer, wenn eine echte Nähe entsteht. In Osnabrück habe ich in einem Heim zum Beispiel länger mit einem jungen Mann zusammen gearbeitet. Er war geistig behindert, gehörlos und hatte stark autistische Züge und ist durch störendes Verhalten aufgefallen. Er bekam dann ein dämpfendes Medikament. Seine gesetzliche Betreuerin wollte, dass das abgesetzt wird, weil es schädliche Nebenwirkungen hatte. Gleichzeitig wollte sie ihm die Möglichkeit bieten, andere – neue, sinnliche – Körpererfahrungen zu machen, und ich wurde engagiert. Dieser Mann hat dann oft schmunzelnd, manchmal ernsthaft in sich hinein horchend seine Sexualität entdeckt und gelernt, wie er sich selbst befriedigen kann. Das war für ihn, glaube ich, eine entlastende, entspannende Erfahrung.

Und negativ?

Wenn ich keinen Kontakt herstellen kann, dann frustriert mich das. Einige wenige Male habe ich die Arbeit auch abgebrochen. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel ein Mann mit Schädelhirntrauma, der ein stark wechselndes Verhalten zeigte. Einen Moment zärtlich und einfühlsam, im nächsten Moment hat er mich wüst beschimpft. Er konnte das nicht steuern. Da musste ich mir eingestehen: Das kann ich nicht, da muss ich eine Grenze ziehen. Das mache ich nicht gerne.

Sollte es staatliche Zuschüsse für Menschen geben, die Ihre Dienste in Anspruch nehmen wollen?

Für Menschen mit schweren geistigen Behinderungen und frühkindlichem Autismus, für die eine verbale Hilfestellung nicht das Richtige ist, weil sie die Informationen nicht verstehen, sollte es eine finanzielle Unterstützung für eine Sexualbegleitung geben. Das sind oft Menschen, die mehrere Sitzungen brauchen, um einen Kontakt herzustellen. Das lässt sich mit dem Werkstätten-Taschengeld nicht stemmen. Eine Sitzung kostet mindestens 90 Euro, bei Auswärtsterminen mehr.