Winterreise bei minus 21 Grad Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Tundra

Von Laura Elisa Nunziante

Auf den Bahnhöfen ist es eisig kalt. Das Thermometer zeigt teilweise minus 21 Grad. Foto: Laura Elisa NunzianteAuf den Bahnhöfen ist es eisig kalt. Das Thermometer zeigt teilweise minus 21 Grad. Foto: Laura Elisa Nunziante

Osnabrück. Wenn in Deutschland der erste Schnee fällt und die Dunkelheit bis in die Vormittagsstunden hineinreicht, erinnere ich mich an meine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Ich sehe die verschneite Tundra Sibiriens vor mir, die tagelangen, ruckeligen Fahrten im dunklen Waggon mit fünfzig Mitreisenden. Ein Rückblick.

Ich steige in die Rossiya No. 2. Dieser ist einer der ältesten Züge auf der Strecke von Moskau nach Sibirien. Die Provodnitsa, eine Zugbegleiterin, schimpft in meine Richtung. Sie verkörpert die Kreuzung zwischen einer dicken Kioskbesitzerin und einem Transvestit. Ich soll die Tür schließen, verdammt noch mal die Tür schließen. Ich weiß nicht, ob sie diese Worte wirklich von sich gibt, aber ich stelle es mir vor. Ich schaue auf die Temperaturanzeige, die an jedem Bahnhof angebracht ist: minus 21 Grad. Ich schließe die verdammte Tür hinter mir.

Ich suche meinen Platz mit der Nummer 55. Ich muss auf eine Leiter klettern, ich schlafe auf dem oberen Teil eines Hochbetts. Dort bleibe ich für Stunden liegen. Was gibt es auch anderes zu tun? Jemand kitzelt mich am Bein. Ich öffne die Augen. Die Provodnitsa lächelt, ihr Gesicht kommt dem meinem bedrohlich nahe. Ihr roter Lippenstift ist bis zur Nase verschmiert, durch das blond gefärbte Haar schimmert ein dunkles Kastanienbraun. Sie reicht mir eine Wolldecke, die ich mir um die Beine wickele. „Spasiba“, flüstere ich verschlafen. Die Provodnitsa zieht mit den dicken Wolldecken weiter durchs Abteil.

Pünktlich wie die Eisenbahn

Die Transsibirische Eisenbahn ist für die Russen wie für uns der IC. Nur pünktlicher. Obwohl wir über Tage reisen, kommen wir auf die Minute genau an den verschiedenen Stationen an. Pro Abteil gibt es nur eine einzige Toilette. Das Papier müssen wir in einen Mülleimer schmeißen, es stinkt hier gewaltig nach Scheiße.

Was uns Westeuropäer an dieser Art zu reisen fasziniert, erschließt sich dem Einheimischen nicht. Er wäre jetzt gerne überall – nur nicht in diesem überfüllten, dreckigen Zug. Zwischendurch gehen Frauen in roter Uniform mit ausrangierten Einkaufswagen durch die Reihen. Sie verkaufen Chips, Säfte, Schokolade und Bier. Zwischendurch setzen sie sich auf das Bett eines Reisenden. Sie plaudern. Wer nach dieser Audienz nichts bei ihr kauft, wird mit bösen Blicken gestraft.

Der Blick geht in die Weite. Foto: Laura Elisa Nunziante

Schnelle Ausnüchterung

Ich reise mit Lehrern, Schwangeren, Familien und Betrunkenen. Die Letzteren sind eine Randerscheinung: Jeder ist auf ihre schnelle Ausnüchterung bedacht. Im Samowar, dieses steht am Eingang des Abteils, gibt es heißes Wasser für Suppen und Tee.

Der Tag ist lang und wir trinken literweise. Ich habe ein Schachbrett mit, ich lade Mitreisende zum Spielen ein. Ich verliere gegen eine ältere Physiklehrerin, die auf der Durchreise zu ihrer Familie nach Wladiwostok ist. Sie amüsiert sich wie ein Zar, als sie in drei Zügen gewinnt. Ihr Sieg hat sich bald im Abteil herumgesprochen. Es formt sich eine Schlange vor meinem Hochbett. Gegen eine Deutsche gewinnen? Das lassen sich die Russen nicht zwei Mal sagen.

Wir alle sind Brüder

Wir sind jetzt eine große Familie. Wir alle sind Brüder, Schwestern, Omas und Cousins. Spinner, Streitlustige, Konfliktscheue und Betrunkene. Fast wie zu Hause.

Wenn ich aus dem Fenster schaue und die Schneeflocken leise herunterfallen; wenn der Zug sanft in eine Biegung ruckelt und sich zur Seite neigt, verliere ich mich in Tagträumen. Ich stelle mir vor, für immer nach Sibirien zu ziehen. Stelle mir vor unter Schneebergen zu hausen und Gedichte zu schreiben, die ich im Baikalsee versenke.

Mein Smartphone habe ich ausgestellt. In den ersten Tagen habe ich mich täglich bei meiner Familie gemeldet. Jetzt ist in mir eine Ruhe eingekehrt, die das Verweilen auf dem Bildschirm unmöglich macht. Ich schlage Buchseiten auf, nehme Stifte in die Hand, kritzele Notizen in mein Tagebuch.

Großeltern und Trunkenbolde

Die Rossiya No. 2 fährt drei Tage später um 14.52 in Nowosibirsk ein. Ich bin beeindruckt von der russischen Pünktlichkeit und schreibe den Vergleich mit dem IC endgültig ab. Ich schnalle meinen Rucksack auf, drücke feuchte Hände und nehme warme Oberkörper in den Arm. Do Svidaniya, meine Brüder und Schwestern, meine Großeltern und Trunkenbolde. Es war mir ein inneres Weihnachtsfest; wahrscheinlich sehen wir uns nie wieder. Vorsichtig tapse ich die vereisten Treppen herunter. Ich schaue auf die Temperaturanzeige über der Bahnhofsvorhalle: -32 Grad.