Schmales Becken, große Babys Evolution: Geburten per Kaiserschnitt verändern die Menschen

Von Konstantin Stumpe

Von den 716.539 Geburten im Jahr 2015 waren 222.919 Kaiserschnitte (31,1 Prozent) Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa   Von den 716.539 Geburten im Jahr 2015 waren 222.919 Kaiserschnitte (31,1 Prozent) Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa   

Osnabrück. Dass immer mehr Frauen ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen, führt zu einer veränderten Evolution des Menschen. Forscher der Universität Wien meinen, die Größe des mütterlichen Beckens und die Größe der Babys verändere sich.

31 Prozent der Kinder wurden laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2015 per Kaiserschnitt geboren. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es noch 21 Prozent. Forscher der Universität Wien bezeichnen dies als soziales Phänomen, denn die Zahl der tatsächlichen Geburtsprobleme sei deutlich kleiner. Besonders das „Becken-Kopf-Missverhältnis“ falle deutlich seltener aus. Dabei passt der Kopf des Kindes nicht durch den Geburtskanal der Mutter – ein Kaiserschnitt wird lebensnotwendig. (Weiterlesen: Geburten aus der Hölle)

Philipp Mitteröcker aus dem Fachbereich für theoretische Biologie an der Universität Wien hat nun herausgefunden, dass die Zahl der Frauen mit einem zu schmalen Becken im Vergleich mit der Größe des Fötus zunimmt. Ein Grund dafür könne sein, dass es dank der modernen Medizin heute möglich ist, dass auch Frauen mit einem schmalen Becken „relativ gefahrlos entbinden können“. „Damit entfällt, evolutionsbiologisch gesprochen, auch der Selektionsdruck hin zu einem breiteren Becken. Eine Frau mit einem schmalen Becken vererbt diese Merkmale an ihre Töchter weiter“, erklärt der Studienautor. Bevor Kaiserschnitte möglich wurden, sei es demnach nicht möglich gewesen, dass die Merkmale eines zu schmalen Beckens weitervererbt werden. Laut den Biologen der Universität Wien reichen bereits zwei Generationen, bis sich Fortschritte aus der Medizin in der Evolution des Menschen abzeichneten. (Weiterlesen: 62-Jährige bringt gesundes Mädchen zur Welt)

Laut Mitteröcker sei diese Entwicklung aber kein Nachteil. „Aus evolutionärer Sicht ist ein schmales Becken von Vorteil, einerseits für unsere Fortbewegung, aber auch, weil es bei sehr breiten Becken bei der Geburt zum Gebärmuttervorfall kommen kann“, beschreibt Mitteröcker. Andererseits seien jedoch die Überlebenschancen von großen Babys höher. Hier sind sich also zwei evolutionäre Vorteile gegenseitig zum Nachteil.

Da heute aber Kaiserschnitte möglich sind, werden die Becken schmäler und natürliche Geburten tendenziell problematischer, was einen Anstieg der Kaiserschnitte zur Fogle haben kann.

Laut dem Evolutionsbiologen werde es jedoch nicht dazu kommen, dass in 20 Generationen nur noch Geburten per Kaiserschnitt möglich sind, weil die Becken zu schmal und die Kinder zu groß seien. „Auch dieser Selektionsdruck wird stark durch die Medizin abgeschwächt. Zum Beispiel haben sehr kleine beziehungsweise zu früh geborene Kinder heute sehr gute Überlebenschancen und auch an einer Gebärmuttersenkung stirbt man nicht mehr“, meint Mitteröcker.