Fälle in Freiburg und Ibbenbüren 79-Jährige auf Friedhof vergewaltigt: Prozess beginnt Dienstag

Von Stefanie Witte


Osnabrück. Im Schatten der Ereignisse von Freiburg beginnt am Dienstag in Münster ein Prozess, bei dem es ebenfalls darum geht, dass ein Flüchtling eine Frau vergewaltigt haben soll. Der Tatort: ein Friedhof in Ibbenbüren. Opfer hier: eine 79-jährige Frau.

Zwei steinerne Engel wenden der Wiese ihre Rücken zu. Wie eine kleine Lichtung liegt sie da, eingerahmt von Gräbern. Das kalte, nasse Moos bedecken braune Eichenblätter. Vögel zwitschern, in der Ferne rauschen Autos vorbei. Eine Kirchenglocke läutet.

Was auf dieser Wiese vor knapp fünf Monaten passiert sein soll, macht viele in der westfälischen Kleinstadt Ibbenbüren immer noch fassungslos. An einem Sonntag im Juli, morgens gegen 6 Uhr, hat die Polizei laut Pressemitteilung einen 40-jährigen Mann aus Eritrea „bei einer Vergewaltigung angetroffen“, wie sie es seltsam sachlich formulierte. Das Opfer: eine 79-jährige Frau. Laut Polizei hatte jemand ihre Hilferufe gehört und den Notruf gewählt. Die Beamten nahmen den anerkannten Flüchtling, der seit 2013 in Deutschland leben soll, fest. Bis heute sitzt er in Untersuchungshaft.

Wenig Informationen

Schnell wurden Facebook- und Internetseiten von Medien, die darüber berichteten, mit Leserkommentaren überschwemmt. Auch in differenzierteren Äußerungen wurde die Tat als „ekelhaft“, „pervers“ und „krank“ bezeichnet. Andere formulierten fremdenfeindliche Hassbotschaften und riefen zu Gewalt auf. Die Artikel über die Tat wurden tausendfach geteilt und kommentiert. Nun dürfte die Debatte nun von neuem beginnen wird – parallel zur Diskussion über die Vergewaltigung und mutmaßliche Ermordung einer Studentin durch einen 17-jährigen Flüchtling in Freiburg.

Gericht und Polizei in Münster sind sich der Brisanz ihres Falles offenbar bewusst. Selbst in Boulevardmedien sind keine Informationen zu finden, die über die Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft hinausgehen – alle halten dicht.

Regelmäßige Friedhofsbesuche

Der mutmaßliche Täter soll in Hörstel gewohnt haben, zwei Bahnstationen vom Tatort entfernt. Vom Ibbenbürener Bahnhof sind es etwa zehn Minuten zu Fuß bis zum Friedhof. Die alte Dame soll ihn regelmäßig besucht haben. In Ibbenbüren erzählt man sich, dass sie häufig am frühen Morgen dorthin gegangen sei. Wenn es regnete, fuhr sie mit dem Taxi bis zur steinernen Treppe am Eingang. Einige Stufen sind es von dort bis zur kleinen Friedhofskapelle. Es geht vorbei an einer Übersichtstafel. Deren Schutzglas ist mittlerweile so verschmutzt, dass die eingezeichneten Parzellen dahinter kaum zu erkennen sind. Am Rande des Weges beugt sich ein alter Mann über ein Grab, recht das Laub rundherum zusammen. Etwas weiter, und der Tatort liegt zur Linken. Auf der Wiese standen früher Grabsteine. Unter einem lag wohl eine Angehörige des Opfers, heißt es in Ibbenbüren. Selbst als die Gräber eingeebnet und nur noch die kleine Wiese übrig war, habe die Dame regelmäßig diese Stelle besucht. Bis zum 24. Juli.

Prozess beginnt am Dienstag

Nach der Tat wurde die 79-Jährige ins Krankenhaus gebracht und blieb dort zwei Nächte lang. Auf dem Friedhof wurde sie seitdem nicht mehr gesehen. Der Prozess gegen den 40-Jährigen beginnt an diesem Dienstag vor dem Landgericht in Münster. Sollte er verurteilt werden, droht ihm eine Freiheitsstrafe von zwei bis fünfzehn Jahren. Wer als Flüchtling zu einer Haftstrafe verurteilt wird, kann unter bestimmten Voraussetzungen ausgewiesen werden. Den Täter wird das wohl nicht betreffen. Das nordrhein-westfälische Innenministerium teilte mit, dass zumindest in diesem Jahr keine Abschiebungen aus NRW nach Eritrea stattfanden. „Der Grund dafür ist im Wesentlichen, dass die für die Abschiebungen erforderlichen Passersatzpapiere aus Eritrea nicht zu erlangen sind, da Eritrea hierbei nicht kooperativ ist“, teilte ein Ministeriumssprecher mit.

„Fatale Dynamik“

Die Annahme, Flüchtlinge seien gewaltbereiter, lässt sich mit Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) nicht belegen. „Die Gewaltkriminalität insgesamt ist zurückgegangen, obwohl so viele Flüchtlinge gekommen sind“, erläutert Professor Jörg Kinzig, Direktor des Tübinger Instituts für Kriminologie, die Statistiken. „Bei Mord und Totschlag gab es ein Minus von 2,9 Prozent. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung ein Minus von 4,4 Prozent.“ Sexualmorde wie der in Freiburg seien äußerst selten. Nur 13 Fälle gab es im vergangenen Jahr bundesweit. Statistisch gesehen werde dabei einer von einem Jugendlichen verübt – „egal, wo der herkommt“.


Nennung der Staatsangehörigkeit

Laut Pressekodex sind Journalisten gehalten, im Zusammenhang mit Straftaten nur über die Nationalität eines Täters zu berichten, wenn ein Sachbezug zum berichteten Vorgang besteht. Das bedeutet, dass die Herkunft dann genannt wird, wenn sie etwa dazu dient, eine Tat zu erklären. Im Falle der Vergewaltigung in Ibbenbüren handelt es sich um einen Grenzfall. Ob der kulturelle Hintergrund des mutmaßlichen Täters eine Rolle spielt, ist nicht bekannt. Allerdings wurde dem Fall im weiteren Verlauf nicht zuletzt aufgrund der Nationalität und des Flüchtlingsstatus’ des Angeklagten große Aufmerksamkeit zuteil. Die Neue Osnabrücker Zeitung nennt daher in ihrer Berichterstattung über den Prozess den Kontext.