Mode online ausleihen Kleiderei aus Hamburg: Leihen statt kaufen



Hamburg. Die Kleiderei aus Hamburg bietet Mode nicht zum Kauf, sondern zum Ausleihen an. Einmal im Monat versenden die Gründerinnen Pola Fendel und Thekla Wilkening modische Pakete mit vier Kleidungsstücken. Ihre Kundinnen senden diese später zurück. Ein Konzept, das mehr ist als ein bunter Kleiderwechsel, sondern eine politische Motivation hat.

Der Kleiderschrank ist voll, trotzdem hat Frau nichts anzuziehen. Abstreiten gilt nicht – denn dieses Phänomen ist sicherlich jeder Frau schon einmal in ihrem Leben begegnet. Und auch der ein oder andere Mann steht morgens vor dem Kleiderschrank und findet sich im Krawattendschungel schlecht zurecht. Pola Fendel und Thekla Wilkening halfen sich, indem sie ihre Kleiderschränke vereinten. In ihrer Kölner Wohngemeinschaft tauschten die beiden Frauen munter miteinander Shirts, Kleider und Handtaschen. Ältere Stücke, die im Kleiderschrank der einen fast in der Mottenkiste gelandet wären, entdeckte die andere für sich. Fehlkäufe, die nicht einmal getragen wurden, hatten wieder eine Existenzberechtigung. Abwechslungsreicher wurde ihre Garderobe, günstiger gestaltete sich ihr Leben.

Fashionsharing statt Carsharing

Als die beiden Freundinnen für das Studium nach Hamburg gingen, zogen auch ihre Tauschgewohnheiten mit ihnen in die Hansestadt. Und schnell entwickelte sich aus ihrem persönlichen Modekarussell eine Geschäftsidee. Schon seit Jahrtausenden tauschen und teilen die Menschen miteinander. Ob in der Steinzeit, dem Mittelalter oder der Moderne: Teilen macht das Leben einfacher und nachhaltiger. Heute bepflanzen Großstädter gemeinsam einen Acker oder fahren mit einem Auto zum Einkaufen, in dem vor ihnen hundert andere saßen. Trotz des digitalen Zeitalters leihen sich Millionen von Menschen täglich ihren Lesestoff in Büchereien aus. Teilen boomt. Wie wäre es, wenn ihr eure Kleidung wie in einer Bücherei ausleihen könntet?, fragten Fendel und Wilkening während eines Abendessens ihre Freunde und trafen einen Nerv. Warum sollten sie sich ihr zwanzigstes Kleid für einen Anlass kaufen, wenn sie es genauso gut gewaschen und gepflegt für ein paar Tage ausleihen könnten? Statt Carsharing wünschten sie sich Fashionsharing.

30 Quadratmeter Mode

Die Kölnerinnen fackelten nicht lange. In ihren Köpfen war ein neuer Weg für Modekonsum entstanden. Nun wollten sie sehen, ob sie die Kleiderschränke Hunderter Menschen vereinen könnten. In Hamburgs Schanzenviertel mieteten sie 2012 ein kleines Ladenlokal. Die ersten Kleider sammelten sie in ihrem Freundeskreis ein. 300 Stücke und vier Kleiderstangen fanden sich wenig später auf 30 Quadratmetern wieder. Mit einem Ausweis konnten Kundinnen Mode abgeben und ausleihen. Die Kleiderei war geboren.

Alternative mit politischer Relevanz

In ihrer Idee sehen die beiden nicht nur modische Vorteile, sondern eine echte Alternative mit politischer Relevanz. Filialen mit Discountmode erobern die Innenstädte. Mit großen Tüten voller Billigmode laufen junge Mädchen durch die Straße. Wenn ein T-Shirt nur 1,99 Euro kostet, ist es egal, ob sie sich zwei oder vier Teile kaufen. Das Taschengeld reicht, die Produktionsbedingungen sind zweitrangig. In Deutschlands Modehauptstadt kam die Kölner Alternative gut an. Auf das kleine Geschäftslokal in der Schanze folgten für kurze Zeit zwei Pop-up-Stores in Berlin, zunächst in Neukölln, danach in Prenzlauer Berg. Doch die Kölnerinnen wollten nicht nur Hamburgerinnen und Berlinerinnen erreichen.

Digitales Ausleihen

So entschlossen sie sich, in die digitale Welt zu wechseln. Mit einem Onlineshop hätten sie die Möglichkeit, auch ohne eine große Ladenfläche mehr Kleidung anzubieten. Begeistert von ihrer Idee und auf der Suche nach einer Finanzierung nahmen sie – nachdem eine Vox-Mitarbeiterin sie angefragt hatte – an der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ teil. Doch eine Finanzierung erhielten sie von keinem der Jurymitglieder. Vielmehr wurde ihre Idee zerrissen. Wie zwei gutgläubige Mäuse seien sie in der Sendung behandelt worden, sagt Fendel. Trotzdem bereue sie es nicht, dass sie mit ihrer Freundin die Show besucht habe. Die mediale Niederlage stachelte sie an. Jetzt erst recht, dachten die beiden. Die Mäuse wollten es den Löwen zeigen.

Im Sommer 2014 sammelten die Jungunternehmerinnen über eine Crowdfunding-Plattform Spenden für ihren digitalen Kleiderschrank. Schneller als gedacht hatten sie mehr als 15.000 Euro zusammen und planten ihr neues Standbein. Seit Ende 2014 können Kundinnen mit einem Abo-Modell ihre Kleider nach Hause bestellen. 34 Euro zahlen sie pro Monat, vier Teile erhalten sie. Entweder suchen sie sich diese selbst aus oder lassen sich von den Gründerinnen ihr Monatspaket zusammenstellen. Wer ein Teil so sehr schätzt, dass er es nach einem Monat nicht abgeben möchte, darf es monatsweise länger im eigenen Kleiderschrank horten. Dafür erhält die Kundin im nächsten Monat jedoch nur drei Teile. „Ich würde immer das Überraschungspaket bestellen“, sagt Fendel, während sie über die große Fläche des Büros läuft.

3000 Kleidungsstücke

Im siebten Stock eines grauen Hochhauses sitzt die Kleiderei nun. Hier reiht sich Kleiderstange an Kleiderstange, auf einem Wäscheständer trocknet saubere Mode, das Bügeleisen dampft, und eine Mitarbeiterin versieht die rosafarbenen Pakete mit handgeschriebenen Karten. Ihre 300 Kleidungsstücke sind auf 3000 gewachsen. Wollpullover, feine Seidenblusen, lässige Shirts und glitzernde Kleider warten auf eine neue Teilzeit-Besitzerin. Die Kleidungsstücke bekommen die Gründerinnen weiter von Freundinnen. Zudem senden Kundinnen Stücke ein, und Designer stellen ihre Prototypen zu Verfügung. Ab und an kaufen Fendel und Wilkening auch Einzelteile, um ihre Sammlung zu verfeinern.

Persönliche Mails der Kunden

Die Kritikpunkte der Löwen aus der Vox-Show hätten sich in den vergangenen Monaten nicht bewahrheitet. Die Kundinnen schickten die Kleidung weder verdreckt noch kaputt zurück. Fendel glaubt, dass ihr persönliches Konzept der Grund dafür ist. Mit einem Fragebogen ermitteln die Unternehmerinnen den Geschmack ihrer Kundinnen, mit einer persönlichen Karte im Paket bedanken sie sich für die Bestellung. „Wir sind kein Fast-Fashion-Konzern, sondern Thekla und Pola“, sagt die 26-Jährige. Täglich würden persönliche Mails eintrudeln, in denen sich Frauen für die tolle Möglichkeit bedanken. „Ich hätte mir keines der vier Teile selbst gekauft“, schrieb so eine Kundin vor einigen Tagen. „Aber jedes Stück stand mir wunderbar. Ich habe das Gefühl, ihr kennt mich besser als ich mich selbst.“

Zwischen 26 und 45 Jahren sei der Großteil ihrer Kundinnen alt, zwischen 300 und 400 Pakete verschickt die Kleiderei im Monat. Die meisten Kleider werden nach Hamburg, München, Berlin und Köln versandt. Aber auch in die verschlafenen kleinen Orte reist ihre Tausch-Mode. „Wir hätten niemals in jedem Ort Deutschlands eine Kleiderei eröffnen können. Doch mit dem Online-Shop erreichen wir alle und freuen uns umso mehr, wenn wir eine Nachricht vom anderen Ende der Republik erhalten.“ Je weiter sie ihre Mode versandt hätten, umso toleranter seien sie geschmacklich geworden. Am Anfang hätten sie nur Kleidung in ihr Sortiment aufgenommen, die sie auch selbst gerne trügen. Doch schnell habe sich gezeigt, dass Geschmäcker tatsächlich verschieden seien. „Fast jedes Teil hat seine Berechtigung. Selbst das türkisfarbene Filzoberteil findet monatlich jemanden, der es lieb hat“, sagt Fendel, die heute einen Katzenpullover zur Jeans trägt.

Feste Shops geplant

Die frühere Kunststudentin bereut es nicht, gemeinsam mit ihrer Freundin Thekla den Weg in die Selbstständigkeit gewagt zu haben. Neben ihrer Freizeit teilen sie seit Jahren auch den Job. Ein Fakt, der ihrer Freundschaft nicht schadet, sondern ihre Kreativität voranbringt. „Wir sind wahnsinnig unterschiedlich. Während Thekla unser organisierter Kopf ist, bin ich der kreative Part und denke oft schon 20 Schritte weiter.“ Eine Kombination, die zu Diskussionen führt, die Kleiderei aber voranbringt. Seit dem Sommer sind sie einen Schritt weiter. Eine befreundete Bloggerin hat einen Teil der Kleiderei in ihren Kölner Shop integriert. Kölnerinnen können neben der digitalen Auswahl nun wieder analog ausleihen. Der Start lief so gut, dass die beiden Frauen überlegen, ein Franchise-Konzept für feste Shops zu etablieren. Zudem planen sie in Berlin und Hamburg erneut Pop-up-Stores. Ihr Mode-Karussell dreht sich stetig weiter. Löwen, zieht euch warm an, die Mäuse haben gerade erst angefangen.


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