Interview mit Komikerin Carolin Kebekus über böse Briefe und krasse Comedy


Köln. Ihre Witze schonen niemanden: Komikerin Carolin Kebekus führt viele vor und macht sich damit nicht nur Freunde. Am 29. September feiert ihre Show „PussyTerror TV“ Premiere in der ARD. Im Interview spricht die Kölnerin über böse Briefe, die Rolle von Frauen in der Comedy-Branche und warum sie ein Parallelleben für ihre Hobbys braucht.

Frau Kebekus, Sie haben sich in Ihren Texten schon über die Kirche, Rechtsextreme und Helene Fischer lustig gemacht. Von welchen Anhängern haben Sie danach die schlimmste Post bekommen? In letzter Zeit habe ich vor allem von Veganern böse Briefe bekommen. Die Fans von Helene Fischer waren aber wirklich am schlimmsten. An deren Posts und Wortwahl habe ich gemerkt, dass diese Menschen kein gutes Elternhaus hatten.

Wie gehen Sie mit diesen Anfeindungen um? Wenn es konkrete Drohungen gibt, kümmert sich die Polizei darum. Wenn ich ehrlich bin, lese ich mir nicht alle Zuschriften durch. Oft werde ich erst durch Freunde darauf aufmerksam gemacht, dass ich auf meiner Facebookseite beschimpft werde. Die ganzen Diskussionen darüber muss ich mir nicht durchlesen, weil hier auch viel Mist geschrieben wird.

Gab es schon Situationen, in denen Sie Angst hatten? Es gab sicherlich schon konkrete Momente, in denen es eine Gefahr gab. Angst hatte ich noch nie.

Wem zeigen Sie Ihre Texte zuerst? In einer Runde lasse ich meine Ideen einfließen und merke schnell an den Reaktionen, ob das Thema passt. Auch andere Kollegen frage ich um Rat.

Bekommen Ihre Eltern auch eine Kostprobe, bevor es veröffentlicht wird? Nein, meine Eltern würde ich niemals fragen, ob sie meine Texte lustig finden. Sie müssen sich mit dem Resultat zufriedengeben. Ich probiere die Gags dann bei Freunden aus.

Was sagen Ihre Eltern zu Ihrer Berufswahl? Meine Eltern sind natürlich ein wenig beeinflusst, weil ihre kleine Tochter auf der Bühne steht. Trotzdem ist für sie bestimmt nicht alles lustig, was ich mache. Vor allem meiner Mutter gehen manche Witze manchmal ein wenig zu weit. Im Großen und Ganzen sind die beiden aber sehr stolz und lachen mit.

Ihre vulgäre Ausdrucksweise ist Ihr Markenzeichen. Gab es deswegen Ärger zu zuhause? Was meinen Ausdruck angeht, bin ich zu Hause nie gemäßigt worden. Natürlich habe ich in meiner Jugend meinem Vater selten einen vulgären Witz erzählt. Aber ich konnte sprechen, wie ich wollte, einfach frei heraus.

Haben Sie schon in Kindertagen die Bühne gesucht? Ich habe immer Witze gemacht. Wenn ich bemerkte, dass ich die Pointe versemmelt habe, habe ich die Witze einfach verlängert und immer weiter erzählt. Das war aber nicht unbedingt gut. Ich wollte unbedingt, dass die Menschen lachen.

Über wen würden Sie niemals einen Witz machen? Über niemanden. Ich verkaufe ausnahmslos jeden. Meine Familie ist bereits mehrfach witzetechnisch geschändet worden. Natürlich verändere ich ihre Namen. Aber jeder, der die Geschichte kennt, merkt, dass er gemeint ist.

Mit welchem seriösen Beruf haben Sie in der Vergangenheit trotz Ihrer Liebe zur Comedy geliebäugelt? Ich hätte auch sehr gerne Biologie studiert und mich auf den Bereich Evolution und Genetik spezialisiert. Das fand ich sehr faszinierend. Doch in diesem Studium hätte ich mich sehr viel mit Chemie beschäftigen müssen, und das war mir zu theoretisch. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht.

Die Comedy-Branche wird vor allem von Männern dominiert. Gibt es ein besonders starkes Netzwerk unter den Frauen? Nicht nur in meiner Branche, sondern auch in anderen Berufen bauen die Frauen nur sehr wenige Netzwerke untereinander auf. Frauen sind schlechter darin, und das ist ein echtes Problem. Natürlich habe ich enge Kontakte zu manchen Kolleginnen, und ich könnte sofort alle anrufen. Ein gemeinsamer Austausch und ein gegenseitiges Unterstützen sind aber nicht selbstverständlich, weil man immer das Gefühl vermittelt bekommt, dass der Kuchen für die lustigen Frauen wesentlich kleiner ist.

Aber warum ist der Kuchen für Männer größer? Bei Männern ist es okay, wenn mehrere Comedians das gleiche Thema besetzen. Eine Newcomerin dagegen, die ein bisschen lauter und heftiger ist, wird sofort mit mir verglichen. Viele sagen dann, ich würde kopiert werden, und stellen mich als die einzig Wahre dar. Dann stelle ich mir schon die Frage, warum es denn nur eine Frau geben darf, die krasser formuliert und feministischer agiert als alle anderen. Der Raum für Frauen wird dadurch begrenzt, und das finde ich schade.

Ist es mehr Fluch oder Segen, die einzig Wahre zu sein ?Oft habe ich das Gefühl, ich werde nur so hervorgehoben, weil ich eben eine Frau bin. Wäre ich ein Mann, würde ich bestimmt auch gute Sachen machen und erfolgreich sein, aber die Menschen würden mich nicht so glorifizieren. Trotzdem genieße ich es natürlich und freue mich über den Erfolg. Ist doch toll und sehr praktisch, dass ich die einzige Frau bin, die Comedy macht. Dann kommen alle Gäste nur zu mir (lacht).

Verspüren Sie einen anderen Druck als männliche Kollegen? Ich habe mich in der Branche bereits etabliert und verspüre dadurch weniger Druck. Aber ich habe den Eindruck, dass es in unserer Branche so wenige Frauen gibt, weil sich Frauen einen größeren Druck machen. Wenn eine Frau auf die Bühne geht, wenig Erfolg hat und in einer Situation versagt, dann gibt sie schneller auf. Sie kann nur schwer damit umgehen, dass die Zuschauer sie nicht gut fanden. Männer stecken das besser weg und sagen sich (spricht mit tieferer Stimme): „Ich war gar nicht so schlecht, es war ein blödes Publikum. Aber ich war ganz gut.“ Frauen sind viel selbstkritischer und fleißiger. Sie scheitern an ihrem Anspruch, perfekt zu sein.

Wie perfektionistisch sind Sie? Ich bin ganz selten zufrieden mit mir. Ich durchdenke meinen Auftritt und stelle die Schwächen fest. Natürlich bin ich nicht unzufrieden. Schließlich merke ich, dass die Leute sich gefreut haben und gute Energie in der Luft lag. Es ist aber mein Ansporn, das Programm zu perfektionieren und mich zu verändern.

Wie haben Sie in jungen Jahren Ihren inneren Schweinehund überwunden? Ich hatte das Glück, dass ich gut in die Branche gestartet bin. Aber auch ich hatte eine Phase, in der es einen Knick gab. Zu der Zeit, als ich im „Quatsch Comedy Club“ gespielt habe, wollte nichts funktionieren. Kein Witz schlug an, die Kollegen hatten Mitleid mit mir, und ich habe mich gefragt, woran es nur liegt. Zudem hatte ich Situationen, in denen ich auf verregneten Straßenfesten aufgetreten bin. Nur hinten am Bierstand hielten noch fünf Menschen die Stellung, die ich aber mit der Stimme nicht erreichen konnte. Das waren ganz furchtbare Auftritte. Irgendwann habe ich meine Agentur angerufen und gesagt, dass ich die Stand-up-Comedy ruhen lasse, mich mehr auf das Drehen konzentrieren und vielleicht noch ein Studium beginnen möchte.

Warum haben Sie doch nicht studiert? Ich habe einfach weitergemacht, irgendwann ist der Knoten geplatzt, und ich hatte wieder Erfolgserlebnisse. Jedes Mal, wenn ich neu auf die Bühne bin, kannte mich aber niemand, und ich musste die Menschen davon überzeugen, mir zuzuhören. Das war keine leichte Zeit.

Auf der Bühne und im Fernsehen schlagen Sie feministische Töne an. Warum muss der Feminismus auch mal lustig sein? Das Image des Feminismus ist sehr angestaubt. Viele junge Mädchen denken sich: Natürlich rasiere ich mir die Beine, ich bin doch keine Feministin. Aber das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Der Begriff des Feminismus braucht einen Imagewandel. Viele verbinden damit stachelige Emanzen, die unweiblich sind. Doch keine Feministin gibt ihre Weiblichkeit ab. Wenn die Menschen wüssten, was es bedeutet – dass alle gleich behandelt werden –, dann wären alle Feministen. Ich gehe das Thema lustig an, weil es einfach viel Potenzial birgt. Das Thema interessiert mich sehr, aber ich muss nicht an der Front stehen und mir mit Alice Schwarzer Diskussionen liefern.

Wie behaupten Sie sich in der Männerdomäne Comedy? Ich glaube schon, dass die Menschen am Anfang hinter meinem Rücken gesagt haben, dass ich die Jobs nur bekomme, weil ich gut aussehe. Zudem wurde heruntergespielt, was ich erzähle: „Sie kann ja nicht mehr, als über Pipi und Aa zu sprechen.“ Und das stimmt (lacht). Ich finde einfach alles lustig, was sich unter der Gürtellinie abspielt. Am Ende des Tages mache ich einfach gute Arbeit. Und wer gute Arbeit abliefert, sollte auch respektiert werden.

Warum ist es nur unter der Gürtellinie lustig? Nicht nur, aber in der Hose wird es schon sehr, sehr lustig. Alle Witze über Fürze, Geschlechtsteile und Sex sind lustig. Auch Füße können sehr witzig sein – auch ein Körperteil unter der Gürtellinie. Diese Themen bieten einfach viel Potenzial, es sind Tabuthemen, über die wenige offen sprechen.

Wie garantieren Sie, dass Sie jetzt bei der ARD genauso gutes Geld verdienen wie Ihre männlichen Kollegen? Das ist eine gute Frage. Zum Glück regelt das ein Mann für mich, der soll das für mich auskämpfen. Vielleicht sollte ich mal recherchieren und die anderen fragen, was sie so verdienen.

Wie sehr haben Sie gefeiert, dass es für Ihre Sendung „PussyTerror TV“ nun vom WDR zur ARD geht? Mein Team und ich haben das total gefeiert. Es war immer unser Ziel, in das Hauptprogramm zu kommen. Nun haben wir es schneller geschafft als gedacht – das finden wir super. Und die Redaktion bleibt ja trotzdem im WDR.

Viele Ihrer Kollegen machen tolle Shows auf Nischen-Sendern. Wen würden Sie noch gerne im Hauptprogramm sehen? Ich will niemanden sehen. Ich möchte die Einzige im Hauptprogramm sein. Die anderen können gerne in ihren Sparten bleiben (lacht).

Über welchen Kollegen können Sie trotzdem immer lachen? Ich finde fast alles von Martina Hill super. Bei ihr muss ich mich immer kaputtlachen.

Sie spielen auf der Bühne gerne mit Klischees. Was ist typisch weiblich an Ihnen? Ich mag Pferde und habe mir früher immer die Wendy gekauft. Früher bin ich viel geritten. Ich hätte auch wieder große Lust, mehr zu reiten. Dafür bräuchte ich allerdings ein Parallelleben. Für Hobbys habe ich keine Zeit mehr. Ich gehe nur noch arbeiten und freue mich, wenn ich noch Zeit für Familie und Freunde habe.

Aber Sie gehen doch bestimmt noch zum FC Köln ins Fußballstadion? Stimmt. Das ist auch ein Hobby. Aber regelmäßig schaffe ich es auch nicht mehr, mir die Spiele anzuschauen.

Haben Sie schon mal im Stadion gepöbelt? Wenn andere Menschen pöbeln, dann pöbele ich zurück. Ich würde aber niemals von selbst einen Streit beginnen oder mich mit Menschen zum Prügeln treffen. Da wäre ich körperlich ein wenig unterlegen.

Sie sind ein großer Fan von Lukas Podolski. Wie viele Trikots besitzen Sie? Ich habe ein Trikot von Lukas Podolski. Außerdem besitze ich noch ein offizielles FC-Trikot, auf dem mein Name steht. Dann habe ich noch ein FC-Auswärtstrikot und zwei Deutschlandtrikots. Damit komme ich sehr gut über die Runden.

Sie werden mit Ihrem Programm in diesem Jahr die Lanxess-Arena in Köln füllen. Wie bereiten Sie sich darauf vor? Am Anfang dachte ich, dass ich eine Riesenshow mit vielen Gästen bieten müsste. Je näher der Termin rückt, desto mehr denke ich, dass ich einfach das mache, was ich immer tue. Deswegen kommen schließlich die Leute.

Sind Sie aufgeregt? Ach, das sind doch nur 15000 Menschen (lacht). Doch, ich bin sehr aufgeregt.

Wie schalten Sie nach einem Auftritt ab? Ich bin danach immer total aufgedreht, voller Energie und kann nur sehr schlecht einschlafen. Manchmal treffe ich nach meinen Auftritten noch Freunde, aber manchmal muss ich auch in ein Hotelzimmer. Während mich eine Stunde vorher noch 6000 Leute angeschaut haben, guckt mich dann nur noch der Fernseher an. Da wird man dann automatisch müde, schaltet ab und schläft.

Können Sie als Kölnerin eigentlich ohne den Karneval leben? Nein, ich muss jedes Jahr mitmachen.

Was ist Ihr Lieblingskostüm? Für draußen trage ich gerne den Eisbär. Es ist ein warmer Einteiler. Den ziehe ich einfach an und ab nach draußen. Die Schminke darf ich natürlich nicht vergessen, sonst werde ich erkannt. In der Vergangenheit habe ich mir mehr Kostüme angeschafft, die mich unkenntlich machen.

Könnten Sie eigentlich in einer anderen Stadt leben? Ich bin Köln sehr verbunden. Das liegt aber auch an meinem Job. Beruflich bin ich viel unterwegs, sodass ich mich immer sehr freue, wenn ich nach Hause komme und hier in Köln meine Familie und Freunde sehen kann.

Und wann wechseln Sie vom Lauten ins Leise? Es gibt Momente, die mich nachdenklich stimmen, beispielsweise wenn ein geliebter Mensch krank wird oder stirbt. Dann bin auch ich nicht gut drauf. Grundsätzlich bin ich aber ein positiver Mensch und habe am Ende immer das Gefühl, dass alles gut wird.


Carolin Kebekus

wird am 9. Mai 1980 in Bergisch Gladbach geboren. Gemeinsam mit ihrem Bruder wächst sie in Köln-Ostheim auf. Nach dem Abitur beginnt sie 1999 als Praktikantin bei der RTL-Comedysendung „Freitag Nacht News“ und wird vonHugo Egon Balder gefördert. Er empfiehlt ihr, Schauspielunterricht zu nehmen. Einer breiteren Öffentlichkeit wird Kebekus im Jahr 2006 bekannt, als sie in der Sendung Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz parodiert. In den nächsten Jahren folgen unter anderem Auftritte in den Formaten „Was guckst du?!“, „RTL Comedy Nacht“ oder „Frei Schnauze“. Zudem gehört die Kölnerin 2011 zum Team der Neuauflage der „Wochenshow“, moderiert beim Sender ffn und steht als Stand-up-Comedian im „Quatsch Comedy Club“oder dem Format „Nightwash“ auf der Bühne. Aus ihren Auftritten entwickelt sie ihr erstes Soloprogramm „PussyTerror“. Seit 2013 gehört Carolin Kebekus außerdem zum festen Ensemble der „heute-show“. Darüber hinaus geht die Komikerin Anfang 2015 mit ihrer eigenen Sendung „PussyTerror TV“ im WDR an den Start. Diese ist am 29. September um 22.45 Uhr erstmals in der ARD zu sehen. Mit ihrem Programm „AlphaPussy“ tourt sie aktuell durch Deutschland. Kebekus lebt in ihrer Heimatstadt Köln. sen

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