Gefahr bei Großveranstaltungen Forscher warnt vor „tödlichen Risiken“ durch Drängeln

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Wenn Tausende zusammenkommen, wie zum Beispiel hier beim Rockfestival „Hurricane“ in Scheeßel (Niedersachsen), kann es eng werden. Experten warnen: Drängeln ist riskant. Foto: dpaWenn Tausende zusammenkommen, wie zum Beispiel hier beim Rockfestival „Hurricane“ in Scheeßel (Niedersachsen), kann es eng werden. Experten warnen: Drängeln ist riskant. Foto: dpa

Osnabrück. Armin Seyfried ist Experte für Fußgängerdynamik. Mit Blick auf Großveranstaltungen wie Musikfestivals oder Sportereignisse warnt der Professor der Bergischen Universität Wuppertal: Das größte Risiko entsteht durch Drängeln.

Armin Seyfried, Leiter des Lehr- und Forschungsgebiets Computersimulation für Brandschutz und Fußgängerverkehr an der Bergischen Universität Wuppertal, sieht bei Großveranstaltungen wie Musikfestivals oder Sportereignissen Drängeln als größtes Risiko für die Besucher. In einem Gespräch mit unserer Redaktion sagte der Professor: „Drängeln an sich kann gefährlich sein.“ Je nach Situation könnten dadurch „tödliche Risiken entstehen“, sagte der Experte für Fußgängerdynamik.

Riskant: Von hinten schieben

Seyfried warnte insbesondere davor, bei Großereignissen an engen Stellen, beispielsweise an Ein- und Ausgängen, von hinten zu schieben. „Das erhöht die Gefährdungslage ganz erheblich“, sagte er. Wer drängelt, mache es noch enger, was wiederum das Risiko von Unglücken erhöhe, erklärte Seyfried. „Wer in so einer Situation stolpert und hinfällt, kann schnell in ernste Gefahr geraten, wenn von hinten noch mehr geschoben wird“, erklärte er. „Unglücksursache ist ja nicht Panik, sondern räumliche Enge“, sagte der Wissenschaftler.

Menschen „grundsätzlich hilfsbereit“

Grundsätzlich seien Menschen, auch in der großen Masse, jedoch hilfsbereit. „Das haben wir auch bei dem Loveparade-Unglück in Duisburg gesehen. Dort haben die Menschen versucht, sich trotz der Enge gegenseitig zu helfen und zu schützen.“

Sicherheitskonzepte überarbeitet

Bei der Loveparade 2010 in Duisburg waren im überfüllten Zugangsbereich zum Veranstaltungsgelände 21 Menschen zu Tode gekommen, mehr als 500 wurden verletzt. Seit dem Unglück, das sich am 24. Juli zum sechsten Mal gejährt hat, wurden Sicherheitskonzepte von Großveranstaltungen, etwa bei Musikfestivals, überarbeitet und angepasst.

Keine Rucksäcke beim „Wacken Open Air“

Auch der jüngste Anschlag beim Musikfestival in Ansbach und die Terrorgefahr in Deutschland haben Verschärfungen der Sicherheitsbestimmungen nach sich gezogen. So durften etwa beim Festival „Wacken Open Air“, zu dem Anfang August 75.000 Metal-Fans in den Norden Hamburgs reisten, keine Rucksäcke und Taschen mit auf das Festivalgelände genommen werden.

„M‘era Luna“-Veranstalter FKP: Stimmen uns mit Sicherheitsbehörden ab

Auch der Konzertveranstalter FKP Skorpio aus Hamburg, der unter anderem das „M‘era Luna“ Festival (13. bis 14. August) in Hildesheim mit 25.000 Besuchern organisiert, hat reagiert. In einer Stellungnahme nach dem Bombenanschlag in Ansbach hieß es: „Die tragischen Ereignisse des vergangenen Wochenendes werden in den kommenden Wochen mit den Sicherheitsbehörden ausführlich besprochen und etwaige konzeptionelle Veränderungen werden unverzüglich in die Sicherheitskonzepte einfließen. Sollten die zusätzlichen Maßnahmen für das Publikum Auswirkungen haben, dann werden wir diese selbstverständlich kommunizieren.“

Im Sinne der Sicherheit: Nicht jede Maßnahme öffentlich machen

Jedoch wolle man „keine Maßnahmen ergreifen, die nicht mit den Sicherheitsbehörden abgestimmt“ seien, hieß es weiter. Zudem warb FKP um Verständnis, dass man „etwaige zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen (sichtbare und auch unsichtbare) nicht sofort öffentlich machen“ wolle.

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Im Ernstfall: Ruhe bewahren, hilfsbereit sein

Sollte bei Veranstaltungen mit Tausenden von Menschen eine Evakuierung nötig werden, etwa aufgrund einer Terror- oder Unwetterwarnung, sei auch jeder einzelne gefragt, betont Wissenschaftler Seyfried. Wer in so einer Situation Ruhe bewahre und hilfsbereit sei, könne die Lage in seinem direkten Umfeld entschärfen.

In der Ruhe liegt die Sicherheit

Dass eine solche Strategie der Ruhe aufgehen kann, hat sich in diesem Jahr bereits gezeigt, als mehrere Festivals, etwa „Rock am Ring“ Anfang Juni oder das „Hurricane“-Festival Ende Juni wegen heftiger Unwetter vorzeitig abgebrochen beziehungsweise kurzfristig unterbrochen werden mussten. Notwendige Evakuierungen, etwa nachdem mehrere Menschen durch Blitzeinschläge beim „Rock am Ring“ verletzt worden waren, erfolgten ohne gravierende Probleme.

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Bauliche Lage entscheidend

Entscheidend für das Gelingen einer Evakuierung sei die jeweilige bauliche Lage vor Ort, erklärte Seyfried. „Besuchermassen von einer grünen Wiese auf die nächste zu leiten, ist verhältnismäßig unproblematisch“, so der Wissenschaftler. Schwieriger werde es, wenn die baulichen Verhältnisse von vornherein begrenzt wären, etwa in geschlossenen Hallen, in Stadien oder in engen Innenstädten. „Die Enge an sich ist schon ein Problem. Wenn dann Drängelei hinzukommt, kann sich das potenzieren“, warnte der Wissenschaftler.


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