Autor im Interview Janis McDavid will kein Mitleid, sondern sucht Herausforderung

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Osnabrück. Für Janis McDavid gibt es keine Grenzen. Der junge Mann kam ohne Arme und Beine auf die Welt und sieht sein Leben als Herausforderung.

Im Interview erzählt der Autor und Motivationscoach, wie er sich gegen gehässige Kinder gewehrt hat und warum ihn nicht sein Körper, sondern die politische Situation behindert.

Herr McDavid, die Menschen reagieren auf Sie äußerst unterschiedlich: Manche wechseln die Straßenseite, andere küssen Sie auf die Wange, obwohl Sie ihnen gänzlich unbekannt sind. Was nervt Sie am meisten?

Am schwierigsten finde ich Mitleid. Auf der einen Seite habe ich es nicht verdient. Denn es gibt viele andere Menschen, bei denen das vielleicht eher angebracht wäre. Auf der anderen Seite kann aus Mitleid kein wirkliches Gespräch entstehen. Ich versuche klarzumachen, dass es mir gut geht, ich nichts vermisse und mein Leben als spannende Herausforderung sehe. Wenn ich es schaffe, mein Gegenüber davon zu überzeugen, entstehen auch interessante Gespräche. Aber wenn nicht, dann kommt keine Kommunikation zustande.

Wann haben Sie das erste Mal realisiert, dass Sie anders aussehen?

Das habe ich erst extrem spät mit acht Jahren realisiert, obwohl ich ja offensichtlich anders aussehe. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass mein Körper vollkommen normal ist. Meine Eltern haben meine Behinderung auch nie stark thematisiert. Ich war nie „Janis ohne Arme und Beine“ oder „Janis mit seinem Rollstuhl“. Ich war einfach Janis. Natürlich war mir im Kindergarten bewusst, dass ich mir nicht die Schuhe anziehen kann, wenn wir auf einen Waldspaziergang gehen, und dass ich keine Bäume hochklettern kann. Aber für mich war das völlig normal. Es gab schließlich auch andere Kinder, die nicht die Bäume hochgeklettert sind. Erst als ich acht Jahre alt war, kam ich in die Situation, in der ich das realisiert habe.

Wie sind Sie auf den Unterschied aufmerksam geworden?

Wir hatten einen neuen Garderobenspiegel im Hausflur, an dem ich vorbeigehüpft bin. In diesem Moment habe ich das erste Mal gesehen, wie es aussieht, wenn ich mich bewege. Das fand ich ziemlich befremdlich, merkwürdig und schockierend. Dieses Spiegelbild passte überhaupt nicht damit zusammen, wie ich mich bislang gesehen hatte. Ich habe damals noch geglaubt, dass ich einmal Motorradpolizist werden würde. Dann sehe ich jemanden ohne Arme und Beine auf dem Boden sitzen.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe das zunächst verdrängt. In den folgenden Monaten und Jahren habe ich dann versucht, meine Bewegungen anzupassen, um mit den Voraussetzungen, die ich habe, normal auszusehen. Damit habe ich mich sicherlich das ein oder andere Mal ziemlich eingeschränkt. Ich wollte in der Öffentlichkeit keine Treppe mehr hochlaufen oder mich ohne Rollstuhl bewegen. Das war mir immer sehr unangenehm, obwohl das früher überhaupt kein Problem war. Später habe ich aber festgestellt, dass mich das zu sehr einschränkt.

Wie haben Sie es danach geschafft, weiterzumachen?

Vor allem wollte ich wissen, warum ich ohne Arme und Beine geboren wurde. Mit meinen Eltern habe ich mich sehr viel darüber unterhalten. „Wir gehen davon aus, dass jedes Kind, bevor es geboren wird, sich überlegt, mit welchen Voraussetzungen und Zielen es auf die Welt gehen möchte“, sagten sie damals zu mir. Damit haben sie versucht, mir die Verantwortung zu geben. Nun lag es an mir herauszufinden, was der Grund war. Das ist eine geniale Antwort, die bewirkt hat, dass mein Gedankenkarussell nicht in Schwung kam. Denn mit Schuldgefühlen und Fragen nach dem Warum kann man sich vollkommen kaputtmachen. In der Pubertät hatte ich irgendwann die Phase, in der ich es total blöd fand, dass ich keine Arme und Beine habe. Das war zum Glück nur eine sehr kurze Phase. Zwei Wochen hat mich das kurz aber sehr intensiv beschäftigt. Danach hatte ich das sehr große Bedürfnis, selbstständig und nicht von der Batterieleistung meines Rollstuhls abhängig zu sein.

Haben Sie Neues ausprobiert?

In diesem Augenblick habe ich mir Prothesen gewünscht. Aber ich habe sehr schnell festgestellt, dass es nicht die Lösung für mich war. Mit den Prothesen habe ich zwar geübt und auch laufen gelernt. Aber es war sehr kompliziert. Ich verstehe bis heute nicht, wie man auf zwei Stelzen das Gleichgewicht halten kann (lacht). Für mich war es eine sportliche Herausforderung, aber nicht alltagstauglich. Die Kreativität und die Freiheit, die ich mir in all den Jahren angeeignet habe, da kommt einfach keine Prothese ran, egal wie technisch hochwertig sie ist.

Wissen Sie heute, warum Sie ohne Arme und Beine geboren wurden?

Eine wirklich fundierte medizinische Antwort darauf gibt es nicht. Ich kenne sie auch nicht, weil ich mich nie auf die Suche nach ihr gemacht habe. Mir hilft diese Information nicht weiter. Es bringt mir in meinem Alltag nichts, wenn ich weiß, wer oder was schuld ist. Ich schaue lieber nach vorne und mache das Beste daraus.

Warum war es für Sie es wichtig, auf eine reguläre Schule zu gehen?

Es war extrem wichtig, dass ich nicht exkludiert worden bin. Natürlich war es schwierig, weil das staatliche System einen anderen Weg vorgesehen hatte. Ich war bereits in einem Waldorf-Kindergarten, in dem es wirklich gut geklappt hatte. Meine Eltern wollten, dass ich mit Menschen auf einer Schule bin, die keine Herausforderungen spezieller Natur hatten. Zum einen aus dem Gedanken heraus, weil es für mich eine tolle Chance ist, mich in meinen Fähigkeiten so herausfordern zu lassen, weil auf mich keine Rücksicht genommen wird. Ich musste mit meinen Klassenkameraden mithalten und lernte, mich nicht auf meiner Situation auszuruhen. Zum anderen war es für meine Klassenkameraden eine Chance. Wir reden alle vom demografischen Wandel. So ist die Möglichkeit, dass es im Kreis meiner Mitschüler einen Menschen gibt, der im Alter auf den Rollstuhl angewiesen ist, sehr hoch. An mir haben meine Klassenkameraden gesehen, dass der Umgang damit kein Problem ist. Die Schule hat für mich den Grundstein gelegt, dass ich mein Leben heute so lebe.

Außerdem gab es auf Ihrer Schule einen sehr guten Nachtisch, wie Sie in Ihrem Buch geschrieben haben.

Der Nachtisch war wirklich sensationell. Ich finde es wirklich sehr wichtig, dass das Essen und vor allem der Nachtisch stimmen (lacht).

Kinder sind sehr ehrlich und schonungslos.

Wie sind Sie als Kind damit umgegangen?

Ich fand es als Kind sehr schwierig, mit fremden Kindern in Kontakt zu kommen. Ich habe immer versucht, einen Bogen darum zu machen. Das hat dazu geführt, dass ich eigentlich schon sehr früh immer mit älteren Menschen Kontakt hatte. Ich fand diese Fragerei anstrengend. Auch ich war als Kind sehr neugierig, und das ist auch gut. Aber da ich mich selbst nicht als besonders wahrgenommen habe, fand ich diese Fragen immer extrem nervig. Ich wollte mich damit nicht ständig beschäftigen. Es gab auch Situationen mit fremden Kindern, die sehr fies waren. Sie haben sich darüber lustig gemacht, dass ich aussehen würde wie eine Puppe.

Wie haben Sie sich gewehrt?

Natürlich musste ich im Kindergarten und der Schule schauen, dass ich mich durchsetze und man mir nicht auf der Nase herumtanzt. Ich konnte niemandem das Sandförmchen klauen. Aber ich habe früh gelernt, durch selbstsicheres Auftreten und eine laute Stimme Respekt einzufordern. Eine weitere Strategie war auch, lustige Antworten zu geben. Ich fand es lustig, in die erschrockenen Gesichter zu sehen, wenn ich erzählt habe, dass meine Arme und Beine von Piranhas abgebissen wurden.

Sie sind nach Ihrer Geburt von einer Familie in Bochum aufgenommen worden. Machen Sie Ihren „Hamburger Eltern“ Vorwürfe?

Die Situation hat mich beschäftigt. Vor allem in der Pubertät wurde es zum Thema. Damit hatte ich natürlich ein super Argument gegenüber meinen „Bochumer Eltern“: „Ihr seid nicht meine richtigen Eltern“, habe ich öfter zu Ihnen gesagt. Aber Vorwürfe habe ich meinen Hamburger Eltern nicht gemacht. Ich hatte das Glück, dass meine leiblichen Eltern den Kontakt nicht abgebrochen haben. Wir haben uns ständig gesehen und konnten uns gut leiden. Wir haben oft darüber gesprochen, was damals ihre Gründe waren, andere Eltern für mich zu suchen. Sie konnten sich nach der Geburt einfach nicht vorstellen, wie es mit mir funktionieren soll. Es war damals völlig unklar, wie die Entwicklung weitergeht. Meine Eltern haben die richtige und mutige Entscheidung getroffen, indem sie Eltern gesucht haben, die sich bewusst für mich entschieden haben.

Was haben Ihre „Bochumer Eltern“ richtig gemacht?

Ganz zentral war ihr Gedanke, dass ich selbstständig werde. Das haben sie in aller Konsequenz durchgezogen. Das ging vom Trinken über das Essen bis zum Treppensteigen. Natürlich hätten sie einen Treppenlift einbauen oder einen Strohhalm in den Becher stecken können. Aber meine Eltern wollten, dass ich so wenig wie möglich abhängig bin. Meine Mutter war da auch ein Stück weit stur und hat mir nicht im ersten Impuls geholfen. Wir haben viel getestet. Am besten beschreibt es die Situation, wenn wir auf der Suche nach einem neuen Rollstuhl waren. Das größte Problem war, dass ich allein ein- und aussteigen sollte. Das war aber eine Technik, die sehr anfällig war und oft nachgerüstet werden musste. Das hat immer für Ärger gesorgt. Meine Mutter wollte dafür eine andere Lösung. Auf Messen haben wir uns verschiedene Rollstühle angeschaut. Auch wenn ich dachte, ich komme nicht in den Rollstuhl hoch, hat meine Mutter mich immer aufgefordert, es auszuprobieren. Das hat mich weit gebracht.

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Sie fahren seit Ihrem 17. Lebensjahr Auto. Was bedeutet das Auto für Sie?

Neben dem Rollstuhl bringt das Auto noch mehr Freiheit für mich. Es ist für mich pure Spontanität. Zudem ist das Auto der Grundstein, dass ich ein normales Leben führen kann, in die Uni komme oder zur Arbeit. In unserer Welt ist Mobilität das A und O. Bevor ich das Auto hatte, musste ich viel organisieren, hatte Ärger und Stress. Beispielsweise ist es immer ein Abenteuer, mit der Deutschen Bahn zu verreisen. Man braucht nicht in den Urwald zu fliegen, um einen Adrenalin-Kick zu bekommen. Es reicht, mit dem Rollstuhl in der Bahn durch Deutschland zu fahren. Und wenn ich nicht mit der Bahn gefahren bin, mussten meine Eltern mich kutschieren. Da ich nicht das einzige Kind meiner Eltern bin und sie auch keine mehr Lust hatten, mich um drei Uhr morgens von irgendwelchen Partys abzuholen, war es die logische Konsequenz, einen Führerschein zu machen. Mit dem Auto konnte ich einfach losfahren.

Was kostet Sie das?

Die Kosten sind dabei nicht zu missachten. Sie sind sehr hoch, sodass man es nicht aus der eigenen Tasche zahlen kann, wenn man nicht im Lotto gewonnen hat. Grob kann man sagen, der Rollstuhl kostet so viel wie ein Auto, und das Auto kostet das, was normalerweise eine Wohnung kostet.

Aber Sie haben nicht im Lotto gewonnen…

Das ist das große Problem. Es ist natürlich nicht nur herausfordernd, dass ich aufwendige Technik benötige. Nein, ich muss mich auch noch mit der Finanzierung auseinandersetzen. Rollstühle sind in der Regel Krankenkassenleistungen. Wobei das sehr schwierig ist, weil Krankenkassen und die öffentliche Hand in erster Linie nicht das Beste, sondern das Günstigste zum Ziel haben. Beim Auto ist es noch komplizierter, weil es hier keine direkte Zuständigkeit gibt. Von Krankenkassen heißt es manchmal, ein Auto sei Luxus. Das ist für mich in einem Land, in dem jeder Zweite ein Auto besitzt, vollkommen unverständlich. Vor allem benötige ich das Auto, um ein aktives Berufsleben zu führen. Ich kann weder Taxi noch Fahrrad fahren. Busse und Bahnen sind selten barrierefrei. Oft steht man einem Dschungel von Behörden entgegen. Ich hatte dann großes Glück, dass ich einen Kostenträger in meiner Geburtsstadt Hamburg gefunden habe. Mein Auto wird aus öffentlichen Mitteln finanziert. Es sind viele Kämpfe, die man ausfechten muss. Man braucht ein dickes Fell und jemanden, der wirklich weiß, wie man Anträge ausfüllen muss. Aber selbst wenn man diese Dinge finanziert bekommt, kann man kein gleichberechtigtes Leben führen.

Das zeigt auch das verabschiedete Bundesgleichstellungsgesetz.

Hier haben wir eine wahnsinnige Chance verpasst. Öffentliche Gebäude sind verpflichtet, Hürden und Barrieren abzubauen. Das trifft nicht auf private Dienstleister wie Ärzte, Kinos oder Restaurants zu. Das ist ein großes Defizit, denn so kann ich keine freie Arztwahl treffen. Ich verbringe mein Leben doch nicht in Behörden, sondern überall dort, wo auch andere sich aufhalten.

Ähnlich verhält es sich mit dem Bundesteilhabegesetz …

Genau. Sobald ich Leistungen der öffentlichen Hand in Anspruch nehme, wie das Auto oder Assistenzkräfte, bin ich gezwungen, ein Leben auf Sozialhilfeniveau zu führen. Einkommen, was den doppelten Hartz-IV-Satz übersteigt, wird eingezogen. Ich darf aktuell maximal 2600 Euro Vermögen ansparen. Berufliches Engagement lohnt sich so nicht. Vielen wird dadurch die Motivation genommen. Das ist sehr unlogisch, denn das Interesse des Staats sollte doch sein, so viele Menschen wie möglich in den Beruf zu bringen. Zudem brauche ich die Hilfeleistungen auch, wenn ich zu Hause auf dem Sofa liege. Das wird nicht günstiger für den Staat. Mit einer Grenze von 2600 Euro kann ich weder sparen noch für später vorsorgen. Die Altersarmut ist damit vorprogrammiert. Das i-Tüpfelchen ist, dass auch das Vermögen der Partner angerechnet wird. Damit wird sehr stark in das Privatleben von Menschen eingegriffen, und das verhindert ein verantwortungsvolles Zusammenleben. Selbst wenn ich mich mit jemandem verpartnere oder zusammenlebe, kann es passieren, dass dessen Einkommen eingezogen wird.

Was wurde verpasst?

Die Politiker haben es leider verpasst, eine wirkliche Verbesserung zu präsentieren. Aber Deutschland hat 2009 die UN-Behindertenkonventionen ratifiziert, dadurch steht das Land in der Verpflichtung, etwas zu tun. Die UN hat Deutschland auch schon gerügt, weil hier zu wenig umgesetzt wird. Der Gesetzentwurf ist an vielen Stellen erheblich verbesserungsbedürftig. Neu ist, dass ein Bruttoeinkommen von 3000 Euro anrechnungsfrei ist. Die Vermögensgrenze soll schrittweise auf 25 000, dann auf 50 000 Euro angehoben werden. Das trifft aber nicht auf alle zu. Denn wer Hilfe zur Pflege in Anspruch nimmt, dazu gehört beispielsweise verkürzt gesagt alles, was sich im Badezimmer abspielt, sollte eigentlich bei 2600 Euro bleiben. In den neuen Entwürfen profitieren diese Menschen jetzt auch von diesen höheren Grenzen. Das ist durchaus eine Verbesserung. Aber auch mit 50 000 Euro ist private Altersvorsorge, das Sparen auf ein Auto oder eine eigene Wohnung nicht möglich. Natürlich kann ich das staatliche Rentensystem in Anspruch nehmen, und das ist auch anrechnungsfrei. Aber jedem ist klar, dass die staatliche Rente nicht ausreicht.

Warum bleiben Sie nicht auf der Couch liegen?

Das ist das Paradoxe. Ich bin trotzdem noch motiviert. Woher das kommt, dem bin ich beim Schreiben meines ersten Buches auf den Grund gegangen: Jeden Morgen, wenn ich aufstehe und zur Uni gehe, muss ich mich fragen, warum eigentlich. Meine Kommilitonen kämpfen für ihren beruflichen Erfolg und dürfen von ihrem Einkommen behalten, was sie verdienen. Bei mir soll es anders ablaufen, obwohl ich die gleichen Dinge tue. Aber auf der Couch würde ich mich nur langweilen. Ich finde nichts schlimmer als Langeweile. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass es Leute geben muss, die diese Benachteiligung verändern. Das schaffe ich nur, wenn ich vorangehe und zeige, dass es an meiner rein körperlichen Situation nicht scheitert, dass ich ins Berufsleben einsteige. Der Klotz, den ich herumtrage, ist die politische Situation. In die jetzt anlaufenden parlamentarischen Beratungen werde ich mich zusammen mit meinem Mentor und anderen Betroffenen weiterhin noch energisch einbringen.

Zehrt dieser ständige Kampf nicht an Ihnen?

Ich suche mir bewusst Herausforderungen. Wenn ich Leuten erzähle, dass ich mit Freunden nach Brasilien in den Urwald fahre, schütteln sie den Kopf. Wenn ich Leuten erzähle, ich kämpfe gegen ein Gesetz und für eine gleichberechtigte Teilhabe, schütteln sie wieder den Kopf. Mich motivieren große Herausforderungen. Wenn jemand möchte, dass ich etwas tue, ist es die beste Strategie, mir zu sagen, dass es nicht geht. Diese Herangehensweise versuche ich auch in meinen Vorträgen zu vermitteln. Eine Grenze ist nicht dazu da, um vor ihr zu halten. Grenzen und Unbekanntes sind eine Chance. Menschen geben hier zu schnell auf. Das ist schade. Denn wenn wir alle um die Ecke denken würden, könnten wir in unserem Leben viel mehr erreichen.

Eine Grenze ist oft die fehlende Barrierefreiheit. Gibt es eine Stadt, in der Sie sich problemlos bewegen können?

Das wäre eine Traumstadt. Wirklich problemlos ist keine Stadt. Berlin ist schon sehr gut, was den öffentlichen Personennahverkehr angeht. Da gibt es problematischere Städte, in denen ich ohne Auto nicht weiterkomme. Nur in Berlin kann ich mich regelmäßig auch ohne Auto und allein fortbewegen.

Wo hat Deutschland besonders Nachholbedarf?

Der größte Nachholbedarf ist das Thema Stufen. Es gibt irre viele Stufen in unserer Welt. Viele von diesen Stufen wären sehr einfach zu beheben und an manchen Stellen auch unnötig. Eine große Treppe hält mich seltener ab als ein oder zwei Stufen. Das sind Hürden, die oft sehr einfach zu beseitigen wären. Viele Geschäfte haben eine Stufe vor der Tür. Oft gibt es auch keine Aufzüge. Viele Bahnhöfe werden jetzt nachgerüstet, in wenigen Jahren sollen alle Bahnhöfe in Berlin barrierefrei sein. Aber selbst wenn es einen Aufzug gibt, heißt es nicht, dass ich dort zurechtkomme. Der Aufzug muss auch funktionieren. Ich kenne viele Aufzüge, die seit Monaten stillgelegt sind, und niemand kümmert sich darum.

Wo sind die persönlichen Barrieren?

Viele Menschen scheuen sich, mit mir in Kontakt zu treten. Es fängt harmlos an: Wenn ich mit meiner Begleitung unterwegs bin, wird oft nur sie angesprochen. Oder wenn ich im Restaurant zahlen möchte und meine Begleitung bitte, mir das Portemonnaie zu geben, was der Kellner klar hört. Wenn ich dann meine Karte zücke, wird der Begleitung trotzdem das Eingabegerät hingestellt (lacht). Ich kann über solche Situationen lachen. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, darüber zu lachen und sich nicht zu ärgern. Wenn ich mich über alles ärgern würde, was mir im Alltag passiert, dann hätte ich wahrscheinlich schon längst einen Herzinfarkt erlitten.

Gibt es denn einen Ort in der Welt, der es besser macht?

London hat einige Dinge, die das Leben für mich deutlich vereinfacht haben. Alle Busse sind barrierefrei und mit Rampen ausgestattet. Überraschenderweise sind auch alle Taxen barrierefrei, und ich konnte mit meinem Elektrorollstuhl Taxi fahren, was in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit ist. Interessant war auch die Situation vor Baustellen. Wenn Fußgänger deswegen den Gehweg wechseln müssen, ist in Deutschland in der Regel nicht der Bordstein abgesenkt. In London habe ich das kein einziges Mal erlebt, dass hier keine Rampe gelegen hat. Das sind Kleinigkeiten, die eine große Wirkung haben und das Denken und Handeln der Menschen prägen. Ich hatte das Gefühl, viel weniger besonders zu sein. Die Menschen haben mir weniger Platz gemacht. Darüber habe ich mich anfangs geärgert, aber dann wurde mir klar, dass es zeigt, dass ich hier normaler angenommen werde.

Klappt hier die Inklusion?

Ja. Das sind Momente, in denen mir klar wird, dass ich mein Ziel erreicht habe und ein weitgehend normales Leben führe. Ich freue mich auch, dass ich Freunde habe, auf die ich mich verlassen kann und die mit mir in fremde Länder reisen. Nicht jeder würde mit mir auf dem Arm durch den Urwald wandern. Diese Freundschaften sind sehr wertvoll.


Janis McDavid

wird 1991 ohne Arme und Beine in Hamburg geboren. Nach seiner Geburt suchen seine leiblichen Eltern für den Säugling Pflegeeltern. So wächst Janis bei einer Familie im Ruhrgebiet auf. Er hat seitdem vier Elternteile. Während er seine leiblichen Eltern „Hamburger Eltern“ nennt, bezeichnet er die Eltern, die ihn aufgezogen haben, als „Bochumer Eltern“. McDavid besucht eine reguläre Schule und beginnt nach dem Abitur ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke. In seinem Bachelorstudium absolviert der junge Mann zudem ein Auslandssemester in London. Darüber hinaus arbeitet McDavid als Vortrags- und Motivationsredner und bereist mit seinen Freunden die Welt. Im August geht es für ihn nach Kuba. Im Frühjahr 2016 erscheint mit „Dein bestes Leben“ sein erstes Buch. Für die Zukunft plant Janis McDavid die Gründung eines Bundesverbands für behinderte Führungskräfte. sen

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