„M‘era Luna“ 2016 Ausprobieren: In sieben Schritten zum Teilzeit-Grufti

Schön finster, schön freundlich: Beim Gothic-Festival „M‘era Luna“ sehen die 25.000 Besucher zwar finster aus, sind aber meist ausgesprochen nett. Auch Szene-Neulinge sind willkommen. Foto: klwSchön finster, schön freundlich: Beim Gothic-Festival „M‘era Luna“ sehen die 25.000 Besucher zwar finster aus, sind aber meist ausgesprochen nett. Auch Szene-Neulinge sind willkommen. Foto: klw

Osnabrück. Wer Lust hat, am Wochenende einmal in eine ganz andere Haut zu schlüpfen, sollte nach Hildesheim fahren. Dort steigt das Festival „M‘era Luna“, das größte Gothic-Treffen der Welt. Um inmitten von 25.000 Vampiren, Dämonen und anderen finsteren Gestalten nicht aufzufallen, muss man nur ein paar Punkte beachten. Hier eine Anleitung:

Vorab eine Warnung: Wer noch nie Berührung hatte mit der sogenannten „Schwarzen Szene“, der sei gewarnt: Hier geht es optisch gar fürchterlich zu. Rote Dämonenaugen starren aus bleichen Gesichtern, umrahmt von schwarzen Haaren. Schwarze Hörner ragen seitlich am Kopf heraus und biegen sich gen Himmel, der Körper ist gehüllt in schwarzes Lackleder. Doch keine Angst! Das freundliche Lächeln verrät, wie es wirklich zugeht in der Gothic-Szene: Nett, höflich und zuvorkommend. Aber bitte in Schwarz.

Weiterlesen: Das passiert beim „M‘era Luna“ in Hildesheim

Und wenn 25.000 von diesen finster-fröhlichen Gestalten zusammenkommen, ist es das zweite August-Wochenende, Zeit für das „M‘era Luna“ auf dem Flugplatz in Hildesheim-Drispenstedt. Es ist ein Musikfestival der besonderen Art, ein Gothic-Festival. Wer dabei immer schon einmal mitmachen wollte, kann das gern tun, die Szene ist offen und freundlich. Um aber nicht als Stino, also als Stink-Normaler, unangenehm aufzufallen, gilt es, ein paar Punkte zu beachten. Hier das kleine Einmaleins für Neu- und Teilzeit-Gruftis:

1. Tipp: Blau ist nicht Schwarz. Wirklich nicht.

Wer glaubt, seine noch fast neue, dunkelblaue Jeans ginge beim „M‘era Luna“ als dunkel genug durch, der irrt. Blau ist nicht Schwarz. Jeder Anhänger der Gothic-Szene kennt mindestens zehn verschiedene Schwarz-Töne, kann sie beschreiben und weiß, welche harmonieren oder nicht. Denn selbst Schwarz passt nicht immer zu Schwarz. Im Englischen gibt es dafür sogar einen eigenen Ausdruck: „The blacks don‘t match“ – frei übersetzt: Die Schwarztöne harmonieren nicht. Daher der erste Tipp für Neu-Gruftis: Wirklich schwarze Sachen anziehen. Für Herren: Jeans oder Cargohose plus T-Shirt. Für Damen: dasselbe. Oder auch schwarze Strumpfhosen (mit oder ohne Löcher), dazu Rock und T-Shirt oder Bluse. Gute Materialien neben Baumwolle: Samt, Leder, Lack, Spitze.

2. Tipp: Keine Turnschuhe

Wer nicht gerade einen bodenlangen Reifrock trägt, mit dem er den Festivalboden beim „M‘era Luna“ fegen kann und der die Schuhe vollständig verdeckt, sollte unbedingt auf sein Schuhwerk achten. Zwingend notwendig: bequeme, fußfreundliche Schuhe, die langes Gehen, Stehen und Hüpfen (falls man die eine oder andere der 40 aufspielenden Musikbands mag) aushalten. Wer nun automatisch zu seinen geliebten, ausgelatschten Turnschuhen greift: Finger weg – außer, die Treter sind komplett schwarz. Ansonsten sind eingelaufene, alte, schwarze Stiefel die beste Wahl für ein Gothic-Stelldichein.

3. Tipp: Ein bisschen Metall

Nein, Gruftis sind nicht dasselbe wie Heavy-Metal-Fans. Aber auf Metall stehen sie schon. Wer also sein schlicht-schwarzes Outfit (siehe Tipp 1) aufpeppen will, sucht sich eine Handvoll Sicherheitsnadeln und drapiert sie an den Klamotten. Ob das Sinn macht? Nein. Aber es sieht schick aus. Wer richtig einen draufmachen will, zerschneidet auch Teile der Hose oder des Shirts und flickt den Riss oder das Loch mit gut sichtbaren Sicherheitsnadeln. Auch super: preiswerte, silberfarbene Ketten aus dem Baumarkt. Kann man um Arme, Beine und Hüften wickeln und mit Sicherheitsnadeln fixieren. Ganz Mutige basten vielleicht sogar ein paar Halsketten daraus.

4. Tipp: Schwarzer Kajal

Schwarzer Kajal ist das Grufti-Werkzeug schlechthin. Damit die Augen dramatisch umrahmt, sodass es nach drei durchgemachten Nächten in einer Gruft aussieht - fertig. Klappt immer, steht jedem. Wer sich traut, malt sich damit auch noch die Lippen schwarz. Und schmale Striche als Augenbrauen. Aber Vorsicht beim Aus-der-Haustür-Gehen: Die Nachbarn könnten erschrecken. Falls das geschieht: Freundlich lächeln. Die Stinos können ja nichts dafür...

5. Tipp: Haare hoch!

Wer einen Bürstenschnitt hat, lässt ihn einfach so. Für alle anderen mit etwas längerem Haupthaar gilt: Haare hoch! Das geht mit einem Toupierkamm und einer Menge Haarspray. Es muss gar nicht der perfekte Irokesenkamm oder die sogenannte „Tellermine“ auf dem Kopf herauskommen. Ein ordentlich toupiertes Puschel-Haupt, in dem sich Vögel wohlfühlen würden, reicht. Und bloß nicht am Haarspray sparen! Vor allem nicht, wenn es windig oder regnerisch werden soll.

Wer das Vogelnest so gar nicht hinkriegt, kann auch zu Opas altem Zylinder greifen.

6. Tipp: Silberschmuck

Die meisten Gruftis lieben Silberschmuck und tragen Tonnen davon, an den Händen, an den Ohren, um den Hals. Zu viel geht gar nicht, also immer schön schichten. Besonders beliebt: Kreuze, Henkelkreuze, auch Ankhs genannt, Pentagramme, Fledermäuse, Skeletthände, Totenköpfe und anderes gruseliges Zeug. Wer das alles nicht hat, setzt auf schlichte Eleganz. Auch eine Silberkette mit zwanzig, dreißig Sicherheitsnadeln als Anhänger sieht super-gruftig aus.

7. Tipp: Einfach in der Grufti-Menge mitschwimmen

Das Outfit passt schon mal. Nun noch das Verhalten: Das sollte nett, hilfsbereit und freundlich sein. Bei Gothics wird nicht gedrängelt, schließlich haben sich viele zuvor schon zwei, drei Stunden lang liebevoll geschminkt und zurechtgemacht. Das Kunstwerk will bewundert werden, nicht geschubst. Fragen sind erlaubt, Fotowünsche werden (nach Rückfrage) meist gern erfüllt.

Bei Gothics wird auch nicht gepöbelt, der Grufti von heute legt Wert auf Manieren. Doch die wichtigste Verhaltensregel von allen lautet: fröhlich sein. Denn wie Szene-Kenner und „Die Zwerge“-Autor Markus Heitz im Interview mit unserer Redaktion so schön sagte: „Auf Grufti-Festivals wird viel gelacht. Sehr viel.“

Zum Schluss fehlt nur noch das Ticket. Noch gibt es welche. Allerdings ist Beeilung angesagt, die vergangenen Jahre war das „M‘era Luna“ stets ausverkauft.

Weiterlesen: So schön war das „M‘era Luna“ 2015


4 Kommentare