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06.07.2016, 16:06 Uhr KOMMENTAR

Streit um Party-Patriotismus: Ein Fall für die Mottenkiste

Ein Kommentar von Melanie Heike Schmidt


Auf der Fanmeile, an Fenstern und Balkonen, als Wimpel am Auto: Die Deutschlandfahne ist zurzeit überall zu sehen. Forscher warnen jedoch vor übertriebenem Nationalpatriotismus, der Fremdenhass schüren könnte. Foto: dpaAuf der Fanmeile, an Fenstern und Balkonen, als Wimpel am Auto: Die Deutschlandfahne ist zurzeit überall zu sehen. Forscher warnen jedoch vor übertriebenem Nationalpatriotismus, der Fremdenhass schüren könnte. Foto: dpa

Osnabrück. Es hat gedauert, aber nun ist sie wirklich da, die EM. Und zwar überall sichtbar in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Und nun das: Eine Psychologin warnt: Zu viel schwarz-rot-goldener Jubel könne Fremdenfeindlichkeit fördern. Und nun? Alle Fahnen wieder einpacken?

Was für Spielverderber! Da freuen sich die Fans über den Erfolg ihrer Fußballmannschaft, schwenken begeistert die schwarz-rot-goldene Fahne, malen sich vielleicht noch die passende Bemalung auf die Wange – und schon sind sie übersteigerte Nationalisten und Fremdenfeinde? Müssen die Forscher den Deutschen nun auch noch ihr zweitliebstes Kind, den Fußball, kaputtmachen, jetzt, wo das ehemals liebste Kind, das Auto, schon als Klimakiller in den Kreis der Verdammnis abgeschoben wurde?

Wissenschaftlicher Beleg

In der Tat: Allzu übertriebener schwarz-rot-goldener Jubel kann tatsächlich Hand in Hand gehen mit der Ablehnung anderer Kulturen und Nationen. Dieser Flaggen-Effekt ist wissenschaftlich belegt und somit ernst zu nehmen. Kein Wunder also, dass es in Zeiten deutschtümelnder Rechtspopulisten wie AfD, Pegida und Co. Gruppen wie die Grüne Jugend gibt, die die Flaggen schnellstens eingemottet wissen wollen. Kein Wunder aber auch, dass solche Vorschläge in Zeiten friedlich-fröhlicher Fußballfeste – auch über Ländergrenzen hinweg – kräftigen Gegenwind kassieren.

Differenzierung ist wichtig

Was also darf, was soll der Fußballfan tun? Zuerst einmal differenzieren. Klar ist: Nicht jeder, der die Fahne schwenkt, ist ein Nazi. Doch einfach abtun dürfen wir die Befürchtungen auch nicht. Denn wer bereits eine Neigung zum Ausländerhass hat, der kann beim Anblick eines schwarz-rot-goldenen Fahnenmeers durchaus die Schwelle zum übertriebenen Nationalismus überschreiten. Denn schon Goethe wusste: Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt.

Dennoch: Eine Lösung des Dilemmas liegt ganz sicher nicht im Verteufeln der Flaggen. Wer ein fröhliches, multi-nationales Fußballfest feiern will, soll auch seine Mannschaft hochleben lassen dürfen. Und die Fahne schwenken, wenn er es möchte. Am besten Arm in Arm mit dem jeweiligen Spielgegner, der wiederum seine Fahne schwenkt. Denn der Zauber, der einem bunten, internationalen Wettstreit innewohnt, entfaltet sich stets im Miteinander. Eingemottet gehören nicht Fahnen, sondern Vorurteile.


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