Hammed Khamis aus „Dschungel von Calais“ Osnabrücker mit Blog für Grimme Online Award nominiert

Von Janine Richter


Osnabrück. Der Osnabrücker Hammed Khamis lebte als Blogger tagelang im „Dschungel von Calais“, einem Flüchtlingslager nahe der französischen Stadt. Nun ist sein Blog für den renommierten Grimme Online Award nominiert. Er hofft, den begehrten Publikumspreis zu gewinnen.

Neun Tage verbrachte der Osnabrücker Hammed Khamis in einem französischen Flüchtlingslager nahe Calais und bloggte dort für das Internet-Magazin „Seinsart“. In zwölf Blogbeiträgen unter dem Titel „In den Dschungel von Calais“ erzählte er eindrücklich und hoch emotional von seinen Erlebnissen und den Schicksalen der Menschen vor Ort. Kürzlich wurde sein Blog für den Grimme Online Award in der Kategorie „Information“ nominiert. Noch bis zum 16. Juni kann für ihn abgestimmt werden , damit er den Publikumspreis 2016 gewinnt.

Unsere Redaktion sprach mit dem Blogger über seine Nominierung, journalistische Verantwortung und die Zeit im Dschungel.

Herr Khamis, wie kamen Sie auf die Idee, über den sogenannten „Dschungel von Calais“ zu bloggen?

Ich habe damals schon mehrere Monate in der Traglufthalle im Berliner Stadtteil Moabit und am Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales, Anm. d. Red.) für Flüchtlinge gedolmetscht. Meine Familie stammt ursprünglich aus dem Libanon. Deshalb spreche ich Arabisch. Mir wurde bei meiner ehrenamtlichen Arbeit immer viel Dankbarkeit entgegengebracht und da dachte ich: „Mensch du kannst doch mehr machen!“

Und dann sind Sie einfach losgedüst?

Ja, fast. Den Anstoß gab dann ein Fernsehbericht über den „Dschungel von Calais“ und den Eurotunnel. Vor allem die darin gezeigte, von Flüchtlingen selbst gebaute Kirche aus Plastikplanen und Hölzern, mit dem zehn Meter hohen Kreuz, hat mich nachhaltig beeindruckt. Ich wollte dahin. Ich fragte bei zahlreichen Medienredaktionen an, ob sie Interesse an Artikeln oder einem Blog hätten, doch ich wurde eher belächelt. „Du kannst das nicht“, hat man mir oft gesagt. „Du bist kein Journalist.“ Beim Chefredakteur des Seinsart-Magazins, Nicolas Flessa, bin ich aber auf offene Ohren gestoßen. Letztendlich war ich neun Tage vor Ort und habe zwölf Blogbeiträge, Fotos und Videos geliefert.

Und jetzt sind Sie für den begehrtesten deutschen Journalistenpreis nominiert. Was bedeutet es Ihnen?

Als ich von der Nominierung durch das Grimme-Institut gehört habe, ging mir nur durch den Kopf: Das ist die höchste Auszeichnung für Journalisten. Jetzt hat sich alles ausgezahlt. Jetzt habe ich es allen gezeigt, die nicht an mich geglaubt haben. Diese Nominierung ist eine riesige Ehre, die mir hoffentlich auch in der Branche Anerkennung verschafft und viele weitere Projekte ermöglicht.

Als am 28. April in Köln die Nominierten verkündet wurden, saßen Sie zwischen namenhaften Journalisten. Wie sind Sie ihnen begegnet?

Alle Journalisten bei der Veranstaltung sind mir mit Respekt begegnet und deren Anerkennung hat mir viel bedeutet. Ich habe wohl oft mit meinen Ausführungen für Verwunderung gesorgt. Da saßen Journalisten mit langjähriger Erfahrung, die bis zu 100.000 Euro Budget für ihre Projekte hatten. Ich zog damals mit 175 Euro in der Tasche los und konnte mir irgendwann vor Ort nicht mal mehr das Hostel leisten. Ich habe unter widrigsten Bedingungen, ohne Hightech, die Berichte und Fotos vom Handy oder aus dem Internetcafé geschickt. Mein Chefredakteur, Nicolas Flessa, hat sie für mich lektoriert. Oft wurde ich gefragt, wie ich das unter den widrigen Bedingungen geschafft habe.

Als Journalist soll man sich nicht mit einer Sache gemein machen, sondern neutral bleiben und Distanz wahren. Konnten Sie als Blogger vor Ort nur neutraler Beobachter sein?

Von Distanz und Neutralität halte ich bei solchen Themen nichts. Wer nach Calais geht, kann diese vermeintlich professionelle Distanz nicht wahren. Kein Journalist mit Herz kann in so einer Situation nur mit der Kamera draufhalten und unparteiisch bleiben. Selbst die Polizisten der Gendarmerie von Calais haben teilweise abends ihre Uniformen abgestreift und geholfen. Ich denke, Journalismus hat viele Facetten. Meine Beiträge bestechen gerade durch Nähe und Emotionen. Viele Journalisten blieben nur einen Tag. Wie will man über Staub, Schweiß und Ruß auf der Haut schreiben, wenn man ihn selbst nicht erlebt?

Wie haben Sie diese Nähe zu den Bewohnern des Dschungels von Calais herstellen können?

Ich sah aus wie ein Flüchtling, sprach ihre Sprache und nach vier Tagen im Hostel ging ich pleite und schlief in einer Hütte im Dschungel. Ich habe mit rund 300 Flüchtlingen vor Ort gesprochen. Letztendlich wurde ich von der Gendarmerie behandelt wie sie – auch geschlagen. Ich half an der Autobahn kurz vor dem Eurotunnel bei der Flucht, ich war auch mit auf den Gleisen, ich nahm an Demos teil und überwand mit ihnen Zäune – wäre all dies nicht so gewesen, wären meine Berichte nicht derart authentische Nahaufnahmen der Situation vor Ort geworden. Und ich bin genau deswegen nominiert: Weil ich mittendrin war und stellvertretend im Blog ihre Geschichten erzähle, die sie nicht erzählen können.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Berichte und Ihr Engagement vor Ort?

Leider fielen die Reaktionen nicht nur positiv aus. Vor Ort in Calais war es teilweise ein Spießrutenlauf, weil es auch dort viele Nazis und Gegner des Camps gab. Aus Deutschland bedrohten mich einige AfD- und Pegida-Anhänger und denunzierten mich als Fluchthelfer. Aber ich denke lieber an die positiven Rückmeldungen. Viele lobten meinen Schreibstil, dass ich überhaupt hingefahren bin, um aufzuklären, und einige wollten mir auch vor Ort zur Hand gehen.

Zahlreiche Journalisten waren ebenfalls im Dschungel. Wie gingen sie mit den Bewohnern um?

Ich habe selbst mit einigen von ihnen zusammengearbeitet vor Ort. Ich selbst musste erleben, wie sie Versprechen und Absprachen nicht einhielten, das Vertrauen der Bewohner missbrauchten und deren Privatsphäre nicht achteten. Zahlreiche Journalisten haben die Leute vor Ort vorgeführt wie Tiere, sie pietätlos und respektlos dargestellt, in Zelte hineinfotografiert oder beim Waschen abgelichtet. Dafür haben ich mich oft geschämt. Wenn ich versprochen habe, Lautsprecher für die Kirche zu besorgen, dann habe ich das auch gemacht. Vor jedem Foto habe ich um Erlaubnis gefragt.

Was haben Sie aus dem „Dschungel von Calais“ mitgenommen?

Es sind viele einzelne Gespräche und Momente, die sich ins Gedächtnis brennen. Am zweiten Tag im Camp habe ich meinen Vater tränenüberströmt in Deutschland angerufen und mich bedankt. Er selbst ist damals über drei Länder aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet. Zum ersten Mal konnte ich nachvollziehen, was das bedeutet haben muss.

Bei den Menschen in Calais hat mich beeindruckt, dass sie sich –egal welcher Nationalität sie waren – niemals im Stich ließen, sie einen unglaublichen Überlebenswillen und große Zuversicht hatten. Die meisten von ihnen waren barmherzig, nobel und großzügig. Sie luden mich zum Essen ein, obwohl sie selbst kaum genug hatten. Das ist mir ein Vorbild. Und ich habe gelernt, dass Sach- und Essensspenden vor Ort nichts bringen. Stattdessen würde ich eher Geld sammeln, damit sich die Menschen das Benötigte kaufen können.

Welche Folgeprojekte haben Sie im Sinn?

Viel kann ich noch nicht verraten, aber mein nächstes Projekt wird die Jesiden im Irak thematisieren.


Zur Person Hammed Khamis:

Hammed Khamis ist 1978 als 11. von 14 Kindern libanesischer Eltern in Osnabrück geboren. Die Familie lebte in der Gastarbeitersiedlung in der Sandgrube im Stadtteil Wüste. Khamis brach das Gymnasium ab und rutschte ins kriminelle Milieu ab. 2006 gelang ihm der Ausstieg, 2012 veröffentlichte er eine Autobiografie mit dem Titel „Ansichten eines Banditen“.

Khamis lebt mittlerweile in Berlin und engagiert sich für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Er macht Präventionsarbeit und leitet eine Integrationsschule im Haus der Jugend in Berlin/Wedding. Seit August 2015 schreibt er für das Seinsart Magazin. Seine Erlebnisse fasste er im Buch „I am not animal. Die Schande von Calais“ zusammen. Es erschien im Januar 2016 im Frohmann Verlag.

Was ist der „Dschungel von Calais“?

Im sogenannten „Dschungel von Calais“, einer illegalen Siedlung in den Dünen außerhalb der französischen Stadt, leben tausende Flüchtlinge aus Nahost und Afrika unter widrigsten Lebensumständen. Im vergangenen Jahr waren zeitweise bis zu 10.000 Flüchtlinge gezählt worden.

Bei einer ersten Räumung des südlichen Teils des Camps im Februar 2016 wurden für 1500 Menschen Containerunterkünfte eingerichtet, zudem werben die Behörden bei den Migranten dafür, in Aufnahmezentren im ganzen Land umzuziehen und in Frankreich Asyl zu beantragen.

Derzeit schätzen lokale Hilfsorganisationen die Zahl der Flüchtlinge auf circa 7.000 – darunter Hunderte unbegleitete Kinder und Jugendliche. Offizielle Angaben sprechen aktuell von 3.900 Menschen, die dort stranden, um nach Großbritannien weiter zu reisen und dort Asyl zu beantragen.

Das Land ist nicht Mitglied im Schengen-Raum und kontrolliert deshalb bereits in Calais seine Grenzen. Tausende Flüchtlinge sammeln sich nahe der Hafenstadt und sie versuchen, auf Lastwagen zu klettern, um so mit Fähren oder Zügen illegal nach Großbritannien zu gelangen.

Seit der Räumung wurden die Sicherheitsmaßnahmen stetig erhöht, zusätzliche Sperrzäune und Kameras wurden installiert und Hunderte weitere Polizisten zur Sicherung des Lagers und des naheliegenden Hafengebietes eingesetzt. Dennoch kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen im „Dschungel von Calais“ - zuletzt am 27. Mai 2016. (mit dpa)

Was ist der Grimme Online Award?

Der nicht dotierte Grimme Online Award zeichnet seit 2001 deutschsprachige, qualitativ hochwertige Onlineangebote aus. In vier Kategorien werden maximal acht Preise vergeben. In diesem Jahr gibt es 28 Nominierte, die für Twitter-Accounts, Podcasts und Blogs gewürdigt werden sollen.

Der Blog „Dschungel von Calais“ ist für den Grimme Online Award in der Kategorie „Information“ nominiert. Dieser Preis zeichnet herausragende Beiträge aus, die demonstrieren, wie das Internet oder Apps für aktuelle Formen des Online-Journalismus genutzt werden können. Dabei sollen die Beiträge Informationen vermitteln, vertiefende Analysen bieten und in Reportagen Themen veranschaulichen.

Eine unabhängige Jury, bestehend aus Journalisten, Medienwissenschaftlern, Internet-Experten und Fachleuten aus Kultur und Bildung bewerten die Beiträge inhaltlich und in Hinblick auf ihre Gestaltung. Journalistische Qualität, soziale Verantwortung und gesellschaftliche Relevanz spielen dabei eine Rolle.