Ganze Brücken voll Romantik rettet den Ladenhüter Vorhängeschloss

Liebesschlösser an einem Geländer einer Münsteraner Brücke. Die Vorhängeschlösser werden dem Brauch nach von Jungverliebten an Geländern angeschlossen, die Schlüssel werden weggeworfen: Ein Zeichen ewiger Liebe. Foto: Archivbild dpaLiebesschlösser an einem Geländer einer Münsteraner Brücke. Die Vorhängeschlösser werden dem Brauch nach von Jungverliebten an Geländern angeschlossen, die Schlüssel werden weggeworfen: Ein Zeichen ewiger Liebe. Foto: Archivbild dpa

dpa/hns Hannover/Osnabrück. Das geritzte Herz in der Baumrinde ist out: Romantische Pärchen in aller Welt setzen auf Liebesschlösser. In manchen Städten wird der Trend sogar zur „Plage“, in Osnabrück kam der Bolzenschneider aber noch nicht zum Einsatz.

Sie hängen an Brücken und Zäunen, auf Balkonen und an Geländern: Liebesschlösser als Symbole ewiger Treue. Liebesschwüre aus Metall sollen Verbundenheit beschwören - egal, ob in Rom, Moskau, Köln oder Paris. Selbst an Hannovers Maschsee grüßen „Nicole & Gerd“ als Liebespaar - auf einem der zahlreichen Schlösser, die an besonders romantischer Stelle einen Zaun zieren. In Osnabrück hängen die Liebesbeweise vor allem an der Fußgängerbrücke „Öwer de Hase“.

Der Trend schwappte im Sommer 2008 aus dem Ausland nach Deutschland. Eine der ersten Brücken, die romantische Paare für ihre Schlösser auserkoren hatten, war die Kölner Hohenzollernbrücke am Rhein. In der Bundesrepublik ist das Bauwerk bei dem Brauchtum längst zum bekanntesten avanciert. Die Frage nach Gewicht und Anzahl der Schlösser wird unterschiedlich beantwortet, Schätzungen bewegen sich zwischen zwei und 15 Tonnen für eine Anzahl von angeblich 40.000 Schlössern, hieß es in der Vergangenheit bei der Stadt.

In vielen Städten gibt es bereits Verbote. In Venedig und Berlin ist das Anbringen an Brücken strikt verboten. In Venedig ist insbesondere die Rialto-Brücke betroffen, was im September 2011 zu heftigem Streit führte. In Rom, wo 2007 eine Laterne unter der Last vieler Schlösser zusammenbrach, waren die Liebesbekundungen vorübergehend verboten, mittlerweile sind sie aber wieder legal. Im Internet werden Tipps ausgetauscht, wo die romantischsten Brücken für das Anheften der Schlösser stehen - der Trend hat sich verselbstständigt.

Von einer Schlösser-Flut kann in Osnabrück noch keine Rede sein. Genaue Zahlen hat die Stadt aber nicht. „Es hält sich noch in Grenzen“, sagte Stadt-Sprecher Sven Jürgensen auf NOZ-Anfrage. „Wenn wir uns die Hohenzollernbrücke in Köln anschauen, wissen wir, dass wir kein Problem haben.“ Bisher habe zudem noch keine Notwendigkeit bestanden, die Schlösser mit dem Bolzenschneider anzugehen. „Wir beobachten die Situation.“ Das rigorose Vorgehen anderer Städte kann Jürgensen aber nachvollziehen. Sicherheitsgründe könnten eine Rolle spielen. „Wenn sich Fußgänger zum Beispiel nicht mehr festhalten können.“ Aber auch ästhetische Gründe sind relevant - und die Chemie muss stimmen: Durch eine elektrolytische Korrosion des edleren Messings der Schlösser im Vergleich zu dem unedleren Eisen der Brücken können Rostschäden entstehen, warnen Experten.

Liebesschlösser kurbeln die Wirtschaft an

Die Metallindustrie reibt sich angesichts des Trends dagegen die Hände. Denn die Liebenden retten das gute alte Vorhängeschloss, das durch moderne Schließsysteme zunehmend aus der Mode kommt. Ob Gartenhaus oder Schwimmbad-Spind: Pfiffige Lösungen mit Chips oder Geldmünzen verdrängen immer mehr das Bügelschloss. „Klassische Bereiche wie der Bergbau mit seinen vielen Spinden sind ebenfalls weggebrochen - das alles findet heute seine Kompensation im Trend der Liebesschlösser“, bestätigt Jorga Burri-Griesloff von Deutschlands Schlösser-Marktführer Abus. Das traditionsreiche Familienunternehmen hat eine neue Produktlinie Liebesschlösser aus Titalium auf den Markt gebracht. Es ist ein auf Aluminium basierendes Material, das leichter ist als das gute alte Messingschloss - aber ähnlich robust.

Genaue Angaben zum Anteil der Liebesschlösser am Geschäft macht Burri-Griesloff nicht. Eingraviert sind bei den roten „Love Locks“ romantische Motive mit Herzen oder der Silhouette eines umschlungenen Liebespaares.

Beim Konkurrenten Burg-Wächter, mit dem sich Abus den deutschen Markt der Vorhängeschlösser weitgehend teilt, spürt man einen ähnlichen Trend. „Wir haben von diesen Schlössern bereits doppelt so viel wie vergangenes Jahr verkauft“, sagt Vertriebschef Detlef Schmale.

Burg-Wächter ist bereits seit Anfang 2011 mit speziellen Liebesschlössern auf dem Markt, die auch ins Ausland exportiert werden. „Es ist ein Gag, der das Sortiment aufhellt“, sagt Schmale, und spricht von „Riesenzuwächsen“. Konkrete Zahlen nennt auch dieses Traditionsunternehmen nicht.

Die Mode sorgte für eine eigene kleine Branche mit Straßenhändlern und Gravur-Spezialisten. Wo jugendliche Romantiker früher Herzen in Baumstamm-Rinde ritzten, ist heute Kreativität beim Gravieren angesagt. Vom fein ziselierten Kussmund bis hin zum Dauerbrenner, dem von Amors Pfeil durchbohrten Herzen, ist erlaubt, was gefällt.

Auch die Schlossform variiert - je nach Portemonnaie ist alles drin. Skeptiker setzen dabei auf Lösungen, wie sie an der Pariser Seine-Brücke Pont des Arts immer wieder auftauchen: Schlösser mit Zahlenkombination. Sie sind wiederverwertbar, sollte die Liebe nicht ewig währen.