ESC 2016: Der Regenbogen-Contest Warum Schwule und Lesben den ESC so lieben

Von Melanie Heike Schmidt

Conchita Wurst bei der 60. Auflage des Eurovision Song Contests ESC 2015 in Wien, im Vorjahr hatte der Travestiekünstler den ESC gewonnen. Ein Sieg, der viele Schwule in Deutschland begeisterte. Foto: Imago stock&peopleConchita Wurst bei der 60. Auflage des Eurovision Song Contests ESC 2015 in Wien, im Vorjahr hatte der Travestiekünstler den ESC gewonnen. Ein Sieg, der viele Schwule in Deutschland begeisterte. Foto: Imago stock&people

Osnabrück. Vor 60 Jahren als Sängerwettstreit gestartet, steht der Eurovision Song Contest heutzutage vor allem bei Schwulen hoch im Kurs. Weshalb ausgerechnet die Gay-Community den ESC zu ihrem Lieblings-Event erkoren hat, ist nicht so einfach zu beantworten. Zumal auch Lesben, Bi- oder Transsexuelle den bunten Contest oft sehr mögen. Ein Erklärungsversuch.

Es war nur ein winziger Fehler, doch seine Auswirkungen waren riesig: Auf Broschüren zum Songcontest-Finale im Jahr 2011 in Düsseldorf hatte sich ein Schreibfehler eingeschlichen. Statt „Aktionstag der Schulen“ stand dort „Aktionstag der Schwulen“. Haha! Nun ja, so witzig fanden es die Verantwortlichen nicht, insgesamt 100.000 Exemplare mussten verbessert werden. Doch so ganz abwegig war der Fehler gar nicht gewesen, schließlich gilt der ESC seit Jahren als fester, heißgeliebter Termin im schwulen Kalender.

ESC und Schwule: Vorsicht vor Klischees

Erklärungsversuche, warum das so ist, greifen allerdings meist tief in die Klischeekiste. Selbstverständlich ist der ESC bunt, verrückt, schrill, voller Diven und voll großer Gefühle. Perfekt also für Lesben, für Transsexuelle und die Gay-Community, denen jeweils Ähnliches nachgesagt wird. Oder ist das zu einfach?

„Immer schon offen lesbische und schwule Akteure“ beim ESC

Pauschal könne und dürfe man diese Frage nicht beantworten, findet Markus Ulrich, Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD). „Die Gründe für die Beliebtheit des Contests bei Lesben und Schwulen sind vielfältig. Einer ist sicher, dass es beim ESC oftmals schon offen lesbische und schwule Akteure gab und gibt. Das verbindet.“ Viele lesbische und schwule Clubs nähmen den ESC als Anlass für Treffen und Partys. Zu denen wiederum mittlerweile auch Heterosexuelle gerne kämen, berichtet Ulrich. „Der Songcontest hat über die Jahre Lernprozesse in Gang gesetzt und so einiges für die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Lesben und Schwulen getan“, so der Sprecher des LSVD.

Nicht alle Schwule finden den ESC toll

Der Verband setzt sich seit 26 Jahren für Gleichberechtigung, Vielfalt und Respekt ein. Ein Weg, der noch längst nicht beendet sei, sagt Ulrich. Mit Blick auf den ESC warnt er denn auch davor, alles in einen Topf zu werfen: „Natürlich gucken viele Schwule und Lesben den ESC, aber nicht jeder findet ihn toll.“ Als etwa vor zwei Jahren Conchita Wurst den Wettbewerb gewann, wurden Diskussionen laut, auch unter Schwulen und Lesben. „Eine Siegerin mit Bart! Conchita Wurst wurde von sehr vielen enthusiastisch gefeiert, hat aber auch polarisiert. Der ESC ist eben auch immer gesellschaftspolitisch“, sagt Ulrich.

Ein Mann wird zur Frau - und siegt beim ESC

Kein Wunder, zieht der Sängerwettstreit doch große Kreise und neben Schwulen und Lesben auch andere in seinen Bann, etwa Bisexuelle, Transsexuelle oder Intersexuelle. Spätestens im Jahr 1998, als Dana International, einst als Mann geboren, als Frau den Sieg für Israel einheimste, war klar: Der ESC setzt Zeichen, in diesem Fall eines für Transsexuelle.

Zu Offensichtliches beim ESC sorgt für Ärger

Das allzu Offensichtliche sorgte aber auch schon für Ärger: Als 2014 Conchita Wurst beim Contest die meisten Punkte absahnte, schwenkten viele begeistert ihre Regenbogen-Flaggen. Russland aber sah in dem Sieg der Travestiekünstlerin gleichsam den Untergang Europas. Namhafte Politiker aus Moskau hetzten offen gegen die Sängerin und ihre Lebensform und gegen Schwule und Lesben und alle, die nicht in deren Weltbild passten. „Viele Schwule und Lesben haben diese Debatte aufmerksam verfolgt“, erinnert sich Ulrich.

„Auf der Bühne war immer schon mehr möglich“

Geschadet habe die teils heftige Diskussion nicht, eher im Gegenteil. „Auf der Bühne war immer schon mehr möglich als im Alltag, und das sichtbar für sehr, sehr viele Menschen. So gesehen ist der ESC schon lange ein Statement für die Vielfalt, und das bleibt er wohl auch“, sagt Ulrich.

ESC als Pendant zur Fußball-EM

Dass insbesondere Schwule den ESC lieben, könnte schlichtere, unpolitische Gründe haben. Mancher sieht in dem Contest ein Pendant zur Fußball-WM. Es sei eben ein Wettstreit, und als solcher vor allem für Männer interessant, heißt es da sinngemäß. Andere loben die Möglichkeit, als ESC-Fan offen Gefühle, auch Tränen, zeigen zu können. Und wieder andere verweisen auf die immerhin 200 Millionen Menschen in aller Welt, die den ESC Jahr für Jahr gebannt vor dem Fernseher verfolgen, und die selbstverständlich nicht alle schwul, lesbisch oder transsexuell sind.

ESC 2016: Fremdschämen und Freudentränen

So betrachtet ist der Songcontest eben einfach nur ein schöner, bunter, friedlicher Reigen, der die gesamte Gefühlspalette bedient, von Fremdschämen bis hin zu hemmungslosen Freudentränen. Und all das ist unabhängig von einer wie auch immer gearteten sexuellen Orientierung.