ESC: Teuer, banal, langweilig? Meckern über den ESC – was ist dran an der Kritik?

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Quotenqueen beim ESC-Finale war bisher Lena Meyer-Landrut (rechts), die 2010 den Titel für Deutschland holte. Dieses Jahr hoffen die TV-Verantwortlichen auf die Zugkraft von Sängerin Jamie-Lee Kriewitz (links). Foto: dpaQuotenqueen beim ESC-Finale war bisher Lena Meyer-Landrut (rechts), die 2010 den Titel für Deutschland holte. Dieses Jahr hoffen die TV-Verantwortlichen auf die Zugkraft von Sängerin Jamie-Lee Kriewitz (links). Foto: dpa

Osnabrück. Der Eurovision Song Contest entzweit die Gemüter. Die einen finden den Sangeswettstreit großartig, loben ihn als verbindendes Element zwischen Nationen und Kulturen. Viel zu teuer, musikalisch unbedeutend, altbacken, unfair, entgegnen die Kritiker.

In Kopenhagen kam der ESC-Schock verspätet, aber mit Wucht. Nach dem Spektakel, bei dem 2014 die Dragqueen Chonchita Wurst den Titel für Österreich geholt hatte, zählten die Verantwortlichen die Rechnungssummen zusammen – und hielten den Atem an: Die Veranstaltung in der dänischen Hauptstatt kostete dreimal so viel wie geplant. Mit den veranschlagten 4,6 Millionen Euro hatte man weit danebengelegen. Der ESC war „viel, viel teurer, als irgendjemand sich hätte vorstellen können“, sagte damals der Geschäftsführer der Tourismusmarketing-Gesellschaft Wonderful Copenhagen, Lars Bernhard Jørgensen, der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau. Aufwändig waren für die Show ehemalige Werfhallen umgebaut worden.

ESC-Finalplatz erkauft?

Auch in Deutschland wird immer wieder Kritik an den Kosten der Mega-Show laut. Denn Deutschland ist neben Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien eines der sogenannten Big Five, also derjenigen Länder, die den Großteil der ESC-Kosten schultern. Der Lohn: Ihre Beiträge sind stets für das Finale gesetzt. Ein schlechter Ausgleich, höhnen Gegner. Ein „gekaufter Finalplatz“ widerspreche eklatant dem Wettbewerbsgedanken des Contests. Doch die Kritik hat wenig Folgen, die Big-Five-Regel gilt bislang als unantastbar.

„Big Five“ übernehmen Löwenanteil

Aber wie teuer kommt der ESC den deutschen Gebührenzahler denn nun zu stehen? Genaue Zahlen sind Mangelware. Immer wieder tauchen Medienberichte auf, nach denen die Teilnehmerländer rund die Hälfte der Kosten schultern. Klar ist: Die Big Five – neben Deutschland – übernehmen dabei stets den Löwenanteil.

ESC-Gesamtkosten: mehrere Millionen

Sponsoren- und Werbeeinnahmen, Erlöse aus den Ticketverkäufen sowie Einnahmen aus dem TV-Übertragungsrechteverkauf verringern zwar die Gesamtkosten des Ausrichterlandes, dennoch bleibt das Gewinnerland mindestens auf einem zweistelligen Millionenbetrag sitzen. Im Fall Norwegens 2010 waren es rund 16 Millionen Euro. Im Jahr nach Oslo war Deutschland als Gewinnerland Austragungsort für das Finale. Für die ARD und im Weiteren für die Gebührenzahler hieß das unterm Strich: ESC-Gesamtkosten von rund 12 Millionen Euro. Je nach Aufwand variieren die Summen stark, in Moskau etwa soll das besonders aufwendig gestaltete Finale die Gesamtkosten auf rund 40 Millionen Euro getrieben haben.

ESC 2015: Albtraum für Macher und Sponsoren

Das Motto „Wer gewinnt, wird Gastgeber und zahlt im nächsten Jahr“ sorgt jedoch dafür, dass immer andere zur Kasse gebeten werden. Denn kaum ein Land sieht mehrfach hintereinander. Doch wer glaubt, den Verlierern des Contests bleiben die Kosten erspart, irrt. So kann der Null-Punkte-Albtraum der deutschen Finalistin Ann Sophie im vergangenen Jahr dem Gebührenzahler teuer zu stehen kommen. Der Grund: sinkende Quoten. Während bei Lenas Finale rund 14,69 Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm mitfieberten, waren es fünf Jahre später nur noch magere 8,11 Millionen Deutsche, die den Höhepunkt des ESC einschalteten. Damit dümpelt der ESC unter der Quote eines mittelprächtigen Tatorts. Ein Albtraum für Macher, Sponsoren und Werbepartner.

ESC als Image-Politur

Die Sendeanstalten jedoch kontern, dass es Gewinne gibt, die sich nicht in Cent und Euro messen lassen, etwa der Image-Zuwachs insbesondere bei jüngeren Zuschauern. Hier setzen die TV-Verantwortlichen in diesem Jahr ganz auf die junge, eben erst volljährig gewordene deutsche Finalistin Jamie-Lee Kriewitz. Sie soll den ESC zurück zu Lenas Glanzzeiten katapultieren. Vielleicht gelingt das sogar: Die Zuschauerzahlen beim Vorentscheid waren mit 4,47 Millionen fast so hoch wie einst bei Lena (4,55).

Neues Punktesystem, mehr Fairness?

Da es dieses Jahr ein neues Punktesystem gibt, könnte es zumindest spannender werden. Ob das Prozedere, das seit Jahren heftig diskutiert wird, mit dem neuen System auch fairer wird, muss sich zeigen.

Was sich genau bei der Punktevergabe ändert, lesen Sie hier.

Auf das viel kritisierte Phänomen, dass sich befreundete Länder gegenseitig „Punkte zuschanzen“, hat das neue System sicher keinen Einfluss. Doch auch hier gibt es eine andere Seite der Medaille: ESC-Experten – wie zum Beispiel Kommentator Peter Urban – erklären die „unfaire Nachbarschaftshilfe“ bei der Punktevergabe so: Sie sei schlicht Ausdruck ähnlicher Kulturkreise und Vorlieben.

„Unfassbar schlechte Musik“ beim ESC?

Kultur? Beim ESC? Hier lüpfen manche ESC-Gegner die Augenbrauen. Aus ihrer Sicht ist der kulturelle und musikalische Wert der Veranstaltung zweifelhaft. Musikkritiker schreiben gern von „unfassbar schlechter Musik“ beim ESC, so einige sprechen dem Contest jedwede Bedeutung ab. Das liegt unter anderem an den strengen Regeln: Es wird nur live gesungen, der Rest ist Playback. Ein Todesurteil für echte, handgemachte Songs? Genau, rufen die Kritiker. Zudem sollen die Beiträge nicht zu lange dauern (maximal drei Minuten) und nicht von zu vielen vorgetragen werden (höchstens sechs). Es scheint, als geht es mehr um Show als um Musik.

Urban: Musik wird viel aufwendiger produziert

ESC-Urgestein und Dauer-Kommentator Peter Urban hält dagegen: Heutzutage sei die Musik derart aufwendig produziert, dass sie bei den Shows gar nicht live aufzuführen sei, sagte er im Interview mit unserer Redaktion. Auch seien die Umbaupausen bei den Shows viel zu kurz, als das Live-Musik überhaupt möglich wäre. Was die Kritik zumindest relativiert.

ESC im Strudel der Geschichte

Einig sind sich Kritiker wie Fans zumindest in diesem Punkt: Historische Verwerfungen haben auch den ESC verändert: In den Sechzigern und Siebzigern durfte sich der Contest mit Fug und Recht als Pop-Event verstehen, denn mit Siegern wie Abba stand der Wettstreit sehr nah an den Hörgewohnheiten des Mainstream. Er war im wahrsten Wortsinn populär. Doch dann wandelte sich der Wettstreit zur Schlager-Parade, und der Stern sank. Vor allem in Deutschland wurde der Contest zur belächelten Sparten-Veranstaltung.

Und dann kam der Trash zum ESC

Dann drehte sich der Wind erneut: Mit Guildo Horn, Stefan Raab oder auch Lordi kam der Trash-Faktor ins Spiel, und der ESC wurde zumindest wieder interessanter, wenn auch nicht zwingend durchweg musikalisch besser. Spätestens seit 1996, als die Pflicht fiel, den Titel in der Landessprache vorzutragen, schälte sich der Contest erneut. Hervor lugte ein Wettbewerb, der auf den ersten Blick bis heute musikalisch eher unauffällig daherkommt, verhaftet im anglo-amerikanischen Mainstream-Pop und gespickt mit kleinen, schrägen Auswüchsen hier und dort.

Siegertitel? Schnell vergessen

Doch die Halbwertzeit der Songs ist kurz, selbst viele Siegertitel geraten nach kurzem Hype schnell in Vergessenheit, während Abbas „Waterloo“ noch heute jeder kennt. Aber eben nicht alle: Lena etwa, die mit „Satellite“ 2010 den Titel nach Deutschland holte, ist alles andere als vergessen.

Der ESC als geliebte TV-Tradition

Insgesamt ist das Gemecker über den ESC wohl so alt wie der ESC selbst. Ebenso unermüdlich verweisen ESC-Fans wiederum auf die einigende Kraft des Wettstreits, der länderübergreifend verbinde, unabhängig von Kosten oder fehlender musikalischer Tiefe. Ist der Songcontest also zu teuer, zu banal, zu unbedeutend? Ja, in gewisser Weise. Und warum wird er dennoch Jahr für Jahr abgehalten? Eine naheliegende Antwort: Weil der ESC eine Tradition ist, die untrennbar zum TV-Jahr hinzugehört, ähnlich wie TV-Duelle vor Wahlen oder große Fußballspiele. Und genau wie bei diesen Fernseh-Megaereignissen auch darf beim Song Contest eins nicht fehlen: das Schimpfen darüber.


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