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ESC 2016: Sieg nach Punkten? ESC-Veranstalter sagen Langeweile den Kampf an

Von Melanie Heike Schmidt

Diese beiden moderieren die Mega-Show am Pfingstsamstag: Der schwedische Sänger Mans Zelmerlow (links) gewann im Vorjahr den Contest, an seiner Seite moderiert der schwedische Comedian-Star Petra Mede. Ob das neue Punkte-Prozedere die Show spannender macht? Darauf hoffen die ESC-Macher. Foto: dpaDiese beiden moderieren die Mega-Show am Pfingstsamstag: Der schwedische Sänger Mans Zelmerlow (links) gewann im Vorjahr den Contest, an seiner Seite moderiert der schwedische Comedian-Star Petra Mede. Ob das neue Punkte-Prozedere die Show spannender macht? Darauf hoffen die ESC-Macher. Foto: dpa

Osnabrück. Das Gezänk um die Punktevergabe beim Eurovision Song Contest (ESC) ist so alt wie der Sängerwettstreit selbst. Über die Jahre wurde das System zigfach geändert. Auch 2016 gilt wieder ein neues Prozedere. Sinn der Übung: Es soll spannender werden. Ob das klappt?

Wer in den Siebzigern oder Achtzigern aufgewachsen ist, erinnert sich bestimmt: Der Eurovision Song Contest hieß damals noch „Grand Prix d‘Eurovision de la Chanson“, in Deutschland liebevoll „Grong Prieh“ genannt. Die Übertragung im Fernsehen war ein Pflichttermin für die ganze Familie, es gab Limonade und Nüsse in Schokolade und Weingummi, für die Großen Bier oder Wein, abgestellt wurden die Gläser im beige-braunen Wohnzimmer auf passende Kork-Untersetzer. Die Spannung stieg, die Eurovisionshymne erklang, die Sänger sangen, tanzten, gaben alles.

Spannung Fehlanzeige

Und dann das: Zu sehr, sehr später Stunde, wenn es mit der Punktevergabe eigentlich spannend werden sollte, waren die Augen der Zuschauer schon so klein, dass sie kaum offen zu halten waren. Auf dem Bildschirm das ewig gleiche Bild: In einer seltsamen Kabine saß ein Mann oder eine Frau und verkündete verkrampft-korrekt die Punkte seines Landes für die verschiedenen Liedbeiträge, aus dem Off kam die Übersetzung ins Englische, Französische, Deutsche... „Spain, eight points … Espangne, huit points … Spanien, acht Punkte… „. Gähn.

ESC schön wie ein Zahnarztbesuch

Leider gibt es keine Statistik darüber, wie viele Zuschauer Jahr für Jahr bei der Punkteverteilung im Schnitt einschlafen, doch das Problem ist bei den Machern des Contests, der European Broadcasting Union (EBU) vermutlich bekannt. Erstaunlich, dass trotz vieler Regeländerungen bis heute die Punktevergabe beim Song Contest eine längliche, leidlich spannende Angelegenheit geblieben ist. Länglich, weil eben so viele Länder mitmachen (dieses Mal 42), leidlich spannend, weil der Sieger häufig schon früh feststeht, die Punktevergabe sich aber hinzieht wie ein schlimmer Zahnarztbesuch - mit Bohren. Das soll nun ein Ende haben. Mit dem nagelneuen Punktevergabesystem könnte der Wettstreit spannend bleiben bis zum Schluss, hoffen EBU und die sogenannte Reference Group, zuständig für Regelneuerungen. Und die Punkteverteilung soll sogar gerechter, ja geradezu transparent werden. Ein hoher Anspruch.

Stehen ESC-Sieger zu früh fest?

Doch war ändert sich nun genau beim ESC 2016? Um das zu verstehen, ein Blick zurück: Im Vorjahr verkündeten nach der Singerei die sogenannten Spokesmen die Votings ihrer jeweiligen Länder. Jede der bekannt gegebenen Wertungen bestand aus zwei Elementen,aus einer Jury-Bewertung sowie aus dem Abstimmungsergebnis der Zuschauer. Beide wurden je zur Hälfte gewichtet, das kombinierte Ergebnis in Punkten durfte der Spokesman oder die Spokeswoman vortragen.

Die höchste Wertung, die ein Land für seinen Liedbeitrag von einem anderen bekommen konnte, betrug zwölf Punkte. Sehr häufig war es nun der Fall, dass rein rechnerisch ein Favoritensong nicht mehr eingeholt werden konnte. Dennoch aber musste die Punktevergabe von zwölf Punkten bis runter zu einem Punkt von jedem einzelnen Land bis zum Schluss durchgezogen werden, was das Ganze ausgesprochen zäh werden ließ.

ESC früher: Votings zusammengewürfelt

Beim ESC 2016 läuft das anders: Zum einen werden die Jury- und Zuschauervotings nicht mehr zusammengewürfelt, sondern bleiben getrennt. Die Spokesmen (oder –women) verkünden nur noch die Jury-Bewertung, und hier auch nur noch, wer mit seinem Auftritt die höchste Punktzahl zwölf einheimsen konnte. Die anderen Jury-Punkte werden eingeblendet. Diese Neuerung verspricht, die Verkündigungsrunde beim ESC 2016 in der Tat radikal zu verkürzen.

ESC 2016: Zuschauervotings extra

Um die Spannung zu halten, werden die Zuschauerwertungen erst anschließend obenauf gepackt. Und auch hier gibt es eine Neuerung: Zunächst stimmen die Zuschauer in den jeweiligen Ländern ab, per Telefon, SMS oder über die ESC-App. Sind alle Televotings beendet, werden diese pro Wettbewerbsbeitrag zusammengerechnet. Die beiden Moderatoren der Live-Show in Stockholm, Mans Zelmerlöw und Petra Mede, haben die Ehre, die Summe der Länder-Punkte für die jeweiligen Songs bekannt zu geben. Um die Transparenz zu wahren, werden die Zuschauerwertungen national aufgeschlüsselt online nachzulesen sein.

Beim ESC 2016 gibt‘s zweimal zwölf Punkte

Daraus folgt: Statt wie bisher maximal zwölf Punkte kann jedes Land bis zu 24 Punkte an einen Beitrag vergeben, was folglich die Gesamtzahl der möglichen Punkte erhöht und so die Spannweite zwischen den einzelnen Platzierungen vergrößert. Die Verkündigung ausschließlich der Höchstpunktzahl durch die Spokesmen und die folgende Bekanntgabe der Summen aus den Televotings strafft nicht nur das Vergabeprozedere ganz erheblich, sondern könnte tatsächlich die Spannung bis zum Schluss halten.

Auch gut: die Trennung von Zuschauer- und Jury-Votum. Dies erhöht die Chance, dass nicht das Lied gewinnt, das eine wenigköpfige Jury am meisten überzeugt hat, sondern dasjenige, das die Zuschauer am besten fanden. Dieser Punkt hatte seit Jahren für Zwist gesorgt.

Nachbarschaftshilfe in Punkten?

Allerdings: Auch der viel gescholtene Nachbarschaftsbonus – sich nahe stehende Länder geben sich gegenseitig immer die meisten Punkte - bleibt bei dieser Variante erhalten. Was aber in Ordnung ist, denn diese Bevorzugung gründet sich statistisch belegbar weniger auf politische Sym- oder Antipathien, sondern vielmehr auf lange gewachsene, ähnliche Kulturkreise, die sich in hohen Wertungen niederschlagen. was auch ESC-Experten wie zum Beispiel ESC-Kommentator Peter Urban immer wieder betonen.

ESC-Votings selten politisch motiviert

Anders wäre es beispielsweise auch kaum zu erklären, dass Russland im Jahr 2015 auf Platz zwei landete – trotz internationaler Ressentiments wegen der Krim-Annexion und des Ukraine-Konflikts. Auch dass Deutschland im gleichen Jahr blamable null Punkte holte, halten Experten weniger für politisch motiviert. Vielmehr hätten Song und Vortrag nicht überzeugt, auch das Theater im Vorfeld der Nominierung von Ann Sophie, die für den plötzlich ausgestiegenen Andreas Kümmert nachgerückt war, soll eine Rolle gespielt haben.

ESC 2016: Das Finale wird es zeigen

Fazit: Das neue SC-Punkteprozedere könnte sich bewähren. Schade, dass es erst jetzt eingeführt wird. Diskutiert wird diese Variante immerhin schon seit 2012.

Auch schön: Der Lieblingssatz der deutschen ESC-Fans – „Germany, twelve points“ – könnte nach dem neuen System weiterhin fallen, vielleicht sogar doppelt, da es zweimal zwölf Punkte zu gewinnen gibt. Gut, dass die ESC-Regelfüchse sensibel genug waren, an solchen Traditionen nicht zu rütteln. Ebenfalls weiterhin gültig und sinnvoll: Wie sonst auch, wird es weiterhin nicht möglich sein, dem eigenen Beitrag per Televoting oder per Jury-Wertung Punkte zu geben.