Osnabrücker AStA unterzeichnet Stellungnahme Flirt oder Frauenverachtung? Studenten gegen Pick-up-Artists

Julien Blanc, einer der wohl bekanntesten und am meisten gehassten Pick-up-Artists, gibt auf Youtube Tipps, wie man Frauen kennenlernt. Screenshot: Facebook/NOZJulien Blanc, einer der wohl bekanntesten und am meisten gehassten Pick-up-Artists, gibt auf Youtube Tipps, wie man Frauen kennenlernt. Screenshot: Facebook/NOZ

Osnabrück. In der „AStA“-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt haben Studenten kritisch über sogenannte „Pick-up-Artists“ berichtet und dabei den Namen und ein Foto eines örtlichen Dating-Coachs veröffentlicht. Der Text hat bereits das Oberlandesgericht beschäftigt, bundesweit solidarisieren sich Studierendenvertretungen mit den Frankfurtern.

Eine nette Übersetzung des Begriffs „Pick-up-Artist“ (PUA) lautet: Verführungskünstler. Doch statt um Kunst geht es den PUAs um die sexualisierte Jagd auf Frauen. Männer lernen in Seminaren und Online-Foren von anderen Pick-up-Artists alle möglichen Tricks, um Frauen zu manipulieren und aufzureißen. „The Art of the Pickup“ heißt beispielsweise ein Youtube-Clip, der zeigt, wie man ein „Streetgame“ durchzieht – also Frauen auf der Straße anspricht. Streeten, gamen, sargen – Pick-up-Artists haben ihren eigenen Glossar, fühlen sich als Teil einer Subkultur, eines Geheimbundes – oder sind sie einfach nur schüchterne Außenseiter, die Nachhilfe in Sachen Flirten brauchen? (Weiterlesen: Die Sprache der PUAs)

Frauenfeindliche Soziopathen

„Pick-up-Artists glauben, dass Frauen dominiert werden möchten“, sagt Julia Becker von der Universität Osnabrück. Dabei gebe es Extreme: PUAs wie „Roosh V“ oder Julien Blanc propagieren frauenverachtende Techniken und plädieren beispielsweise dafür, Vergewaltigungen im privaten Raum zu legalisieren. „Frauen werden hier systematisch zu Objekten degradiert“, sagt Becker. Allerdings gebe es neben den durch die Medien bekannten frauenfeindlichen Soziopathen auch schüchterne Männer, die durch die Techniken lernen wollen, wie sie überhaupt eine Frau ansprechen. „Im Kern geht es oft darum, dass Männer verunsichert sind. Entweder, weil sie keine Freundin haben, oder weil sie mit der fortschreitenden Gleichberechtigung der Geschlechter Probleme haben“, sagt die Professorin.

Wie wirkungsvoll die Tricks der PUAs sind

Dabei können die Tricks der Pick-up-Szene durchaus dabei helfen, Frauen kennenzulernen: Eine Untersuchung der Uni Mainz hat ergeben, dass Teilnehmer von PUA-Seminaren anschließend mehr Telefonnummern von Frauen bekommen. Was jedoch auch daran gelegen habe, dass sich die Männer nach dem Training selbstsicherer und attraktiver gefühlt hätten.

Auch Julia Becker glaubt, dass die harmlosen Tricks effektiv sein können. So zum Beispiel die Drei-Sekunden-Regel, laut der ein Mann eine Frau, die er attraktiv findet, binnen drei Sekunden ansprechen muss. Schüchterne haben so gar keine Zeit, ins Grübeln zu kommen. Andere Techniken wie zum Beispiel die, das „Nein“ einer Frau nicht zu akzeptieren, sind hingegen nicht nur nicht hilfreich, sondern in höchstem Maße frauenverachtend. (Weiterlesen: Die Tricks der PUAs)

Studenten wollen Widerspruch einlegen

Nachdem der AStA Frankfurt Namen und Foto eines Dating-Coachs in einem Bericht der AStA-Zeitung veröffentlicht hatte, ging dieser gerichtlich gegen die Studenten vor. Ende Januar untersagte das Oberlandesgericht Frankfurt, die Daten kenntlich zu machen. Dabei handele es sich um einen recht bekannten Coach, über den bereits viele größere Medien berichtet hätten, sagt Valentin Fuchs von der Frankfurter Studentenvertretung. „Allerdings sind wir die Ersten, die kritisch über ihn geschrieben haben.“

Mittlerweile haben sich bundesweit 17 Studierendenvertretungen und -gruppen, darunter der AStA der Uni Osnabrück, mit den Frankfurtern solidarisiert. „Der Euphemismus ,Pick-Up-Artist‘ bezeichnet keine harmlose Freizeitbeschäftigung, sondern vielmehr handelt es sich explizit um psychische und physische Manipulationstechniken, die vorgeblich Durchsetzungsfähigkeit und Selbstsicherheit im Beruf und Alltag sichern sollen“, heißt es in der Stellungnahme der Osnabrücker. Auch die Frankfurter wollen sich nicht geschlagen geben: „Natürlich werden wir Widerspruch gegen das Urteil einlegen“, sagt Fuchs.


Das autobiografische Buch „The Game“ (deutsch: „Die perfekte Masche“, erschienen 2006) des ehemaligen Rolling-Stone-Journalisten Neil Strauss machte die Pick-up-Artist-Szene auch in Deutschland bekannt. Zwei Jahre lang war er unter Pseudonym in die Subkultur abgetaucht. Strauss brüstet sich in dem Buch unter anderem damit, zehn Freundinnen gleichzeitig zu haben. 2013 beendete Neil Strauss seine Aufreißer-Karriere, heiratete und wurde Vater.

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