Ende eines Traums Bei der Challenger-Explosion vor 30 Jahren starben sieben Menschen

Von Michael Ossenkopp


Osnabrück. Am 28. Januar 1986 ist die Raumfähre Challenger nur 73 Sekunden nach dem Start über dem Atlantik explodiert. Der bis dahin schwerste Unfall in der Geschichte der Raumfahrt traumatisierte die amerikanische Öffentlichkeit.

Bei strahlend blauem Himmel und unter den Augen Tausender Schaulustiger sowie weltweit Millionen von Fernsehzuschauern hebt die Raumfähre Challenger am 28. Januar 1986 um 11.38 Uhr Ortszeit in Cape Canaveral/Florida ab. Doch die Freude über den Bilderbuchstart schlägt schnell in blankes Entsetzen um, als das Spaceshuttle nur 73 Sekunden später in 15 Kilometer Höhe über dem Atlantik explodiert. Der bis dahin schwerste Unfall in der Geschichte der bemannten Weltraumfahrt tötet alle sieben Besatzungsmitglieder. Die Ursache der Katastrophe ist schnell ausgemacht, der Imageschaden für die Raumfahrtbehörde NASA hält bis heute an.

Der Unfall traumatisiert die amerikanische Öffentlichkeit ähnlich wie der japanische Angriff auf Pearl Harbor, das Kennedy-Attentat oder die Flugzeug-Attacken auf das World Trade Center. Bereits seit April 1981 waren Spaceshuttles im Einsatz, aber diesem 25. Flug einer Raumfähre gilt besondere Aufmerksamkeit. Denn mit dem Aussetzen eines Kommunikationssatelliten und der Beobachtung des Halley’schen Kometen soll anderthalb Jahrzehnte nach den spektakulären Mondflügen das schwindende öffentliche Interesse am Raumfahrtprogramm wieder erweckt werden. Um die alltägliche Routine der orbitalen Flüge zu demonstrieren, gehört mit Christa McAuliffe erstmals eine Bürgerin zur Besatzung.

Pioniergeist und Begeisterung

Die 38-jährige Grundschullehrerin aus New Hampshire will ihren Schülern vom Weltraum aus eine Unterrichtsstunde geben, Pioniergeist und Begeisterung neu entfachen. Nach dem Desaster würdigte Präsident Ronald Reagan in einer Rede an die Nation die „sieben Helden“ und sprach von einem „nationalen Verlust“. Der Unfall markiert den Beginn einer anhaltenden Krise, von der sich die bemannte Raumfahrt der USA auch Jahrzehnte danach nicht erholt hat und die sich seit dem Verlust des Columbia-Shuttles im Februar 2003 noch weiter verschärfte.

Grund für das Challenger-Unglück waren schadhafte Dichtungsringe an einer der beiden wiederverwendbaren Feststoffraketen. Wegen der Kälte in der Nacht vor dem Start – die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt – konnten die aus gummiartigem Viton gefertigten O-Ringe ihre Elastizität verlieren. Dieses Problem war jedoch schon vor dem Start bekannt, Ingenieure des Boosterherstellers Morton Thiokol hatten die NASA-Führung in mehreren Telefonkonferenzen am 27. Januar eindringlich vor einem Take-off gewarnt. Die NASA-Verantwortlichen benötigen aber endlich einen Erfolg, alle Warnungen werden ignoriert. Auch Ronald Reagan gerät in die Kritik, da er sich ebenfalls gegen eine weitere Startverzögerung ausgesprochen hatte.

Schwarzer Rauch am Außentank

Wie Aufnahmen von Hochgeschwindigkeitskameras belegen, ist schon unmittelbar nach der Zündung der Triebwerke schwarzer Rauch am Außentank zu erkennen. Beim Start beschleunigen unglaubliche 200 Millionen PS das 2000 Tonnen schwere Monstrum gegen die Schwerkraft. 13 Sekunden später ist am rechten Feststoffbooster ein ungewöhnlicher Flammenausbruch zu erkennen, nach 58 Sekunden treten Gase aus einem stetig größer werdenden Leck am hinteren Teil der Raumfähre aus und bilden eine Stichflamme. Selbst wenn die Crew oder die Männer im Kontrollzentrum dieses Problem realisiert hätten, wäre die Katastrophe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu verhindern gewesen.

Beschleunigungsbelastung von 200 G

68 Sekunden nach dem Abheben weist die Bodenkontrolle Shuttle-Kommandant Francis Scobee mit „Challenger, volle Kraft“ an. Seine Bestätigung ist der letzte Funkspruch von Bord. Der Dichtungsring an der Nahtstelle zwischen zwei Boostersegmenten ist zu spröde und hinterlässt eine Lücke. Der fatale Auslöser der Katastrophe. Eine gewaltige Detonation zerstört die Fähre und hüllt die gespenstische Szenerie in eine riesige Wasserdampfwolke. Aus einem Feuerball regnen brennende Trümmerteile vom Himmel. Vermutlich sterben die sieben bewusstlosen Astronauten erst beim ungebremsten Aufprall ihrer Kabine auf den Ozean – mit der unvorstellbaren Beschleunigungsbelastung von 200 G, bereits ab zehn G beginnt die Todeszone.

Nach der Challenger-Katastrophe ist der Glaube an ein stetes Gelingen des technisch Machbaren schwer erschüttert. Bis September 1988 gilt ein Startverbot für alle Raumfähren, und das ganze Programm wird einer umfassenden Revision unterzogen. Die Shuttles werden technisch überholt, die wichtigste Änderung ist die komplette Überarbeitung der Feststoffbooster. Insgesamt sind es mehr als 2000 Modifikationen am Shuttle-System, sie betreffen unter anderem die Steuerung, die Brennstoffzellen, die Hilfsenergieaggregate, das Hauptfahrwerk mit den bekanntermaßen zu schwachen Bremsen, den Hitzeschutzschild und die Struktur der Tragflächen.

NASA beruft neue Manager

Besonderes Augenmerk wird zudem auf die Einführung eines Notfallsystems für die Crew gelegt. Die Besatzung muss ab sofort bei Start und Landung wieder Druckanzüge tragen, damit die Astronauten in einer Notsituation den Orbiter durch die Einstiegsluke verlassen können. Der Shuttlebetrieb zieht sich aus dem kommerziellen Satellitengeschäft mit privaten Auftraggebern zurück, die gezwungen sind, wieder auf unbemannte Trägerraketen zurückzugreifen. Bei jedem künftigen Start werden die Verantwortlichen der Herstellerfirmen mit den Astronauten an einen Tisch gebracht und müssen diesen persönlich versichern: Alles in Ordnung.

Außerdem beruft die NASA zahlreiche Manager neu, unter ihnen einige ehemalige Berufsastronauten. Als am 1. Februar 2003 das Shuttle Columbia beim Wiedereintritt in die Atmosphäre auseinanderbricht und verglüht, werden den Managern erneut Grenzen und Fehlbarkeit von Mensch und Material vor Augen geführt. Als Ursache erwies sich ein beim Start abgerissenes Schaumstoffteil, was zu einem Loch im Hitzeschild führte. Zahlreiche Probleme aus dem Jahr 1986 waren immer noch nicht ausgeräumt. Zudem explodierten die Kosten, aus den anfänglich geschätzten 20 Millionen Dollar pro Start waren mehr als 600 Millionen geworden. Die als Ersatz für die zerstörte Challenger vom Hersteller Rockwell International gebaute Endeavour kostet die NASA 2,2 Milliarden Dollar.

NASA muss bei den russischen Kollegen Mitfluggelegenheiten buchen

Am 21. Juli 2011 endete mit dem letzten Flug der Raumfähre „Atlantis“ die Shuttle-Ära, insgesamt waren die Raumgleiter 135-mal ins All gestartet. Seitdem verfügen die USA über kein eigenes System zur bemannten Raumfahrt mehr, die NASA muss bei den russischen Kollegen Mitfluggelegenheiten buchen. In naher Zukunft wollen die Amerikaner aber wieder vom eigenen Boden aus starten. Im September 2014 wurden der Flugzeughersteller Boeing und das private Unternehmen SpaceX mit der Entwicklung neuer Trägerraketen beauftragt, die Astronauten zur internationalen Raumfahrtstation ISS befördern sollen. Die ersten Flüge sind für das kommende Jahr geplant.Langfristiges Ziel bleibt eine Reise zum Mars. Doch wegen der hohen Kosten und der Vielzahl der bisher nicht gelösten, technischen Probleme wird die Umsetzung vermutlich noch Jahrzehnte dauern. Von den Tragödien der Vergangenheit wie der Challenger-Katastrophe will sich die NASA dennoch nicht entmutigen lassen.


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