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Wut auf Polizei und Oberbürgermeisterin Osnabrückerin Opfer der Kölner Übergriffe an Silvester

Von Nadine Grunewald

Der große blaue Fleck an ihrem Arm wird Sabrina F. noch einige Tage an die Übergriffe in Köln erinnern. Foto: Gert WestdörpDer große blaue Fleck an ihrem Arm wird Sabrina F. noch einige Tage an die Übergriffe in Köln erinnern. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Die Osnabrückerin Sabrina F. gehört zu den zahlreichen Opfern, die in der Silvesternacht in Köln sexuell belästigt und beklaut wurden. Nun kritisiert sie die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker für ihre Empfehlung, eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten.

Wie im Vorjahr wollte Sabrina F. mit Freunden Silvester in Köln feiern. Zu neunt fuhren sie dorthin. Doch den Ausflug, der voller Vorfreude begann, will sie jetzt am liebsten vergessen. Anstatt ein schönes Feuerwerk zu genießen, hatte sie Angst und Panik. (Lesen Sie auch: Was wir über die Vorfälle in Köln wissen)

Gegen 23.15 Uhr seien sie und ihre Freunde vom Kölner Hauptbahnhof in Richtung Domvorplatz gegangen. „Da haben wir schon gesehen, dass dort sehr viele Leute standen“, sagt die 20-Jährige. Um zur Deutzer Brücke zu gelangen, seien sie durch die Menschenmenge hindurch gegangen. „Plötzlich hatte ich eine Hand auf meinem Arsch.“ Was genau sie dort erlebt hat, erzählt sie im Video.

Hilflosigkeit

Die 20-Jährige glaubt, dass die Übergriffe organisiert gewesen sind. „Die haben gezielt Mobs gebildet und Frauen angegriffen. Durch die unsittlichen Berührungen wollten sie an die Handtaschen kommen“, denkt F. An ihre haben die Täter es nicht geschafft. F. habe sie fest umklammert. „Da war alles drin. Sonst hätte ich gar nichts mehr gehabt.“ Insgesamt 500 bis 900 Leute schätzt sie, seien beteiligt gewesen. Die Arzthelferin vermutet, dass viele von ihnen alkoholisiert gewesen seien oder Drogen genommen hätten. „Einige hatten ganz große, gerötete Augen.“ Während ihre Freundin hauptsächlich dunkelhäutige Menschen gesehen habe, seien es bei ihr vermutlich Männer aus dem arabischen Raum gewesen. „Ich will auf keinen Fall sagen, dass es Flüchtlinge waren. Das sieht man ja nicht.“ (Lesen Sie auch: So kommentieren Zeitungen die Übergriffe in Köln)

Auch sechs Tage später ist F. das Erlebte noch sehr präsent. „Das war ein sehr demütigendes Gefühl. Ich habe mich hilflos gefühlt“, sagt sie. Auch, weil die Polizei nicht eingegriffen habe, obwohl sie und ihre Freunde um Hilfe gebeten hätten. Am Neujahrstag habe sie den Vorfall angezeigt. Dass dabei etwas rauskomme, glaube sie dennoch nicht. „Aber die Polizei soll merken, dass etwas schief gelaufen ist.“

Kein Verständnis

Noch erinnern sie ihre blauen Flecken an das, was passiert ist. Und die Wut, die in ihr aufsteigt, wenn sie hört, wie sich beispielsweise die Polizei und die Kölner Oberbürgermeistern Henriette Reker zu den Vorfällen äußern. „Wenn ich höre, was Frau Reker sagt, könnte ich schreien. Man wurde eingekapselt. Wie soll man da eine Armlänge Abstand zu so vielen Leuten halten?“, fragt die 20-Jährige. „Ich habe Selbstverteidigung gelernt. Aber in so einer Situation kann man sich nicht speziell verhalten, wie Frau Reker gesagt hat.“

F. will Antworten

Warum hat die Polizei nicht eingegriffen? Unter anderem auf diese Frage wollen F. und ihre Freunde eine Antwort. Deshalb hätten sie sich dazu entschieden, dass jeder von ihnen einen Brief an die Kölner Oberbürgermeisterin und die Polizei schreiben will. „Ich rechne zwar nicht mit einer Antwort, aber man kann es wenigstens versuchen.“

Auch wenn F. in der Öffentlichkeit gut mit dem Erlebten umgehen kann, größere Menschenmengen werde sie zunächst meiden – auch den geplanten Besuch des Karnevalsumzugs in Osnabrück habe sie abgesagt. „Ich glaube, dass dann in der Menge bei der kleinsten Berührung alles wieder hochkommt.“ Wann sich das ändern wird, weiß sie nicht. Dafür aber, wo sie dieses Jahr Silvester feiern wird: gemütlich in den eigenen vier Wänden.