Jerusalem trifft Berlin Deutschland ist hip: Immer mehr Israelis lernen Deutsch

Von Thomas Klatt

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Berlin. Früher war es undenkbar, dass in Israel Deutsch, die Sprache der Täter, gelehrt wird. Heute ist das anders – auch, weil viele Israelis ihre Familiengeschichte entedecken.

Noch vor gut zwei Jahrzehnten galt Deutsch in Israel als die Sprache der Täter, der Nazis. Damals war es kaum denkbar, dass Israelis freiwillig die Sprache Adolf Hitlers erlernen wollten. Wozu auch? Ivrith, Englisch und Französisch galten als völlig ausreichend. Doch das Bild hat sich längst gewandelt. Deutschland im Allgemeinen und Berlin im Besonderen sind hip. Deutschkurse sind seit Jahren ausgebucht.

Deutsch in der Oberstufe

Zum Beispiel in der staatlichen Chugim-Schule Haifa. Seit 1992 wird hier als Pilotprojekt in der Oberstufe Deutschunterricht angeboten.

„Damals wurde gesagt, warum gerade Deutsch? Da habe ich gesagt, Deutschland ist bereit, das zu finanzieren. Ich werde bis heute über die deutsche Botschaft bezahlt. Und die Schüler bekommen das auch umsonst. Und dann haben alle gesagt, wenn wir das umsonst bekommen, warum nicht?“, erinnert sich Lehrerin Rita Lanczet.

Die Jüdin wurde nach dem Krieg in Berlin geboren und lebt seit über 40 Jahren in Israel. Der anfänglichen Skepsis ist fast schon so etwas wie Begeisterung gewichen. In ganz Israel gibt es heute sieben bis acht Schulen, die Deutschunterricht anbieten. Und es sollen noch mehr werden. Das israelische Kultusministerium plant, Deutsch demnächst als ordentliches Lehrfach anzubieten, verrät Rita Lanczet. Mittlerweile müssen die Anfänger-Kurse an der Schule in Haifa aufgrund der großen Nachfrage sogar geteilt werden. Der Holocaust, die Abwehr der Sprache der Nazis, scheint für die mittlerweile vierte Generation weit weg zu sein.

Studieren in Deutschland

„Die israelische Jugend mag Deutschland mehr als die Generationen vorher. Ich war schon in Deutschland, und wir haben auch über den Holocaust gesprochen, aber nicht böse. Ich habe kein Problem, mit anderen deutschen Jugendlichen zu sprechen. Wir haben changed“, erklärt der 17-jährige Jonathan im zwar stockenden aber verständlichen Deutsch, nur noch im Notfall mit englischen Vokabeln ergänzt.

Vier mal schon war Jonathan in Berlin. Vielleicht will er dort auch studieren. Kein Wunder, ist das in Deutschland kostenfreie Studium doch ein großer Anreiz für junge Israelis. In Israel müssen sie für ihre Semester bezahlen.

Und die Lebenshaltungskosten sind in Israel mindestens doppelt so hoch. Nicht wenige scheuen zudem den für Frauen in der Regel zwei- und für Männer dreijährigen Militärdienst. Das sei auch schwierig, sagt Jonathan. Nur wie er sich selbst genau dazu verhält, will er nicht sagen. Dass Juden in Deutschland auch attackiert werden, wissen er und seine Mitschüler nicht. Verglichen mit der ständigen Bedrohungslage in ihrer Heimat kommt ihnen Deutschland wie das sichere Paradies vor.

„Ich bin in Berlin U-Bahn gefahren. Neben uns saß ein 25 Jahre alter Deutscher. Ich fuhr mit zwei Freunden, und wir haben Hebräisch gesprochen. Und dann sagte der Deutsche beim Herausgehen ‚Auf Wiedersehen‘ auf Hebräisch. Das war lustig, dass Deutsche auch Hebräisch sprechen können“, erinnert sich der Schüler mit strahlenden Augen.

Entdeckung der eigenen Familiengeschichte

Deutsch ist hip. Immer mehr Israelis lernen Deutsch, allein die Kurse am Goethe-Institut in Jerusalem und Tel Aviv waren in den letzten Jahren ausgebucht.

„Deutsch ist eine Sprache, die inzwischen nicht mehr stigmatisiert ist. Die Leute lernen Deutsch, weil sie es für ihr Studium brauchen, sie möchten in Deutschland studieren oder arbeiten“, weiß Wolf Iro, Leiter des Goethe-Instituts in Tel Aviv. Aber er vermutet einen noch viel wichtigeren, tiefer liegenden Grund: „Viele Israelis lernen Deutsch, um ihre eigene Geschichte wieder zurückzugewinnen. Dieses Moment des reclaiming history ist nicht zu unterschätzen. Man kommt nach Deutschland. Man befindet sich in einer unmittelbaren Beziehung zu diesem Land, und man möchte die Familiengeschichte wieder den Händen der Nazis entwinden.“

Deutsch ist in Israel längst kein Tabu mehr. Im Gegenteil ist es Teil des akademischen Studiums geworden. Seit sieben Jahren bietet etwa das Haifa Center for German and European Studies einen Master-Abschluss an. Neben der Wissensvermittlung der deutschen Kultur und Politik steht vor allem das Erlernen der deutschen Sprache im Mittelpunkt. Die Psychologieabsolventin Irit Chen hat mit 27 Jahren noch einmal dieses Fach belegt, aus rein persönlichen Gründen. Es geht ihr in der Tat um die Wiederentdeckung ihrer eigenen Geschichte.

„Ich bin an den Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sehr interessiert, weil meine Familie, meine Großeltern aus Berlin stammen. Deutschland war in meinem Leben immer schon präsent, schon als Kind. Im Haus meiner Großeltern habe ich immer schon deutsche Sprache und Kultur, deutsches Fernsehen, Radio und deutsche Zeitungen mitbekommen, ohne es genau verstehen zu können“, erklärt die junge Israelin.

Deutsche brachten viele Vokabeln nach Palästina

Gerade die israelische Gesellschaft ist von den Jeckes, den deutschen Juden, stark geprägt. Allein in Haifa sind die ehemaligen Siedlerhäuser im deutschen Viertel prägend. Heute ist das hier die Hauptflaniermeile. Die pietistischen Templer aus Württemberg wie auch deutsche Juden in den 1920er-Jahren brachten neben ihrem technischen Know-how eben auch viele deutsche Vokabeln mit nach Palästina. Noch heute finden sich Shpachtel, Dibel, Bienenshtish, Kremshnit bis Weltshmerts im Ivrith, laut dem Institut für deutsche Sprache mehr als 1400 Lehnwörter. Auch wenn Deutsch nach der Schoah in der Öffentlichkeit als „Sprache der Nazis und Täter“ verpönt war, so werde doch heute vielen Israelis immer mehr bewusst, dass sie „Deutsch im Blut“ hätten, sagt der älteste Deutsch-Student an der Uni Haifa, der pensionierte TV-Moderator Micha Limor, dessen Eltern aus Süddeutschland stammen: „Meine Magisterarbeit behandelte die Auswirkungen, die die deutsche Presse in der Weimarer Republik auf die hebräische Presse in Palästina gehabt hat. Es gab die ,Vossische Zeitung‘, die in unserer wichtigsten israelischen Zeitung ,Haaretz‘ fortgeführt wurde. Wir Israelis erlauben uns heute, die sehr berühmte deutsche Kultur zu entdecken, die vor dem Krieg existierte.“

Rammstein-Texte endlich verstehen

Oder eben die aktuelle deutsche Kultur. Wenn die Tierärztin Nathalie Roynik nahe Haifa ihre Vierbeiner operiert, läuft im Hintergrund Rammstein. Sie liebt diese Hardcore-Musik, deren Texte sie früher aber nie verstehen konnte. Vor fünf Jahren begann sie im privaten Beit-Rutenberg-Institut Haifa mit Abendkursen. Heute kann sie schon Interviews auf Deutsch geben.

„Viele Menschen fragen mich, warum Deutsch? Sogar meine Mutter, die nicht in Israel, sondern in Bulgarien geboren ist, versteht nicht, warum ich Deutsch lerne und warum ich zweimal im Jahr nach Deutschland fahre. Auch mein Mann versteht es nicht. Weil Deutschland und Israel eben diese böse, problematische Geschichte haben. Darum ist es für mich so interessant, die Sprache zu verstehen und auch mit Menschen zu sprechen. Und Deutschland ist ein sehr, sehr schönes Land“, erklärt die dreifache Mutter.

Auch ihre Kinder können schon einige Rammstein-Texte mitsingen. Ihre Nachbarn verstehen kein Wort, wundern sich nur über die laute, sehr laute Musik aus dem Haus der Tierärztin.

Zunehmender Antisemitismus in Deutschland?

Nur gibt es auch Irritationen. Müssen die Deutschen jetzt so viele muslimische Flüchtlinge aufnehmen? In Israel gibt es dazu durchaus auch besorgte Stimmen.

„Ich war in der israelischen Armee. Ich habe arabische Nachbarn, und ich sehe, was in Israel passiert. Die Deutschen verstehen zum Teil gar nicht, was das bedeutet, so viele Muslime zu haben, und sie sind sehr, sehr naiv. Sie wollen helfen, das ist sehr, sehr gut und sehr, sehr schön, aber sie können nicht sehen, was die Zukunft bringt mit all diesen Flüchtlingen“, gibt die Israelin zu bedenken.

Keine Einzelmeinung. Auch Wolf Iro vom Goethe-Institut in Tel Aviv merkt, dass es unter den Israelis Fragen gibt, warum Deutschland so viele muslimische Araber aufnimmt. Schließlich steht Syrien Israel seit Jahrzehnten feindlich gegenüber. Die Dämonisierung von Juden und dem jüdischen Staat war in Syrien immer Teil der Regierungspropaganda. Zumindest hat die Deutsch-Begeisterung in Israel dadurch in den letzten Monaten eine Delle erhalten. „Die Flüchtlingsfrage wird hier sehr stark diskutiert. Es gibt eine Angst vor steigendem arabischen Antisemitismus in Europa und eben auch in Deutschland. Das lässt sich mehr oder weniger in Korrelation setzen zur sinkenden Nachfrage nach Deutschkursen hier.“


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