„Dam-dam, dam-dam…“ Vor 50 Jahren: Drafi Deutscher stürmt mit dem Marmor-Song die Charts

Von Michael Ossenkopp

Vor 50 Jahren eroberte Drafi Deutscher mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ Platz 1 der deutschen Hitparade. Foto: imago/teutopressVor 50 Jahren eroberte Drafi Deutscher mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ Platz 1 der deutschen Hitparade. Foto: imago/teutopress

Osnabrück. Vor 50 Jahren eroberte Drafi Deutscher mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ Platz 1 der deutschen Hitparade. Der Titel hielt sich fünf Wochen an der Spitze und avancierte zu einem der populärsten Schlager Deutschlands. Eine 1966 veröffentlichte englischsprachige Version konnte sich sogar in den US-Charts platzieren.

„Drafi hatte dieses ,dam-dam‘ auf den Lippen, als er 1965 im Büro des Berliner Meisel-Musikverlags erschien“, erinnert sich Christian Bruhn, der damals dort als Komponist arbeitete. „Das fängt ja sehr gut an“, stellte er fest, „aber wie geht es denn weiter?“ „Det machst du“, antwortete Deutscher. Bruhn machte es und schrieb die einzigartige Melodie – der Text stammte von Günter Loose.

Bereits 1963 waren Bruhn und Meisel bei einem Talentwettbewerb auf Drafi Deutscher und dessen Band „The Magics“ aufmerksam geworden. Sie gaben ihr einen Vertrag, die Debüt-Single „Teeny“ stieg bis auf Platz 26 der deutschen Hitparade und verkaufte sich 80000-mal. Der Erfolg ging weiter, „Shake Hands“ schaffte es auf Rang 2, „Keep Smiling“ erlangte im Oktober 1964 Rang 7, „Cinderella Baby“ kam auf Platz 3. Deutscher und „The Magics“ spielten auch im Begleitprogramm einer Cliff-Richard-Tournee.

Gitarrenriff

Als der Marmor-Song mit dem prägnanten Gitarrenriff im Oktober 1965 veröffentlicht wurde, entwickelte er sich zum Renner, Drafi Deutscher schwebte auf Wolke sieben im Schlagerhimmel. Auch in Österreich wurde das Stück zur Nummer eins, in den Niederlanden kam der Titel bis auf Rang drei, die englische Version „Marble Breaks and Iron Bends“ verkaufte sich ebenfalls gut. Nur in der DDR wurde der Song von der Parteispitze verboten, sie hielten das Lied für revanchistisch. Die Zeile „Marmor, Stein und Eisen bricht“ sollte sich ihrer Meinung nach auf den „antiimperialistischen Schutzwall“ bezogen haben. Später gab es dann trotzdem eine Amiga-Lizenzausgabe. Im Einheitsjahr 1990 trat Deutscher schließlich im Palast der Republik auf.

Die Behauptung von Sprachpuristen, der Aufzählung Marmor, Stein und Eisen habe richtigerweise das Verb in der Pluralform „brechen“ statt im Singular „bricht“ zu folgen, konterte Bruhn mit dem Einwand, wie bei „Glück und Glas, wie leicht bricht das“ handele es sich um dichterische Freiheit. Ansonsten wäre ja auch der schöne Reim verloren gegangen. In dem Zusammenhang schuf er daher im Scherz auch gleich die „neue fachsprachliche Bezeichnung Singularis materialis“.

Genitiv sein Tod

Autor Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) meint: „Ein jeder kennt Redewendungen wie ,Gleich und Gleich gesellt sich gern’᾽ oder ,Da ist Hopfen und Malz verloren‘. Da heißt es nicht ,Gleich und Gleich gesellen sich gern᾽ oder ,Da sind Hopfen und Malz verloren“. Wegen des angeblichen Fehlers wurde das Lied im Bayerischen Rundfunk trotzdem lange Zeit nicht gespielt. Fans störte die „grammatische Unzulänglichkeit“ allerdings gar nicht.

Der am 9. Mai 1946 in Berlin geborene Sänger, Komponist und Musikproduzent Drafi Deutscher durchlebte in seiner Karriere viele Höhen und Tiefen. Zeitweise wuchs er in Heimen auf und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Sein Credo lautete: „Erst kommt die Beat-Musik, dann lange nichts.“ Er selbst behauptete stets, einer bekannten ungarischen Musikerfamilie zu entstammen, der Operettenkomponist Emmerich Kálmán („Die Csárdásfürstin“) sei sein Großonkel.

Gerade einmal im Alter von 20 Jahren, war seine Popularität auf dem Höhepunkt, 1966 gewann er bei der Wahl der Jugendzeitschrift „Bravo“ vor Roy Black und Rex Gildo den „Goldenen Otto“. Doch schon 1967 führte ein Eklat zum Karriereknick. Nicht nur vom Erfolg berauscht, hatte Drafi vom Balkon seiner Wohnung im Berliner Hansa-Viertel aus auf die Straße gepinkelt. Dabei war er von Schulmädchen beobachtet worden, die Sittenpolizei nahm ihn fest. In der Boulevardpresse galt er fortan als „Kinderschreck“, in einem Prozess wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses wurde er zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt.

Komponist

Noch bis Anfang der 1970er-Jahre trat Deutscher gelegentlich in der ZDF-Hitparade oder anderen Fernsehsendungen auf, aber nach und nach verschwand er aus dem Rampenlicht und veröffentlichte lieber Songs unter schrägen Pseudonymen wie „Baby Champ“, „Ironic Remark“ oder „Mr. Walkie Talkie“. Der „Mann mit dem Schlapphut“ komponierte mehr als 200 Lieder für Stars wie Peggy March („Fly Away Pretty Flamingo“), Bino („Mama Leone“), Nino de Angelo („Jenseits von Eden“) und Boney M. („Belfast“).

1982 kam der Film „Marmor, Stein und Eisen bricht“ in die Kinos. Eine Hommage an Drafis Leben, für die er den Soundtrack komponierte und in der er eine kleine Nebenrolle übernahm. Bei der Premiere war der Sänger nach Jahrzehnten erstmals wieder mit seiner alten Begleitband aufgetreten. Als eine Frau aus dem Publikum schrie: „Drafi, zeig dein Ding“, gab es keinen Skandal mehr, sondern lediglich großes Gelächter.

Bühnenjubiläum

2003 feierte Deutscher sein 40-jähriges Bühnenjubiläum. Er lebte auf Mallorca und trat nur noch sporadisch bei Oldie-Veranstaltungen auf. Doch alles Geld zerrann ihm immer wieder zwischen den Fingern. Er war insgesamt dreimal verheiratet und kritisierte die Fantasielosigkeit sowie das kühle Marketing der Plattenindustrie. Schon 1998 hatte er Schlaganfälle erlitten, im darauffolgenden Jahr wurde er zuckerkrank. 2006 bekam er eine Lungenentzündung, im gleichen Jahr erlag Drafi Deutscher im Alter von 60 Jahren in einer Frankfurter Klinik einem akuten Herz-Kreislauf-Kollaps.

Von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ existieren mehr als 50 Coverversionen. Bastian Sick meint: „Viel mehr als die Frage, ob die Zeile nun grammatisch einwandfrei ist oder nicht, wiegt die Tatsache, dass es sich um einen unverwechselbaren Ohrwurm handelt.“