Szenen mit Playmobilfiguren Sommers Weltliteratur to go: Sein oder Nichtsein


Osnabrück. Weltliteratur ist nicht bierernst, sondern kann sehr lustig sein. Das beweist seit Anfang des Jahres Michael Sommer mit seinem YouTube-Kanal „Sommers Weltliteratur to go“. Der Dramaturg spielt hier Klassiker mit Playmobilfiguren nach.

Wenn der Lehrer in der Schule mit einer neuen Lektüre winkt, erntet er selten nur begeisterte Blicke. Was hat schließlich die Welt von Thomas Mann, Franz Kafka oder Homer mit dem schnellen, aufregenden Leben von jungen Schülern zu tun? Mehr als sich diese oft denken. Doch bevor sie selbst zum Buch greifen, um die Welt der Klassiker zu entdecken, kaufen sie sich lieber den Lektürenschlüssel oder lesen die Kapitel quer – und hoffen, in den Tiefen des Klassenzimmers unterzugehen. Doch sobald der Lehrer über Details diskutiert, stellt sich die Frage: Wissen oder Unwissen? Oder getreu nach Hamlet: Sein oder Nichtsein?

Mit den Vorurteilen, dass die Stücke in Bücherregalen antiquiert, trocken und langweilig sind, versucht ein Youtube-Kanal, seit Beginn des Jahres aufzuräumen. Michael Sommer, Dramaturg aus München, spielt in seinen Videos die bekanntesten Geschichten in einer knackigen Kurzversion nach. Was er dafür braucht? Ein Ensemble aus Playmobilfiguren, einen Küchentisch und eine Kamera. Fertig ist „Sommers Weltliteratur to go“.

Lässige Einführung

So schnell wie sich Hungrige ein Brötchen auf die Hand schnappen, wirft Sommer seine Zuschauer in die Szenerie. Gehetzt wirken seine Adaptionen jedoch nicht, sondern führen locker und lässig in die Geschichte. Zunächst stellt der Dramaturg kurz die Figuren vor. Hier finden auch Randpersonen eine Erwähnung, wie beispielsweise die drei Untermieter in Kafkas Geschichte „Die Verwandlung“. Eine Runde, in der bereits geflachst werden darf. „Das sind die drei Untermieter, die trotz ihrer Gesichtsbehaarung nicht für den islamischen Staat arbeiten“, mit diesen Worten präsentiert der 38-Jährige die bärtigen Playmobilfiguren.

Mit Humor beschreibt er auch die erste Szene. Als Hauptfigur Gregor Samsa am frühen Morgen nicht wie gewohnt als Mensch erwacht, kommentiert Sommer: „Er hat ein pelziges Gefühl im Mund, aber er hat keinen Kater, sondern ist ein Käfer.“ Einen Käfer sucht der Zuschauer in der elf Minuten langen Zusammenfassung übrigens vergebens. Statt eines Krabbeltiers wird dieser von einem roten Auto verkörpert.

Gespendete Spielfiguren

Nicht alles könne im Detail dargestellt werden, erzählt Sommer im Gespräch mit unserer Redaktion. „Außerdem soll die Fantasie des Zuschauers angeregt werden.“ Rund 300 Playmobilfiguren gehören zu seinem Ensemble. Aus der eigenen Kindheit stammt es aber nicht. „Meine Spielfiguren habe ich an Nichten und Neffen verschenkt“, sagt der gebürtige Nordhesse. Doch mit Spenden von Kollegen und Freunden sowie eigenen Einkäufen habe er die Truppe aufstellen können. Hilfreich ist hierfür auch die Lage seiner Wohnung. Denn Sommer lebt nur wenige Meter von einem Playmobil-Laden entfernt. Dort sei er öfter als Kunde anzutreffen, sagt er und lacht. „Aber beim Namen kennen mich die Verkäufer trotzdem noch nicht.“

Eine Präsentation vor Studenten brachte Sommer 2013 dazu, Playmobilfiguren für die Darstellung einer Handlung zu nutzen. Für eine Einführungsveranstaltung zur Inszenierung von „Dantons Tod am Theater Ulm“ zeigte er Schillers Stück als spielerische Kurzversion und stellte diese anschließend bei Youtube online. Mehrere Monate später entdeckte er, dass Tausende Nutzer auf das Video geklickt hatten. So entschied sich der freiberufliche Dramaturg, eine wöchentliche Serie zu entwickeln, und ging Anfang 2015 auf Youtube mit „Sommers Weltliteratur to go“ an den Start.

Mehr als 50 Videos hat der 38-Jährige inzwischen produziert. Von den Buddenbrooks mit mehr als 750 Seiten bis zu Wolfgang Goethes Faust mit knapp 140 Seiten sind die unterschiedlichsten Literaten mit ihren Werken vertreten. Einen ganzen Arbeitstag braucht Sommer, um ein Video zu erstellen. „Am längsten dauert wirklich das Lesen“, sagt Sommer. „Und ich bin leider kein schneller Leser.“ Maximal 1100 Wörter verwendet er für ein zehnminütiges Video. Die Kulisse entwickelte sich in den vergangenen Monaten immer weiter. Während er zunächst nur einzelne DIN-A4-große Bilder ausdruckte und mit einem Klebestreifen an die Wand pinnte, hat er nun einen drehbaren Schuhkarton entwickelt. Auf jeder Seite findet sich eine andere Kulisse. So kann Sommer mit einem schnellen Dreh von Szene zu Szene wechseln.

Videos retten Klausuren

Neu ist das Spiel mit Playmobilfiguren jedoch nicht. Bereits Harald Schmidt erklärte Mitte der 90er-Jahren mithilfe der kleinen Männchen das Leben des Joschka Fischer oder wie die britische Monarchie funktioniert. „Sein Humor hat mich sehr geprägt“, sagt Sommer. Vor allem wie Schmidt seine Heimatstadt Nürtingen vorgestellt habe, begeistere ihn noch heute. Ähnlich ergeht es Sommers Zuschauern. Glücklich bedanken sie sich bei dem Künstler für die Darstellung der Stücke. „Dieses Video hat meine Klausur gerettet“ oder „Jetzt habe ich es verstanden“ schreiben die einen. „Als Germanistikstudent kann ich nicht genug betonen, wie dankbar ich für deine Videos bin“, schreibt ein anderer.

Mit mehr als 40000 Aufrufen bleibt sein erstes Video „Dantons Tod für Dummies“ bislang sein erfolgreichstes. Dicht darauf folgen Goethes „Faust“ und „Die Leiden des jungen Werther“. Als Lektüreersatz sieht Sommer seine Adaptionen jedoch nicht. Vielmehr möchte er mit seinem Püppchen-Ensemble die Lust auf Lesen und Literatur wieder erwecken. Zeit für Bücher sei Luxus, findet Sommer. Vor allem Schüler würden aufgrund des gestiegenen Leistungsdrucks und dem erhöhten Stresslevel in der Gesellschaft immer weniger zu Ruhe kommen. Dabei könne durch das Lesen die Hektik der Gesellschaft mit ihrer permanenten Erreichbarkeit entschleunigt werden. „Literatur ist nichts Bierernstes“, sagt er. „Die Geschichten machen Spaß.“

Unterstützung von Reclam

Eine Art der spielerischen Werbung für Literatur, die auch Reclam für sich entdeckt hat. Seit Mitte des Jahres unterstützt der deutsche Verlag Sommers Projekt. Welche Geschichte er mit seinen Playmobil-Puppen präsentiert, bleibt aber Michael Sommer überlassen. Aktuell arbeitet er an einem Werk von Albert Camus, parallel liest er „Der Geizige“ von Molière. Zudem geht er auf Wünsche seiner Zuschauer ein. Und diese sammeln sich vielfach in der Kommentarspalte seiner Videos. So geht die Idee hinter Michael Sommers Videos auf: Das Interesse für die Weltliteratur wächst und damit die Neugier im Klassenzimmer.

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