Kubaner teilen sich das WLAN Surfen wird zum sozialen Ereignis

Von Regine Reibling

Über den Dächern Havannas haben Jugendliche das „Streetnet“ installiert, ein alternatives Netzwerk. Foto: Imago/BlickwinkelÜber den Dächern Havannas haben Jugendliche das „Streetnet“ installiert, ein alternatives Netzwerk. Foto: Imago/Blickwinkel

Havanna. Kuba will das Internet weiter ausbauen. Dennoch bleibt der Zugang extrem teuer. Viele Jugendliche in der Hauptstadt Havanna treffen sich ein oder mehrmals in der Woche an den WLAN-Plätzen in Havanna. Und hoffen auf schnellere Leitungen.

In Trauben sitzen die Menschen unter den schattigen Bäumen an der Avenida San Rafael im Herzen Havannas zusammen, nur etwa 200 Meter vom Kapitol entfernt, und tippen unentwegt auf ihren Smartphones. Dieses Phänomen ist zum alltäglichen Bild in der kubanischen Hauptstadt geworden, seit die staatliche Telekommunikationsfirma Etecsa im Juli öffentliche WLAN-Punkte installierte. Vor allem Jugendliche sitzen auf dem Bürgersteig, in Parks oder treffen sich rund um die Eingänge der großen Hotels – überall dort, wo ein WLAN-Signal zu empfangen ist.

Netzsuche in jedem Winkel der Altstadt

Auch Cristina L., die ihren richtigen Namen aus Angst vor möglichen Problemen nicht nennen will, prüft an jeder Ecke in der Altstadt, ob sie eventuell ein WLAN-Signal erhaschen und das gerade geschossene Erinnerungsfoto auf Facebook hochladen kann. Die 21-Jährige ist froh, dass der Internetzugang einfacher geworden ist. Früher kam sie nur etwa einmal im Monat ins Internet. „Wenn ein Freund Nachtdienst in einer Firma mit Internetanschluss gehabt habt, sind wir bepackt mit Decken und Verpflegung los und haben die ganze Nacht gesurft und gechattet. Danach bin ich direkt zur Arbeit“, erzählt die junge Frau.

Seit der Installation der WLAN-Punkte versucht sie, wenigstens einmal pro Woche ihre E-Mails zu lesen. Um zu surfen, trifft sie sich mit Freunden. Denn mit 2 Pesos Convertibles (CUC) (1,78 Euro) pro Stunde ist das Internet noch immer teuer. Auch wenn sich die Preise im Vergleich zum Vorjahr halbiert haben, müssen viele Kubaner für eine Stunde Internet ein kleines Vermögen bezahlen. Der Durchschnittslohn liegt bei etwa 20 CUC pro Monat.

Zugangsdaten per Rubbelkarte

So nutzen Cristina L. und ihre Freunde einen Zugang gemeinsam. Surfen wird so zum sozialen Ereignis. Eine Karte mit Zugangsdaten zum Freirubbeln muss jeder Nutzer, ob Kubaner oder Tourist, zuvor in einem der Telefonläden oder im Hotel kaufen. Dann kann man sich über die Plattform des Internetdienstes Nauta einloggen.

Kuba ist weltweit eines der Länder mit der niedrigsten Internetverbreitung. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung haben nach Angaben der amerikanischen Organisation Freedom House Zugang zum Netz. Heimische Internetanschlüsse gibt es so gut wie gar nicht. Sie werden nur in Ausnahmefällen genehmigt. Mit der Öffnung Kubas unter Präsident Raúl Castro – seit zwei Jahren gilt die Reisefreiheit, Kubaner dürfen eigene Geschäfte eröffnen und nun auch Häuser kaufen – wurden auch rund 600 Internetcafés im ganzen Land eröffnet. Seit zwei Monaten sind 35 öffentliche WLAN-Punkte auf der Insel in Betrieb.

55000 Verbindungen pro Hotspot

Laut der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft gibt es an jedem der neuen WLAN-Punkte täglich etwa 55000 Verbindungen. Im vergangenen Jahr habe Kuba die Marke von drei Millionen Internetnutzern überschritten, rund 125000 Nutzer seien jüngst hinzugekommen, so Etecsa. Die WLAN-Technik soll bis Ende des Jahres ausgeweitet werden, berichteten staatliche Medien in der vergangenen Woche.

Jahrelang war Kubas Bevölkerung allerdings fast gänzlich von der Online-Welt abgeschnitten. Und so hat sich in Havanna ein alternatives Netzwerk entwickelt: das sogenannte Streetnet. Über den Dächern Havannas haben Jugendliche WLAN-Antennen aufgebaut, mit Netzwerkkabeln die Straßenschluchten überwunden und sich vernetzt. Von rund 9000 Mitgliedern berichtete die Zeitung „Diario de Cuba“ im Frühjahr.

Cristina L. hat von Streetnet noch nie gehört. Sie hofft, dass es künftig mehr WLAN-Punkte und schnellere Leitungen in Havanna gibt.


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