Nach dem Tennis: Für sein zweites Lebensthema erhält Michael Stich den Courage-Preis Beruf: Menschenfreund

CTP35964 (c) Carolin ThierschCTP35964 (c) Carolin Thiersch

Hamburg. Er hat seine Tenniskarriere früh beendet – und es nie bereut. Schon mit 24 fand Wimbledon-Sieger Michael Stich sein zweites Lebensthema, die Unterstützung HIV- und aidsbetroffener Kinder. Ein Gespräch über Besserwisser und Bauernschläue, über Angst, Kunst und Flüchtlinge. Und ein Gespräch ohne den Namen Boris Becker.

Herr, Stich, Sie haben eine schöne Berufsbezeichnung. Sie bezeichnen sich als Philanthrop.

Ja, das ist doch ein schönes Wort. Die machen alles und können nichts.

...und sind Menschenfreunde.

Das bin ich auch. Nicht immer, aber meistens.

Sie haben in Ihrem Tennis-Leben viele besondere Glücksmomente erlebt. Gibt es heute etwas, das die Intensität eines Wimbledon-Sieges hat?

Ich bin nicht aktiv auf der Suche nach Glücksmomenten, weil ich glaube, dass sie sich einfach ergeben. Und oft erkennt man sie erst hinterher. Wenn ein Event meiner Stiftung fantastisch läuft oder ich Feedback von Kindern kriege, denen wir helfen, ist das schön. Auf diese Erfolge plant man hin, deshalb ist der Überraschungsmoment nicht so groß. Wenn aber meine Frau bei einem Dressur-Reitturnier erfolgreich ist, bei dem man gehofft, aber nicht damit gerechnet hat, ist das auch ein Glücksmoment.

Viele erfolgreiche Tennisspieler gestalten ihr Leben nach dem letzten Turnier nicht sehr glücklich. Ist das ein Sportler-Phänomen? Die Karriere gelingt, das normale Leben nicht?

Ich glaube, dass es eher etwas ist, das erfolgreiche Menschen trifft. Da können Sie auch jemanden aus der Wirtschaft nehmen, Zumwinkel oder Middelhoff.

Die sind nur nicht so jung wie Tennisspieler nach der Karriere.

Das stimmt. Wir haben unsere Karriere von 20 bis Mitte 30. In dieser Zeit ist man sehr erfolgsverwöhnt und nistet sich darin auch ein bisschen ein. Wenn der Sport vorbei ist, wird alles auf null gestellt. Also muss man etwas anderes finden. Sport ist überschaubar: Ich gehe auf den Platz, spiele zwei Stunden, habe ein Ergebnis. Im Geschäftsleben starte ich ein Projekt, das Jahre dauern kann. Sich daran zu gewöhnen ist schwer.

Die meisten Weltklassesportler haben keine Berufsausbildung.

Zumindest ist mir im Tennis keiner bekannt. Es gab Zeiten, da war ich 45 Wochen im Jahr unterwegs. Wann sollte ich da etwas anderes machen? Ich habe auch nichts Richtiges gelernt.

In den 80er- und 90er-Jahren war Tennis der Lieblingssport der Mittelschicht. Das ist heute nicht mehr so. Was ist passiert?

International ist Tennis eine der am stärksten wachsenden Sportarten, beim Zuschauerinteresse und bei den Sponsoren. Federer, Nadal, Djokovic sind drei der bekanntesten Sportler überhaupt. Aber uns in Deutschland fehlt der Bezug: dieses Mitleiden, Mitfiebern, Mitärgern. Und es gibt heute so viele andere Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Das Internet spielt da sicher auch eine Rolle.

Nachdem Sie Ihre Karriere mit 28 beendet haben, sollen Sie fünf Jahre lang kein Tennis gespielt haben.

Stimmt. Ich habe in Wimbledon 1997 mein letztes Match im Halbfinale gegen Cédric Pioline leider verloren und danach fünf Jahre keinen Schläger mehr angefasst.

Hat Ihnen das nicht gefehlt?

Ich wusste damals schon, dass dieser Sport ein kurzer Ausschnitt meines Lebens sein würde. Ich musste Abstand gewinnen, um zu sehen, was passiert da draußen in der Welt und was passiert mit mir. Mir fiel es nicht schwer, weil ich dieses Leben nicht mehr wollte. Ich wollte nicht mehr durch die Welt reisen. Ich wollte nicht mehr das Gefühl haben, kein Zuhause zu haben. Ich wollte immer so lange spielen, wie ich mein bestes Tennis spiele. Es stimmt, dass ich früh aufgehört habe. Aber ich habe es nie bereut. Und ich hatte natürlich die finanzielle Unabhängigkeit, so zu handeln.

Welchen Sport mögen Sie heute?

Dinge, die ich alleine machen kann. Ich bin kein Rudelsportler. Wahrscheinlich kommt das vom Tennis. Ich gehe gerne laufen. Und mag dabei auch nicht quatschen. Fahrradfahren tue ich auch ganz gerne. Und inzwischen spiele ich sogar wieder ein bisschen Tennis. In diesem Jahr habe ich in einem Hamburger Club Mannschaftsspiele mitgemacht, weil man mich um Hilfe gebeten hatte. Das hat Spaß gemacht. Ich verliere zwar immer noch ungern, es ist aber nicht mehr so schlimm. Gott sei Dank.

Sind aus Ihrer aktiven Zeit Freundschaften geblieben?

John McEnroe ist jemand, den ich sehr mag. Er sammelt Kunst wie ich. Da hat man Berührungspunkte. Mit Richard Krajicek aus Holland habe ich mich immer gut verstanden. Henri Leconte sehe ich ab und zu. Wir wissen halt, wie das Leben während und auch nach der Karriere ist. Mit allen Höhen und Tiefen. Deswegen haben wir eine Ebene, die man Externen schwer erklären kann.

Sie sammeln Kunst. Zeitgenössische, abstrakte? Welche Künstler finden Sie interessant?

Klassiker wie Polke, Richter oder Imi Knoebel, jetzt auch eine Jorinde Voigt. Da gibt es auch die Berliner Künstler Tanja Rochelmeyer, Christian Awe. Das geht schon querbeet. Es ist sehr schwer, junge Künstler zu entdecken, nicht ob man sie mag oder nicht, das ist ja sehr subjektiv, aber zu sehen, ist das Qualität oder nicht. Und wer entscheidet, was Qualität ist oder nicht? Mir macht das großen Spaß.

Sie haben nach Ihrem ersten Lebensthema Tennis auch das zweite früh gefunden, für das Sie nun den Courage-Preis erhalten. Was war mit Mitte 20 der Anlass, sich um HIV- und aidsbetroffene Kinder zu kümmern?

Anlass war eine Pressekonferenz in München beim Compaq-Grand-Slam-Cup, einem mit zwei Millionen Dollar dotierten Turnier, das ich 1992 gewinnen konnte. Ein Journalist fragte mich, was ich denn jetzt an Charity machen würde. Ich war damals 24 und hatte noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Danach schon. Daraus ist der Gedanke der eigenen Stiftung entstanden. Nicht wissend, was dies für das Leben bedeutet. Das Thema Kinder war klar, weil Kinder die Zukunft der Welt sind. Dann kam die Suche nach einem Thema. Da gab es Krebs, seltene Autoimmunkrankheiten, und irgendwann kam es zum Thema Aids. Auch in Verbindung mit Michael Westphal, der damals an Aids gestorben ist. Aber das war am Ende meiner Entscheidungsfindung nur das i-Tüpfelchen. Ich habe mir immer Themen gesucht, die nicht sehr gesellschaftskonform oder bequem sind. Aids gehört dazu. Und ich wusste nichts über diese Krankheit, also kam mein eigenes Interesse, etwas zu lernen, dazu. 1994 wurde die Stiftung dann gegründet.

HIV und Aids sind aus der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig verschwunden. HIV scheint nicht mehr so dramatisch, es gibt Medikamente. Wie groß ist die Problematik noch?

Die Lebenserwartung hat sich zwar verbessert. Wenn man aber mit Betroffenen spricht, die an der Krankheit leiden, Medikamente nehmen und damit leben müssen, ist das natürlich nicht so. Die Medikamente wirken nicht bei allen, und die Nebenwirkungen sind immens und schränken das Leben ein. Nichtsdestotrotz geben sie vielen die Chance, eigene Familien zu gründen und nicht infizierte Kinder zu haben. Als ich vor 20 Jahren anfing, wurden die Kinder nie älter als 18 Jahre. Heute können sie eine Berufsausbildung machen und eine Familie gründen. Das ist toll. Aber wir sind auch ein Industriestaat. Wenn wir über Entwicklungsländer reden, ist HIV/Aids die schlimmste Seuche, die es je gab. Wir sind noch lange nicht am Ende. Das wird verharmlost.

Was leistet Ihre Stiftung?

Die Grundidee ist es, Kindern ein Lachen zu schenken, Soforthilfe zu betreiben. Da geht es wirklich um das Kinderbett, die Winterjacke, den Schulranzen, den Urlaub auf dem Bauernhof, den Besuch bei der Oma. Es sind Alltagswünsche, die die Kinder ein bisschen aus ihrer schwierigen Lebenssituation herausholen. Es ist aufgrund der veränderten medizinischen Bedingungen auch so, dass wir mal einen Führerschein für einen Jugendlichen finanzieren, damit er zu seiner Lehre kommt. Mein Traum ist es, dass eines der Kinder Medizin studiert, sich für das Thema engagiert und weitergibt, was es selbst erlebt hat. Dass sich der Kreis schließt. Der zweite Baustein ist seit acht Jahren die Prävention. Wir haben in Hamburg ein großes Projekt, bei dem wir mit Medizinern in Schulen gehen und Kinder und Jugendliche über HIV und Aids aufklären. Das Ganze ist mit einem Theaterstück gekoppelt, das beschreibt, wie es ist, wenn man sich mit Anfang 20 bei ungeschütztem Sex infiziert. Da begreift man, die Krankheit verschwindet nicht einfach. Und wir erleben, dass die Jugendlichen extrem schlecht aufgeklärt sind. Mehr denn je, weil HIV ja scheinbar kein Problem mehr ist. Die Generation derer, die jetzt Kinder haben, redet nicht darüber. Scheinbar betrifft es uns ja auch gar nicht. Dabei betrifft es uns alle. Weil es darum geht, wie wir mit den Menschen umgehen, die infiziert sind. Das ist der nächste große Schritt der Gesellschaft.

Auf Ihrer Homepage fand ich die Geschichte Sofias, eines HIV-infizierten Kindes, das vom Ballett- und Musikunterricht ausgeschlossen wurde. Hat sich in den letzten 20 Jahren so wenig getan?

Denken wir mal an die Angst vor Flüchtlingen. Angst kommt daher, dass sich die Menschen nicht damit beschäftigen wollen. Sie verharren bei Vorurteilen: Jeder, der herkommt, ist erst mal ein Dieb, ein Verbrecher, anstatt zu sagen: „Okay, lasst mich doch die Menschen mal kennenlernen. Am Ende sind das Menschen wie du und ich.“ Wenn sie sich dann falsch verhalten, kann man sie dafür zur Verantwortung ziehen. Natürlich hoffe ich, dass es irgendwann einen Impfstoff oder ein Heilmittel gegen HIV gibt – ich werde es wohl nicht mehr erleben. Aber wir sollten doch in der Lage sein, wenn am Tisch sechs Leute sitzen und einer wäre dabei mit HIV, dass wir sagen können: „Mensch, ist ja doof. Wie geht’s dir? Was kannst du machen?“ Man nimmt dieselbe Wasserflasche, dasselbe Wasserglas, und das spielt keine Rolle, denn es spielt wirklich keine Rolle. Aber von einem normalen Umgang sind wir weit entfernt.

Sie wirken wie ein typischer Hanseat.

Ich bin ja zugezogen als gebürtiger Holsteiner, darauf bin ich auch stolz. Aber ich bin auch ein sehr stolzer Hamburger geworden. Ich darf mich wahrscheinlich nicht Hanseat nennen, aber ich glaube, ich bin typisch norddeutsch. Die Norddeutschen sind gute Kaufleute, dazu kommen – aus der Landwirtschaft – wahrscheinlich eine gewisse Bauernschläue und der Intellekt, der dazugehört, um erfolgreich zu sein. Aber auch ein Maß an Zurückhaltung, ein bisschen trocken, knorrig, geradlinig. Für mich gilt: Ein Handschlag gilt als Wort. So bin ich erzogen worden: Verantwortung zu übernehmen. Das empfinde ich als sehr hanseatisch oder norddeutsch.

Haben Sie Bad Iburg mal gegoogelt?

Ich glaube, das habe ich, aber das meiste habe ich schon wieder vergessen. Aber auch wenn Sie mich nach meinen Spielergebnissen fragen oder wann ich gegen wen gewonnen habe, werden Sie bei mir wenig Freude haben. Meine Frau meint manchmal, ich leide an frühem Alzheimer, weil sie sagt, das habe ich dir doch vor drei Monaten erzählt.

Vielleicht ein männliches Problem?

Ich kenne auch Männer, die da ganz anders sind. Ich lebe im Jetzt, nicht zu sehr morgen und nicht zu sehr gestern. Auf Bad Iburg und den Courage-Preis freue ich mich. Es ist eine hohe Auszeichnung und eine schöne Anerkennung für das Team und für mich. Und ich freue mich auf die Veranstaltung, das ist immer etwas Besonderes.

Preisträger im letzten Jahr war Reinhold Messner. Fällt Ihnen etwas ein, was Sie beide außer dem Courage-Preis verbindet?

Ich kenne Reinhold Messners Biografie nicht, aber ich weiß, was er erreicht hat. Ich glaube, eine Gemeinsamkeit ist das Auf-sich-alleine-gestellt-Sein in Situationen, in denen es um Erfolg geht. Auch einen Erfolg mit sich selbst auszumachen und zu feiern. Natürlich gibt es ein Team, bei ihm logischerweise auch, aber irgendwie ist man im Moment des Erfolges sehr mit sich. Das prägt den Charakter.

Bad Iburg hat den Zuschlag für die Landesgartenschau 2018 bekommen. Seit anderthalb Jahren kommt der zerstrittene Stadtrat nicht in die Puschen, Geld bereitzustellen und Profis an die Arbeit zu lassen. Was raten Sie den Iburgern?

Was ich generell in solchen Situationen rate: Wenn man sich dafür entschieden hat, muss man den Weg auch gehen. Demokratie ist, wenn in einem Rat 20 dafür sind und 18 dagegen, wird es gemacht. Dann muss man es professionell umsetzen und sagen „Jetzt machen wir die beste Gartenschau, die es je gab“. Wenn ich dagegen bin, kann ich das artikulieren, aber nach der Entscheidung muss ich mitziehen und nicht Politik machen. Das ist ein bisschen wie in Hamburg mit der Olympia-Bewerbung: Nicht jeder muss dafür sein. Deshalb finde ich es gut, dass es einen Volksentscheid gibt. Nur, über eines muss man sich im Klaren sein: Das sind Veranstaltungen, die gibt es nur einmal im Leben, das ist eine Auszeichnung, ein Qualitätsmerkmal, eine Chance für eine Region, die Menschen, eine Stadt. Es soll sich nicht respektlos anhören, aber ob es am Ende 50 Millionen kostet oder 100, spielt keine so große Rolle mehr. Wir geben so viel Geld für so viel Blödsinn aus. Wenn man nur mal die schwarze Liste des Bundesrechnungshofs sieht. Ich würde mir wünschen, dass man die Begeisterung, die man bei der Bewerbung empfunden hat, weiterträgt. Mit Augenmaß kalkulieren, mit externen Experten arbeiten, aber nicht immer dieses Zetern und Zaudern. Das ist für mich Zeit- und Energievergeudung. Das ist so, als wenn ich in Wimbledon auf den Platz gegangen wäre und gesagt hätte: „Das wird sowieso nichts.“ Und wenn ich verliere, sage ich: „Siehste, wusste ich doch.“ Langweilig.


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