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Tatort Wiesn 2015 Oktoberfest: Abgetrenntes Ohr, Hirntod, Schlafende missbraucht

Von Daniel Benedict

Oktoberfest des Grauens: Auch 2015 wird die Münchner Wiesn zum Tatort für alkoholisierte Verbrechen werden. Wir sammeln die drastischsten und kuriosesten Polizeimeldungen. Foto: dpaOktoberfest des Grauens: Auch 2015 wird die Münchner Wiesn zum Tatort für alkoholisierte Verbrechen werden. Wir sammeln die drastischsten und kuriosesten Polizeimeldungen. Foto: dpa

Berlin. Wiesn 2015: Betrugsversuche mit Gummifischen, kuriose Trunkenheitsdelikte und Bierkrug-Schlägereien – das Oktoberfest ist traditionell Festplatz und Tatort in einem. Wir sammeln die schockierendsten und die kuriosen Polizeimeldungen von der Wiesn in München.

Ein Gros der Wiesn-Kriminalität bestreiten nüchterne Taschendiebe und volltrunkene Bierkrug-Schläger. Aber auch sexuelle Gewalt ist ein Problem beim Münchner Volksfest; daneben sorgte der Alkohol für viele kuriose Vergehen. Wir sammeln die schlimmsten und die schrägsten Meldungen aus den Polizeireports von der Wiesn.

Die kriminelle Wiesn-Bilanz: Das Münchner Oktoberfest in Zahlen

2017 Mal musste die Wiesn-Wache zu Einsätzen ausrücken. 2014 waren es noch 2205 Einsätze. 1.191 Straftaten werden polizeilich bekannt (2014: 1290); in 372 Fällen sind es Körperverletzungen (2014: 398), 88 davon werden als gefährlich eingestuft, eine als versuchte Tötung. 47 Schlägereien werden mit Maßkrügen ausgetragen. Unter 20 angezeigten Sexualdelikten ist keine vollendete Vergewaltigung; im Vorjahr wurden eine Frau und ein Mann vergewaltigt. 374 Alkoholfahrer machten den Verkehr unsicher, zwei Betrunkene sterben nach selbst verschuldeten Unfällen.

Volltrunken, widerstandslos, und missbraucht

Am zweiten Wiesn-Dienstag kommt es zu einem Verbrechen, in dem das deprimierende Ausmaß des Oktoberfests besonders sichtbar wird: Eine 35-Jährige betrinkt sich so heftig, dass sie auf einer Parkbank einschläft. Um 23.45 Uhr setzt sich 38-Jähriger neben die Volltrunkene und steckt sich ihre Hand in seine Lederhose. Auch er ist offenbar zu betrunken, um sich an den Taschendieb-Fahndern zu stören, die ihn bei seinem Übergriff beobachten. Tage später stellt sich heraus: Etwa zwei Stunden vorher ist dieselbe Frau schon einmal missbraucht worden, da von einem 19-Jährigen, der inzwischen ebenfalls gefasst ist. Gegen beide Täter läuft ein Strafverfahren wegen sexuellem Missbrauch von Widerstandsunfähigen. (Erste Alkohol-Vergiftung 80 Minuten nach Fassanstich: So startet die Wiesn in München.)

Maßkrug-Schlägerei: Ohr abgetrennt

Eine angebliche sexuelle Belästigung ist am Mittwoch, 30. September, Auslöser einer Maßkrug-Schlägerei. Nachdem ein 22-Jähriger eine Frau womöglich bedrängt hat, wird er von ihrem Freund mit dem Maßkrug so heftig verprügelt, dass das Glas zerspringt. Der Angreifer trennt seinem Opfer dabei ein Ohr fast vollständig ab und erleidet selbst Schnittverletzungen an der Hand. Eine Freundin des Täters, die ihrerseits auf einen Begleiter des Opfers einschlug, wurde gemeinsam mit ihrem Freund verhaftet.

Hirntot nach der Wiesn

Am Eröffnungswochenende des Oktoberfests läuft ein 28-Jähriger kurz vor Mitternacht nach Hause, „in erheblich alkoholisiertem Zustand“, wie die Polizei notiert. Als er überraschend auf die Straße rennt, gerät er vor ein Taxi und wird beim Zusammenstoß schwer verletzt. Zehn Tage lang liegt er im Krankenhaus, dann wird er für hirntot erklärt. (Eine Million Wiesn-Gäste verspeisen 10 Ochsen – und trinken wie viel Bier? Das Oktoberfest in Zahlen.)

Mordversuch auf der Wiesn

Am Eröffnungswochenende kommt es auf der Wiesn zu einem Streit zwischen zwei Besuchergruppen; einer der Beteiligten erleidet lebensgefährliche Stichverletzungen am Hals und im Bauchbereich. Später gesteht eine 33-Jährige, ihr gleichaltriges Opfer aus einem Gefühl der Bedrohung heraus mit einem Messer niedergestochen zu haben. Gegen sie wird Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragt. (Mysteriöser Patient ohne Hand: Neue Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat.)

Zum Haareschneiden ans Pissoir

Mitten auf dem Festwiesengelände pinkelt ein 21-jähriger Tourist am späten Sonntagnachmittag gegen eine Laterne. Ein Polizeibeamter begleitet den Mann auf ein nahegelegenes Pissoir – und erkennt sofort den Irrtum, der den Schamverletzer überhaupt erst ins Freie getrieben hatte. Die Toilette nämlich hält der 21-Jährige für einen Friseursalon. Er weigert sich deshalb, hier die Hose zu öffnen und setzt sich stattdessen auf die Urinrinne. Vermutlich um auf den Coiffeur zu warten.

Hitler-Gruß fürs Urlaubsfoto

Er rief „Sieg Heil“ und erlitt eine herbe Niederlage: Ein 38-jähriger Nazi-Sympathisant ist in der Nacht zum Freitag zu betrunken, um beim Grölen noch auf die in unmittelbarer Nähe patrouillierende Wiesn-Wache zu achten. Vorläufige Festnahme. +++ Schon am Dienstag stellt ein 32-jähriger Pole sich mit seinem vierjährigen Sohn und einem russischen Freund vor der Bavaria auf und bietet seiner Ehefrau den Hitler-Gruß. Die macht noch ein schnelles Urlaubsfoto, bevor die beiden Männer festgenommen werden.

Sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungsversuch

Am Samstag, 19. 9., werden vier 18-jährige Frauen von Fremden belästigt, die ihnen Kaugummis und Mandeln in den Ausschnitt stecken. Eine Gleichaltrige, die dazwischengeht, wird mit der Faust ins Gesicht geschlagen, ein weiterer Begleiter erleidet einen Schlag in den Magen. +++ Eine 29-Jährige, die am Sonntag, 27. 9., auf der Wiesn ihren Geburtstag feiert, wird von einem Fremden so heftig bedrängt, dass er des Zeltes verwiesen wird. Wenig später verschafft er sich noch einmal Einlass, um sich auf einen Biertisch zu stellen und der Frau seinen Penis zu zeigen. +++ Schon am Mittwoch, 23. 9, kann sich eine 20-Jährige nur mit knapper Not gegen einen Mann wehren, der sie – abends gegen acht – auf dem Weg zur S-Bahn überfällt, ihr Bluse und Slip zerreißt und sie im Genitalbereich berührt. Als sie schreit, flieht er.

Unbefugtes Eindringen in den Luftraum über der Wiesn

Ein 28-Jähriger hat am Samstag, 26.9., eine Kamera-Drohne über das Oktoberfest fliegen lassen. Wer hätte das gedacht: Das harmlose Vergnügen an Luftaufnahmen von Erbrechenden ist illegal. Den Täter erwartet eine Strafanzeige wegen eines Verstoßes gegen das Luftverkehrsgesetz. (Vom Trachtler bis zum Maßkrugdieb: eine Typologie der Wiesn-Besucher.)

Stichwaffe statt Reservierung

Ein 53-jähriger Tourist versucht am Samstag, 26. 9.2015, in ein ausgebuchtes Wiesn-Zelt zu gelangen. Da er keine Reservierung nachweisen kann, will er die Einlassdame mit einer abgeschlagenen Bierflasche überzeugen. Ein Passierverfahren, mit dem der Mann sich auch beruflich unglaubwürdig macht: Der Täter stellt sich bei der polizeilichen Überprüfung als Zollbeamter vor. Nun kommt er wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung vor den Richter.

Berliner Diebe, Berliner Ermittler: Gemeinsam zur Wiesn

Wenn Nachbarn sich in der Fremde begegnen, ist die Freude besonders groß. Auf dem Oktoberfest ist die Wiedersehensfreude vor allem einseitig, als Berliner Taschendiebfahnder eine Berliner Taschendiebin auf der Wiesn erkennen und auf frischer Tat ertappen.

Betrunken aufs Zelt, begleitet wieder runter

Ein 21-jähriger Soldat hält sich am Samstag, 26. 9., für betrunken genug, um auf das Dach eines Festzeltes zu klettern. Die Polizei findet ihn zu betrunken zum Runterklettern und alarmiert die Feuerwehr. Strafantrag wegen Hausfriedensbruch.

Wiesn-Gewalt gegen Polizisten

Am Samstag, 26. 9., tritt ein 22-jähriger Schläger wahllos in die Einsatzgruppe, die ihn von der Wiesn zerrt; zwei Polizisten kommen zu Fall, einer ist danach dienstunfähig. Der Täter selbst nimmt eine Platzwunde in Kauf. +++ Schon am Donnerstag beißt ein 26-jähriger Unterfranke einen Polizisten. Der Ermittler erleidet dank seiner Lederjacke nur einen Bluterguss. Das reicht aber für eine Anzeige wegen Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. +++ In der Halbzeitbilanz sinkt die Zahl der Übergriffe auf Polizisten im Vergleich zum Vorjahr von 13 auf vier angezeigte Delikte.

Bierkrug-Schläge nach Sittlichkeitsdelikt

Am Donnerstag, 24. 9. findet ein Sittenstrolch es laut Polizeimeldung „spaßig“, seiner Wiesn-Bekanntschaft unter den Rock zu fassen. Die kann darüber nicht lachen und haut dem Mann einen Bierkrug so heftig über den Schädel, dass auch ein völlig Unbeteiligter Verletzungen davonträgt. +++ Unverletzt und auch uneinsichtig bleibt ein 65-jähriger Spanner, der in der Damentoilette beim Filmen erwischt wird, ausgestattet mit insgesamt vier Minikameras.

Halbzeitbilanz der Wiesn 2015

In ihrer Wiesn-Halbzeit bilanziert die Polizei am Wochenende mit 1092 Einsätzen einen leichten Anstieg zum Vorjahr (1071 Einsätze). Der aufregendste Tag war der zweiten Wiesn-Samstag mit 249 Einsätzen. Die Strafanzeigen sind von 659 auf 620 gesunken. 2013 waren es noch 831. Die Zahl der Körperverletzungen entspricht mit 202 Delikten exakt dem Vorjahreswert, bei den gefährlichen Körperverletzungen sind es mit 50 etwas mehr als 2014 (45 Körperverletzungen). Die Zahl der „Maßkrugschlägereien“, bei denen es immer wieder zu schweren Stoß- und Schnittverletzungen kommt, ist die Zahl von 15 (2014) auf 32 Delikte angestiegen. Die Zahl der Taschendiebstähle sinkt von 212 (2014) auf 153. Bei den sechs Sexualstraftaten (2014: 7) kam es erfreulicherweise zu keiner vollendeten Vergewaltigung.

Historische Oktoberfest-Verbrechen: die letzten Wiesn-Jahre

Gefürchteter Bartzupfer: Widerlich! Am Sonntag provozierte ein 33-Jähriger die Ordner eines Bierzeltes, indem sie wiederholt an den Bärten zupfte. Der Mann wurde zur Wiesnwache gebracht, wo er seine Beleidigungen auf die Beamten ausweitete, nun ungeachtet ihrer Barttracht. Nach einigen Stunden im Gewahrsam wurde der Mann erst nachts entlassen. Dass er somit die abendliche Hochphase des Münchner Großbesäufnisses verpasste, musste ihn nicht stören. Er war schließlich schon um 17 Uhr, der Tatzeit, erheblich angetrunken.

Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener: Beim rechtsextremen Oktoberfest-Attentat vom 26. September 1980 starben auf der Wiesn 13 Menschen, 211 wurden verletzt, 68 davon schwer. Auf das Denkmal, das den Opfern in München errichtet wurde, entleerte sich auf den Tag genau 35 Jahre später ein 33-Jähriger seine Blase. Gegen den Mann wird wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener ermittelt. Ein hässliches Verbrechen – wenn auch ein kleines, im historischen Vergleich.

Betrug mit Gummifisch: 2014 bemerkt ein Besucher erst daheim, dass sein Fischbrötchen von der Wiesn ein Dekogegenstand aus Gummi ist. Der Mann fährt mit dem Taxi zurück zur Fischfrau, ist auch mit einem neuen Brötchen plus Taxigeld nicht zu versöhnen und wird in seiner aggressiven Wut selbst ein Fall für die Polizei.

Tierquälerei mittels Erbrechen: Am 2. Oktober 2013 lässt auf der Wiesnwache ein Goldhähnchen das Leben. Ein Festgast hatte sich auf ihm erbrochen, sein Flügel war ebenfalls verletzt.

Geisterbahn-Monster verdroschen: Am Tag der Deutschen Einheit fühlt sich ein Besucher von den Plastikmonstern in der Geisterbahn belästigt – und steigt kurzerhand aus der Gondel und prügelt die Puppe reparaturreif.

Freund und Helfer braucht Hilfe: 13 Polizeibeamte erlitten auf den letzten Oktoberfest bei Attacken Rippenprellungen, Bisswunden, Tritte in den Bauch und Schürfwunden. In 26 Fällen wurde Strafanzeige wegen Widerstandes gestellt. Schnell überführt war ein Mann, der – selbst wohl völlig blau – das Blaulicht eines Streifenwagens klaute.

Baden in der Wasserbahn: 2013 wähnte sich ein Anerikaner beim Anblick der detailgetreu dekorierten Wildwasserbahn in der freien Natur - und nahm ein gefährliches Bad im Fahrgeschäft.

Um die Verhaftung betteln: Auf der Wiesn 2013 begeht ein Nachwuchsdealer einen klassischen Anfängerfehler: Er bietet sein Hasch den Sicherheitskräften an. Die nehmen dem 19-Jährigen erst die Ware ab und den Mann selbst dann hops.

Donald Duck abgeführt: Auf dem letzten Oktoberfest mischen sich Donald und Daisy Duck unter die Touristen auf der Wiesn und lassen sich gegen Geld fotografieren – das fällt unter verbotene Bettelei. Die beiden werden zurück nach Entenhausen geschickt.

Hier geht es zu den Wiesn-Verbrechen des vergangenen Jahrs.