Beat-Musik in Münster 11. September 1965: Das erste Rolling-Stones-Konzert in Deutschland

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Mick Jagger (M) und seine Band beim ersten Deutschlandkonzert 1965 in Münster. Dieses und weitere Fotos des Pressefotografen Willi Hänscheid vom Konzert 1965 in Münster sind noch bis zum 13. September in einer Ausstellung im Stadtmuseum Münster zu sehen. Foto: Willi Hänscheid/dpa/lnwMick Jagger (M) und seine Band beim ersten Deutschlandkonzert 1965 in Münster. Dieses und weitere Fotos des Pressefotografen Willi Hänscheid vom Konzert 1965 in Münster sind noch bis zum 13. September in einer Ausstellung im Stadtmuseum Münster zu sehen. Foto: Willi Hänscheid/dpa/lnw

Münster. Am 11. September 1965 begann die erste Deutschlandtournee der Rolling Stones in der Halle Münsterland. Das war ein Aufbruch in eine neue Zeit.

Angekündigt auf dem Plakat wurde „die härteste Beat-Band der Welt“. Am 11. September 1965 begann die erste Deutschlandtournee der Rolling Stones in der Halle Münsterland. Weitere Konzerte folgten in Essen, Hamburg, München und Berlin. Es waren Doppelkonzerte mit dreiteiligem Vorprogramm. Das erste begann jeweils am späten Nachmittag, das zweite war für den Abend terminiert. In Berlin gab es nur ein Konzert, mit dem bekannten Ausgang: Das Sitzmobiliar der Waldbühne wurde in Einzelteile zerlegt.

Nur Schlager in den Hitlisten

Was war das für eine Zeit? Bis weit in die 1960er-Jahre waren in den Hitlisten ausschließlich deutsche Schlager zu finden: Im Hörfunk lief Tanzmusik, und das Fernsehen steckte in biederen Anfängen. Ab 1964 wandelte sich ganz allmählich das Bild. Die ersten Lieder der Beatles wurden auch in der Bundesrepublik bekannt, und im Juni 1965 hatten die Rolling Stones auch bei uns mit „The Last Time“ ihren ersten Hit. In den Städten öffneten die ersten Beatschuppen, äußerst misstrauisch beäugt von der Erwachsenenwelt und den Medien. Überall entstanden Beatbands, die versuchten, mit oft äußerst primitivem Equipment ihren großen Vorbildern nachzueifern. Einige Gruppen erlangten sogar eine gewisse Bekanntheit. Internationalen Erfolg indes hatte keine. Vielleicht wurden auch deshalb deutsche Bands für das Vorprogramm der ersten deutschen Stones-Tournee ausgewählt.

Bühne stürmen

Unter uns Jugendlichen kursierte die Meinung, dass bei Stones-Konzerten grundsätzlich die Bühne gestürmt wird. Die Rolling Stones selbst, wohl als Teil ihres aufgebauten Renommees als „Bad Boys“, kokettierten mit diesem Umstand, war doch auf der Rückseite der LP „Around and Around“ ein Foto ihrer ersten USA-Tournee zu sehen, wie Fans die Bühne enterten und Mick Jagger umklammerten. Auch wussten wir, dass bei einem Konzert im holländischen Scheveningen ein totales Chaos geherrscht hatte.

Das sollte natürlich in Deutschland nicht passieren! Da es hier jedoch mit solchen Veranstaltungen keinerlei Erfahrung gab, wurden Kommunalbehörden, Polizei und Saalordner in Alarmbereitschaft versetzt. Während der Münsteraner Konzerte waren mehrere Dutzend Polizisten in Zivil die ganze Zeit auf der Bühne zugegen, und die ersten zwei Stuhlreihen im Parkett, eine davon zum Publikum hin ausgerichtet, waren ausnahmslos Ordnern vorbehalten, die, adrett gekleidet mit Anzug, Krawatte und einer weißen Armbinde, ununterbrochen die jugendlichen Musikliebhaber beäugten. In den Gängen wurde ebenfalls alle drei Meter Ordnungspersonal postiert. So hatten die Veranstalter mit riesigem Aufwand jeglichen Versuch der jugendlichen Konzertbesucher schon im Keim erstickt, sich auch nur ansatzweise ihren Idolen nähern zu können.

Motorrad-Monstrum mit abgeschnittenem Auspuff

Für den Fall, dass es dennoch zum „Worst Case“ kommen sollte, stand hinter der Bühne ein Motorrad-Monstrum mit abgeschnittenem Auspuff und zwei Meter hohem Ofenrohr bereit. Mit diesem Gefährt sollten die anstürmenden Fans wieder von der Bühne vertrieben werden. Auch ein Wasserwerfer stand bereit. Später wurde bekannt, dass sich in der Halle auch die Polizeipräsidenten der Städte befanden, in denen die weiteren Stones-Konzerte stattfinden sollten.

Die Veranstaltungsorte waren mit den Konzerten restlos überfordert. Bis dato bestand in deutschen Stadthallen das Programm im Wesentlichen aus Schlagergrößen wie Caterina Valente und Operettenmelodien.

Eine einzige Lautsprecherbox

Somit gab es überhaupt keinen Anlass, diese Gastspielorte mit einer leistungsstarken Beschallung auszurüsten. In der Halle Münsterland war unter der Hallendecke in der Mitte eine einzige Lautsprecherbox in Form eines Oktaeders angebracht. Darüber sollte Mick Jagger unter anderem seine Stimme den in völliger Verzückung kreischenden Jugendlichen zu Gehör bringen. Es gab zu dieser Zeit weder ein Mischpult mit Dutzenden Kanälen, noch Verstärkersysteme mit haushohen Lautsprechertürmen, Lightshows oder Spots. Die Gitarrenverstärker von Keith Richard und Brian Jones würden heute jeder Garagenband ein müdes Lächeln entlocken, und Charlie Watts versuchte nahezu allein durch Muskelkraft den Schlagzeugrhythmus in der Halle zu verbreiten. Die Beleuchtung bestand damals aus bereits vorhandenen Neonlichtern und Deckenleuchten.

„I need you, you, you“

Das Vorprogramm dauerte jeweils gut 20 Minuten und bestand aus Jimmy and the Rackets, Didi and the ABC-Boys aus Berlin und den Hamburgern Rivets, smarte Jungs, die besonders bei den weiblichen Konzertbesuchern gut ankamen.

Dann betraten die Stones die Bühne, ohne Anmoderation, auch das gab es damals noch nicht. Ohrenbetäubender Lärm. Nach einer Minute zeigte der 22-jährige Mick Jagger ins Publikum „I need you, you, you“. Erst da wusste wir , mit welchem Song sie das Konzert eröffnet hatten: „Everybody needs somebody to love“. Die Musik der Stones ging im frenetischen Geschrei der Fans unter.

Münsteraner Polizeipräsident beendete das Konzert

Die Stones brachten insgesamt acht Titel und waren damals schon geschäftstüchtig. Zuvor war eine EP (eine doppelte Single) mit den ersten Live-Aufnahmen der Band erschienen. Mit diesen vier Songs begannen und beendeten sie ihr Konzert („Everybody needs somebody to love“ und „Pain in my Heart“ sowie „I’m moving on“ und „I’m alright“). Hinzu kamen noch „Around and Around“, „The Last Time“, „Satisfaction“ und „Time is on my Side“. Die größte Begeisterung erzeugte „The Last Time“. „Satisfaction“ war einer der ersten Songs der Stones, die in USA aufgenommen wurden. Dort veröffentlichte die Band den Titel schon im Mai. In Großbritannien kam die Single im Juli in die Läden und in Deutschland erst Anfang September. Den Song hatte hier noch kaum jemand gehört. Von daher ist es falsch, wenn immer wieder behauptet wird, „Satisfaction“ wäre der Höhepunkt des Konzertes gewesen.

Nach 25 Minuten war alles vorbei; nicht enden wollender orkanartiger Trubel. Gut zehn Minuten dauerte es, bis sich ganz allmählich eine Stimme aus dem Off Gehör verschaffen konnte, die immer wieder versuchte zu verkünden: „Die Rolling Stones geben keine Zugabe! Die Rolling Stones geben keine …“. Später wurde bekannt, dass das der Münsteraner Polizeipräsident persönlich war.

Häme und Spott in den Medien – Begeisterung bei den Jugendlichen

Heute ist es schwer verständlich, mit welcher Häme und welchem Spott und sogar Hass in den Medien über diese ersten Stones-Konzerte berichtet wurde. Die FAZ berichtete von „erbärmlich einfallsloser Musik“ und von „affenartigen Bewegungen des Sängers“. In einer kurzen TV-Reportage war von „ungewaschenen Höhlenmenschen, die soeben aus der Eiszeit aufgetaucht sind“ und von „Zwiesprache zwischen Mick Jagger und seinen willigen Opfern“ die Rede. Überhaupt waren die Medien der Ansicht, dass über diese Art von Musik in einem Jahr niemand mehr reden würde.

Man befürchtete einen moralischen Verfall der Jugend. Doch diese Annahme erwies sich als falsch. Denn Fotos belegen, dass die Jugendlichen, fernab von langen Rockermähnen, Lederjacken und Verwahrlosung, für heutige Verhältnisse in auffallend gepflegter Aufmachung zu den ersten Stones-Konzerten erschienen waren. Der befürchtete Untergang des Abendlandes blieb aus, zumindest, was seine Verursachung durch die Musik der Rolling Stones betrifft. Uns Jugendlichen war bewusst, etwas ganz Großes, Neues, bisher nie Dagewesenes erlebt zu haben: den Anbruch einer neuen Zeit.

Unser Autor Roland Berens war beim ersten Rolling Stones-Konzert am 11. September 1965 in Münster dabei.


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