New Orleans kämpft mit Folgen Zehn Jahre nach „Katrina“: Der lange Weg zurück

Von Thomas J. Spang


New Orleans. Vor zehn Jahren verschlang der Hurrikan Katrina New Orleans. Im Nachhinein betrachtet, hatte die größte Naturkatastrophe in der US-Geschichte sogar positive Auswirkungen – auch wenn noch immer viel zu tun bleibt, wie der renommierte Künstler Richard Thomas findet.

Nach Hurrikan Katrina griff Richard Thomas zu seiner Trompete. Er blies so fest, er konnte. Wie einst die Sklaven auf dem „Congo-Square“ von Treme, ein paar Straßen vom Atelier des Künstlers entfernt, die dort sonntags nach der Kirche für ihre Freiheit jazzten. Oder Louis Armstrong, der es schaffte, sich aus dem vergessenen Schwarzenviertel gegenüber des French Quarters zu Weltruhm zu blasen. Thomas hat ihn auf einem Wandbild am Flughafen von New Orleans verewigt.

Ein einsamer Trompeter auf dem Dach

In den farbenprächtigen „Mardi Gras“-Zügen, die der Künstler in seinem als „Visual Jazz“ bekannten Stil so oft thematisiert, halten die Bläser die bösen Geister fern. Auf dem Gemälde zum ersten Katrina-Jahrestag, das die Stadt als Vorlage für ein offizielles Gedenkposter in Auftrag gegeben hatte, steht ein einsamer Trompeter auf dem Dach eines der farbigen „Shotgun“-Häuser und ruft auf seinem Instrument Hilfe herbei.

Eine menschengemachte Katastrophe

Genauso fühlt sich die Ikone der Kunstszene mit den Rasta-Zöpfen auch heute noch – zehn Jahre nach Hurrikan Katrina ,der mit 1833 Toten nicht nur als die größte Natur-, sondern auch menschengemachte Katastrophe in die Geschichte der USA einging. Wenn ihm danach ist, greift Richard zur Trompete, die in der Ecke seines Arbeitszimmers steht, und spielt. „Summertime“ gehört zu den Songs, die er immer wieder anstimmt. Vielleicht aus Sentimentalität, weil der Hurrikan an einem Sommertag, dem 29. 8. 2005, kam.

Großes Disneyland für Touristen?

„Es gab die Versuchung, aus New Orleans ein großes Disneyland für Touristen zu machen“, sagt Thomas kritisch auf die ersten Jahre nach Katrina zurück. „Einige sahen die Gelegenheit, Gegenden wie den Lower Ninth Ward gar nicht erst wieder aufzubauen.“

Die Rede ist von dem historischen Schwarzenviertel, das wochenlang komplett unter Wasser stand, nachdem die Dämme des Industriekanals gebrochen waren. Fünftausend Häuser gingen allein hier für immer verloren.

Stars helfen

Der aufrechte Trompeter auf dem Dach des Gemäldes, das den Namen „Die Töchter von New Orleans“ trägt, war für Thomas ein Platzhalter. Wynton Marsalis, Wendell Pierce und Brad Pitt füllten ihn später aus. „Sie haben geholfen, dass wir uns in eine andere Richtung entwickeln konnten“, lobt der Künstler den Einsatz der mit New Orleans eng verbundenen Stars.

Viele Helfer blieben

Der weltberühmte Jazzer Marsalis etwa investierte in den Aufbau eines Wohnparks mit Konzerthalle. Sie erlaubte einheimischen Musikern, in die Stadt zurückzukehren. Schauspieler Pierce schaffte in der HBO-Serie „Treme“ Bewusstsein für das kulturelle Erbe des schwarzen New Orleans und förderte den ökologischen Wiederaufbau von Ponchartrain Park. Brad Pitt tat das Gleiche im Lower Ninth Ward mit seiner „Make it Right“-Stiftung, die bis heute 278 Nachbarn half, ein neues Zuhause zu finden.

Junge Leute als Motor des Wachstums

„Und es waren die vielen jungen Leute, die nach Katrina kamen, um selbstlos beim Wiederaufbau zu helfen“, fügt Thomas hinzu. Viele von ihnen sind in New Orleans geblieben. Sie haben einst unbewohnbare Nachbarschaften in Zentren des alternativen Lebens mit einem Hauch von Boheme verwandelt. Sie sind der Motor des Wachstums, der zusammen mit fast 71 Milliarden Dollar an staatlichen Hilfen eine Stadt mit Zukunft geschafften hat.

80 Prozent unter Wasser

Thomas sieht sich selbst nirgendwo anders. Der Künstler lebt heute wieder in seinem Haus an der North Board Street, das er mit seiner Frau Joy und den damals ein- und elfjährigen Töchtern Isabella und Anastasia zwei Tage nach Katrina auf einem Boot verlassen musste.

Es war die vielleicht letzte Chance, den Fluten zu entkommen, die 80 Prozent der Millionen-Metropole unter Wasser setzten. „Wir packten für drei Tage und kamen erst nach vier Jahren wieder.“ beschreibt er eine Erfahrung, die er mit vielen Einwohnern der „Crescent City“ teilt.

Deiche brechen

Als der Hurrikan heranzog, dachte Thomas noch, seine Familie sei in dem höher gelegenen Haus in Treme sicher. Er packte zwei Kühltruhen voll mit Eis, kaufte Brot und Wasser für zwei Wochen, nagelte die Fenster mit Brettern zu und parkte die Autos hinter dem Haus auf leicht erhöhtem Terrain.

Das Wasser kam am Tag nach Katrina, als die ersten von insgesamt mehr als 50 Deiche brachen. Die steigenden Fluten, Plünderer und die unerbittlichen Moskitos ließen der Familie keine Wahl. Joy packte ein paar Kleidungsstücke, Wasser und Windeln für Isabella. Thomas rollte einige seiner Bilder zusammen, nahm seinen Laptop und die Trompete.

Wie in einer Gespensterstadt

Das Boot der „Wildlife and Fisheries“-Behörde legte direkt vor der zwei Meter über der Straße gelegenen Haustüre an. Die Helfer setzten die Familie an einer Brücke ab. Wo sonst Blechlawinen über die Interstate 610 rollten, lagen verstreut zurückgelassene Gegenstände herum: Regenschirme, Klappstühle, Kleidung, Müll. „Es sah wie eine Gespensterstadt aus.“

Als Thomas auf einen Streifenwagen zuging, um herauszufinden, wie er seine Familie in Sicherheit bringen könne, sprangen die Beamten mit gezogenen Waffen aus dem Auto. „Die hatten Angst“, erklärt Thomas die bizarre Situation. „. Die Polizei wusste selbst nicht, was sie tun sollte.“

Tage im Chaos

Auf dem Weg zurück winkte er Helikoptern zu, die über ihn hinwegflogen. Die Piloten sahen ihn, landeten auf der Brücke und brachten die Familie an einen Sammelpunkt im weiter westlich gelegenen Metairie. Tausende Flüchtlinge drängten dort zu den Bussen, die dreimal täglich Menschen evakuierten.

Dort galt das Recht des Stärkeren. Richard und seine Familie harrten zwei Tage und zwei Nächte in völligem Chaos aus. Die Helfer hatten anfangs nicht mehr als die „MRI“ genannten Überlebensrationen der Armee. Als George W. Bush am nächsten Tag nach New Orleans kam, gab es Hotdogs und Eis.

Auf der Suche nach Gott

Um beim nächsten Versuch nicht wieder abgedrängt zu werden, schlossen sich die Thomases mit einer Latino-Familie zusammen. Vergeblich. Die Busse fuhren mitten in der Nacht ohne sie ab. Da stimmte die mexikanische Mutter eine Klage an, die Richard bis heute verfolgt: „Wo ist Gott, wo ist Gott?“

Ohne den plötzlichen Ausschlag rund um den Mund der einjährigen Isabella hätte die Familie vermutlich noch Tage festgesessen.

So landeten sie zuerst in einer Ambulanz und dann in einem Schulbus, der sie in das Gemeindezentrum von Larose brachte. Erst am nächsten Morgen realisierte Thomas, dass er in demselben Ort war, an dem er sich vor knapp einer Woche ein Football-Spiel seines Sohnes aus erster Ehe angesehen hatte.

Bewohner sind herzlich

Die Bewohner, Cajuns genannten Nachfahren weißer französischer Einwanderer aus Kanada, waren noch genauso herzlich. Sie tischten den erschöpften Vertriebenen die Spezialitäten der Bayous auf: Jambalaya, Gumbo und Boudin-Würste.

Eine Frau, die sich als Mimi vorstellte, bot an, die Wäsche zu machen. Es war der Beginn einer Freundschaft, die zu einer Übergangsbleibe führte und bis heute anhält.

Mimi und ihr Ehemann Mike luden die Thomas-Familie ein, in ihrem Anwesen zu wohnen. Richard verwandelte das Pool-Haus in ein Atelier, während Joy und die Töchter den tropischen Garten mit Schwimmbecken genossen. „Nach Tagen in der Hölle fühlten wir uns wie im Cajun-Paradies.“

Die großzügigen Gastgeber wussten zunächst nicht, wen sie einquartiert hatten. Erst als der damalige Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, den Künstler lokalisierte und bei ihm ein Poster zum ersten Jahrestag Katrinas in Auftrag gab, realisierten die Williams, wer bei ihnen wohnte. Umgekehrt stellte sich heraus, dass Sohn Rueben der Manager des berühmten Blues-Musikers Tab Benoit und des Madi-Gras-Häuptlings „Big Chief Monk“ war.

Auftrag für Wandbild

Über Rueben kam der Kontakt zu den „Voices of the Wetland“ zustande, eine Organisation, die Richard bat, für sie tätig zu werden. „Bis dahin habe ich nie Landschaften oder Natur in meinen Bildern thematisiert. Katrina hat das verändert.“ Kurz darauf erhielt der Künstler die Einladung, in Waterloo, Iowa, an einem großen Wandbild zu arbeiten. Da Joy aus dem Mittleren Westen stammte und nicht daran zu denken war, in absehbarer Zeit nach Treme zurückzukehren, nahm er das Angebot an.

Katastrophe als „überfällige Reinigung“

2009 zog es ihn zurück in die Heimat. Richard brachte sein Haus in Schuss, nahm seinen alten Job als Kunstlehrer der „Benjamin Franklin“-Grundschule wieder auf und vertiefte sich in seine künstlerische Arbeit. „Katrina war wie eine überfällige Reinigung“, reflektiert Thomas heute. „Sie war die große Gleichmacherin.“ Der Sturm habe nichts und niemanden verschont.

Arme werden vernachlässigt

Vieles sei besser geworden. Die Schulen, die Deiche, die Müllabfuhr. Heute gibt es sogar ein dichtes Netz an Fahrradwegen. „Aber Katrina hat auch Dinge nach oben gespült, die sich vorher versteckten.“ Thomas denkt an den strukturellen Rassismus und die Vernachlässigung der Armen, die ohne eigenes Auto und öffentlichen Nahverkehr nicht aus „Big Easy“ herauskamen.

Tausende saßen auf ihren Dächern fest und warteten vergeblich auf Hilfe. Andere schafften es zum „SuperDome“, der heute „Mercedes Benz“ mit im Namen trägt.

Hohe Kriminalität

So verschieden die Schicksale vor zehn Jahren, so unterschiedlich das Tempo bei der Erholung. Was unter anderem die anhaltend hohe Kriminalität erklärt. „Es bleibt viel zu tun“, meint der renommierte Künstler, der im Sommer jungen Talenten aus den armen Schwarzen-Vierteln von New Orleans in seinem Studio Malunterricht erteilt.

Wie einst Kiel Scott, der mit seinem Zwillingsbruder Christian im Lower Ninth Ward aufwuchs. Kiel schaffte es an die Cooper-Union-Universität von New York und machte sich national einen Namen als Künstler. Christian gelangte als Jazz-Trompeter mit einer „Grammy“-Nominierung zu Weltruhm.

Wie ein Vater

„Er ist einer dieser Rufer, der Menschen mobilisieren kann“, sagt Thomas und schlägt vor, am Abend einen Abstecher ins „Prime Example“ zu machen – einem traditionellen Jazz-Lokal von Treme gleich um die Ecke. Christian, der auf Familienbesuch in der Stadt weilte, hatte sich spontan bereit erklärt, mit ein paar örtlichen Musikern auf der Bühne aufzutreten, die ihm half, seine Karriere zu starten. Als er Richard sah, umarmt er ihn wie einen Vater.

Was Thomas mit seiner Kunst macht, arbeitet Scott musikalisch auf. Sein Katrina gewidmetes Album „Anthem“ reflektiert die Verwobenheit von Mut und Verzweiflung, Aufstieg und Fall, die drückende Last des Alltags und die Leichtigkeit des Lebensgefühls, die New Orleans ausmachen. Wie in ‚Summertime‘, das er für Richard anstimmt, der diesen Song mit Christian einst zusammen auf seiner Trompete spielte.


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