Population versechsfacht Polen lehrt den richtigen Umgang mit Braunbären

Von Jens Mattern

Sieht zum Knuddeln aus, ist aber kein Kuscheltier: Braunbären können gefährlich sein. Foto: dpaSieht zum Knuddeln aus, ist aber kein Kuscheltier: Braunbären können gefährlich sein. Foto: dpa

Warschau. In Polen läuft eine Kampagne über den richtigen Umgang mit Bären. Deren Zahl hat sich in den vergangenen 40 Jahren versechsfacht. Immer wieder kommt es auf Wanderwegen zu Zusammenstößen zwischen Mensch und Tier. Auch mit tödlichen Folgen.

„Du läufst nie allein“, steht warnend auf Plakaten, auf denen ein massiger Bär aus dem Unterholz schaut. Solche Schilder sind in den polnischen Bergen immer häufiger zu sehen. Immer dann, wenn ein bekannter Bärenpfad einen Wanderweg kreuzt. Nun soll eine landesweite Kampagne den Menschen einen besseren Umgang mit dem kräftigen Vierbeiner beibringen.

Nationalpark startet Kampagne

Braunbär und Mensch – wenn sie sich begegnen, kann es zu Unstimmigkeiten kommen. Dies passiert in Polen in jüngster Vergangenheit immer wieder. Denn dank strenger Schutzbestimmungen konnte sich die Population der Tiere innerhalb von 40 Jahren um das Sechsfache vermehren. Allein in den Bergen Südpolens ist die Zahl der Bären mittlerweile auf über 200 Tiere angestiegen. Die Initiative, den polnischen Bergwanderern Verhaltensregeln mit auf den Weg zu geben, geht vom Tatra-Nationalpark aus. Auch Kinospots mit einem Bären-Knigge sind geplant. (Weiterlesen: Viele Tierarten in der Region ausgestorben)

Keine Kuscheltiere

„Wenn wir auf das Terrain des Bären geraten, müssen wir uns bewusst sein, dass wir nur Gäste in seinem Haus sind. Das ist kein Schmusetier, sondern ein grimmiger und gefährlicher Gastgeber“, so Szymon Ziobrowski, Direktor des Nationalparks in der Hohen Tatra. Der Park wird von immer mehr ausländischen Gästen besucht.

Vor allem Essbares irritiere den Gastgeber, hebt Ziobrowski hervor. Die Besucher sollten Bären nicht füttern und keine Nahrungsmittel liegen lassen. Dank ihres Geruchsinns spüren die Pelztiere Essen auch in Autos auf. Das holen sie sich mit Kraft und Intelligenz. So springen die bis 300 Kilogramm schweren Bären solange auf dem Autodach herum, bis die Scheiben bersten und sie das Futter erreichen können. (Lesen Sie auch: Cappuccino-Bären werfen Fragen auf)

Mensch keine Nahrung

Den Menschen selbst sieht der Bär nicht als Nahrung an, er meidet ihn. Gewöhnt sich der Bär an die menschliche Nähe, kann er jedoch aggressiv werden, warnt die Nationalparkleitung. Wegen einer Bärin, die diese Distanz verloren hatte, mussten einige Jahre lang in einem Tal die Wege abends gesperrt werden.

Die Parkleitung ist um eine ganz spezielle „Resozialisierung“ der Touristen und der Bären bemüht. Die meisten Abfalleimer wurden abgeschafft, die verbliebenen mit einem speziellen Verschluss und einem Elektrozaun versehen.

Ursus arctos, so der lateinische Name der Braunbären, greift auch an, wenn er überrascht wird. Ein Waldarbeiter im Bieszczady-Gebirge nahe der Ukraine überlebte im März eine Attacke mit Kratzern, da er sich richtig verhalten hatte. Er legte sich auf den Boden, hielt sich schützend die Hände über das Gesicht und schrie nicht. Ein Wanderer hatte weniger Glück, er überlebte seine Begegnung mit einem Bären in derselben Gegend im vergangenen Herbst nicht.

An die Bären werden sich auch die Menschen im waldreichen Nordosten Polens wieder gewöhnen müssen. Dort wurde er im 19. Jahrhundert ausgerottet, nun kehrt er zurück.