Besser – schicker – digitaler Fixie statt Cabrio – Das Rad als Statussymbol

Von Jörg Sanders


Osnabrück. Mein Haus, mein Boot, mein Fahrrad – so könnte der einstige Sparkassen-Werbespot heute lauten. Das Rad gewinnt an Bedeutung und avanciert zum Lifestyle-Produkt, das der Abgrenzung dient.

Das spiegelt sich auch in der großen Anzahl der Hersteller wider, die unterschiedlichste Nischen bedienen. Für ein Fahrrad lassen sich problemlos mehrere Tausend Euro ausgeben, und Magazine wie „Fahrstil“ beschäftigten sich mit Radkultur und Trends. „Das Fahrrad ist im Mode- und Lifestyle-Kosmos angekommen“, sagt Gunnar Fehlau, Autor von Fahrrad-Fachbüchern, Fachjournalist und Gründer des Pressedienstes-Fahrrad. „Heute ist die Technik gut, und jetzt ist das Rad auch noch schick.“ Das Rad unterstreiche die Persönlichkeit des Besitzers – ähnlich wie beim Auto. „Das ist eine Adelung das Rads“, sagt Fehlau.

Nie war Auswahl größer

Dem pflichtet David Eisenberger, Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV), bei. „Das Fahrrad ist zu einem Statussymbol geworden – mit ihm kann man sich individueller darstellen als mit Autos, die inzwischen fast alle gleich aussehen.“ Im Fahrradladen war die Auswahl der Typen jedenfalls nie größer. Der Kunde hat die Wahl zwischen rudimentären Single-Speed-Bike, hippem Fatbike, schickem Cross und Urban Bike und dem immer beliebter werdenden E-Bike – um nur einige Typen zu nennen.

Mehr als 80 Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen mindestens ein Rad. 30 Prozent der Haushalte in Großstädten besaßen 2013 nur Fahrräder als Fortbewegungsmittel (2003: 22 Prozent). Im Bundesdurchschnitt waren es 15 Prozent. „Radfahrer fahren heute ganztägig und ganzjährig. Früher galt man noch als Freak, wenn man nachts durch den Schnee fuhr – heute ist das normal“, sagt Fehlau.

Pedelecs auf der Überholspur

Ein großer Trend sind Pedelecs und E-Bikes. „In diesem Bereich verzeichnen wir zweistellige Zuwachsraten“, sagt Eisenberger. 2014 legte der Markt um 17 Prozent gegenüber 2013 zu. Dem ZIV zufolge waren Ende 2014 2,1 Millionen E-Bikes unterwegs. Vermehrt statten Hersteller nicht nur Cityräder mit dem Antrieb aus, sondern etwa auch Mountain- und Fatbikes. „Sie nehmen der Leidenschaft Radfahren das Leiden“, sagt Fehlau. „Plötzlich wird der Berg flach, und man kommt nicht mehr verschwitzt ins Büro.“ Aber auch Single-Speed-Bikes – rudimentär ausgestattete, sogenannte „Fixies“ ohne Schaltung –, und Lastenräder sind im Kommen. „Und Crossräder – schnelle Räder, die aber robust sind“sagt Eisenberger. Vermehrt produzieren Hersteller Nostalgieräder mit viel Chrom, geschwungenen Formen und Pastelltönen. Wem das nicht weit genug geht, der kann im Internet sein eigenes Rad gestalten. „Heute ist für jeden das Richtige dabei“, sagt Fehlau.

Das Rad als Hightech-Produkt

Parallel verbessert sich fortlaufend die Technik: Das Rad wird zum Hightech-Produkt: Carbon-Rahmen und -komponenten, Automatikschaltung, elektrische Schaltung – die Liste an innovativen Ideen scheint endlos. Und durch den zunehmenden Kultstatus wächst der Zubehörmarkt. Vermehrt statten Hersteller ihre Räder mit einem Zahnriemenantrieb aus Carbon aus, der die herkömmliche Kette ersetzt. Er braucht kein Öl – damit gehören Fettflecken an der Hose der Vergangenheit an –, ist leiser, benötigt weniger Wartung und ist langlebiger als die Kette. „Der Zahnriemen ist eine gute Lösung“, meint Fehlau. Aber: Der Antrieb ist teurer, dafür aber wesentlich langlebiger als eine Kette.

Auf der Fahrradmesse Eurobike werden viele Hersteller vom 26. bis 29. August vermutlich wieder mit Technik- und Design-Neuheiten klotzen. Beispiel: Seatylock, bei dem der Sattel ein Schloss beinhaltet, was Gewicht und Platz spart.

Sicherheit nimmt zu

Zudem feilen Hersteller und Startup-Unternehmen an mehr Sicherheit. Schon heute gibt es Rücklichter mit Bremslichtfunktion. Die Firma Hövding produziert Airbags für Radfahrer, die in einer Art Halskrause untergebracht sind, und Entwickler arbeiten an Helmen, die vor Gefahren warnen. „Mehr Sicherheit kann aber auch mehr Risikobereitschaft bedeuten“, sagt Fehlau. „Und wenn alle aufrüsten, ist es für den gefährlicher, der nicht aufrüstet.“

Auch die digitale Entwicklung macht vor dem Rad nicht halt. „Das Rad wird technischer, vernetzter, digitaler“, sagt Eisenberger. Das Smartphone als Navigationsgerät ist für manch Tourenradler und Mountainbiker längst Alltag. „Es gibt Apps, mit denen sich Komponenten wie die Federgabel einstellen lassen“, sagt Eisenberger.

Fahrradschlüssel dient aus

Selbst der Fahrradschlüssel scheint bald ausgedient zu haben. Fahrradschlösser wie das Bitlock und Lock8 lassen sich via Smartphone auf- und abschließen, Letzteres schickt dem Radler eine Nachricht im Falle, wenn ein Diebstahl versucht wird. Und Skylock sendet nach einem Unfall etwa einen Alarm mit Position an Freunde, sofern der Biker diesen nicht als Falschalarm abstellt.

„Ob man diese Dinge braucht, ist die Frage – aber aufzuhalten ist es nicht“, meint Eisenberger. Auch Fehlau ist skeptisch, was die digitale Vernetzung und Bewegungsprofile betrifft. „Wer weiß schon, was mit meinen Daten passiert?“

Fehlau hofft jedenfalls, dass künftig mehr Menschen auf das Rad setzen. „Autos stehen in der Regel 23 Stunden am Tag – in vollen Städten ist das ein Platzproblem.“ Radfahren sei umweltfreundlich und produziere weder Feinstaub noch Lärm. „Und mehr Räder auf der Straße sind ja nicht zwangsläufig schlecht für Autofahrer“, sagt Fehlau und verweist auf geringeren Verkehr, damit einhergehend weniger Staus und mehr freie Parkplätze.


Fahrradtypen

E-Bikes und Pedelecs: Auf Pedelecs unterstützt ein Motor den Radfahrer lediglich beim Treten – aber nur bis zu einer Geschwindigkeit von bis zu 25 km/h, da sie sonst als Kleinkraftrad gelten würden. Daher sind Pedelecs dem normalen Rad rechtlich gleichstellt. E-Bikes sind mit Mofas vergleichbar: Mittels eines Drehgriffes wird beschleunigt, eigene Körperkraft ist nicht nötig. Sie gelten rechtlich als Kleinkraftrad (bis maximal 500 Watt und maximal 20 km/h Höchstgeschwindigkeit). Eine Helmpflicht besteht allerdings nicht, dafür ist ein Versicherungskennzeichen nötig.

Fatbikes: Fatbikes sind Fahrräder mit extrem dicken und breiten Reifen. Sie eignen sich nicht nur für komfortables Fahren in der Stadt, sondern insbesondere auch für Geländefahrten. Manche Fatbikes haben so breite und dicke Reifen wie ein Motorrad.

Single Speed Bikes/Fixies: Single Speed Bikes (Ein-Gang-Räder) sind auf für den Stadtverkehr Schnelligkeit und Wendigkeit ausgelegte Räder. Sie verfügen über keine Gangschaltung. In der Regel verfügen sie nicht über Komponenten wie Lichtanlage und Bremsen – gebremst wird über den Rücktritt.

Urban Bikes: Auch Urban Bikes sind Räder, die auf Geschwindigkeit und Wendigkeit ausgelegt sein. Auch sie verfügen oftmals nicht über eine Lichtanlage, Schutzbleche etc.

Crossräder: Crossräder sind letztlich Rennräder, die auf einen härteren Einsatz getrimmt sind. Sie haben breitere Reifen als Rennräder und sind stabiler. Dennoch sind sie leicht, sodass sie sich im Gelände ebenso gut tragen lassen wie über Treppen in der Stadt.