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Kindertagesstätte geschlossen Sexuelle Erpressung unter Kindern in Mainzer Kita?

Von Benjamin Beutler

Blick auf die geschlossene Katholische Kindertagesstätte „Maria Königin“, aufgenommen in Mainz-Weisenau (Rheinland-Pfalz). Foto: dpaBlick auf die geschlossene Katholische Kindertagesstätte „Maria Königin“, aufgenommen in Mainz-Weisenau (Rheinland-Pfalz). Foto: dpa

Osnabrück. In einer katholischen Kita in Mainz soll es unter Kindern zu sexuellen Übergriffen und Morddrohungen gekommen sein. Von Erniedrigungen und Bestrafungen, Gewalt und Diebstahl ist die Rede in dem Brief, den die zuständige Pfarrei an die Eltern der Kinder schickte. Das berichtet die Allgemeine Zeitung.

Über einen längeren Zeitraum sollen Kinder andere Jungen und Mädchen unter Mordandrohung zu sexuellen Handlungen gezwungen und erpresst haben. Außerdem soll es zu Diebstählen in der Kita und bei gemeinsamen Einkäufen in einem nahegelegenen Supermarkt gekommen sein. Das berichtet die Allgemeine Zeitung. Der Zeitung liege ein Brief vor, den die katholische Pfarrei in Mainz-Weisenau an die Eltern der Kinder geschickt habe. In dem Brief seien die Vorfälle in der Kindertagesstätte Maria König detailliert aufgelistet. Die Kita wurde am 2. Juni vorübergehend geschlossen.

Ermittlungen wegen Verletzung der Aufsichtspflicht

Die Staatsanwaltschaft in Mainz hat die Ermittlungen am selben Tag aufgenommen. Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet. Es werde geprüft, ob es zu strafbaren Verletzungen der Aufsichtspflicht seitens des Personals gekommen sei. Gegen die Kinder würde wegen der Strafunmündigkeit nicht strafrechtlich ermittelt. Laut dem zuständigen Oberstaatsanwalt gäbe es auch keine Anhaltspunkte, wonach die Eltern der beteiligten Kinder sich strafbar gemacht hätten. Die Staatsanwaltschaft beginne damit Zeugen und Beschuldigte zu vernehmen. (Missbrauch unter Mainzer Kita-Kindern: Was sagt Sexualpädagoge Uwe Sielert dazu?)

Eltern kritisieren späte Bekanntgabe

Die Eltern kritisieren unterdessen, dass die Informationen zu den Vorfällen erst eine Woche nach Schließung der Kita mitgeteilt wurden. Der zuständige Pfarrer Christian Nagel erklärte gegenüber welt.de, dass das Schreiben am 5. Juni an die Eltern geschickt worden sei. Die Zwischenzeit sei notwendig gewesen, um unter anderem mit den Erziehern über die Vorfälle zu sprechen.

In dem Schreiben heißt es, „uns sind diese Vorgänge, die dazu geführt haben, in ihrer Bedeutung nicht bewusst geworden. Einzelne Hinweise von Kindern, die wir im Gespräch mit Eltern erfahren haben, haben wir nicht richtig gedeutet“, zitiert welt.de, „über das Ausmaß sind wir zutiefst bestürzt und beschämt!“ Mittlerweile wurden mit 90 Prozent der Eltern Gespräche geführt, sagte Nagel weiter.

Das Bistum Mainz ist bereits aktiv geworden. „Kurzfristige Maßnahmen zur Verbesserung der strukturellen Situation sind bereits beschlossen. Eine längerfristige Fachbegleitung der Einrichtung ist in die Wege geleitet worden“, heißt es in einer Stellungnahme, die auf der Internetseite des Bistums veröffentlicht wurde.

„Kinder sind sich der Tragweite nicht bewusst“

Anell Havekost, Leiterin des Kinderschutzzentrums Osnabrück tut sich schwer, den Vorfall aus der Entfernung zu beurteilen, dafür kenne sie zu wenig Details. „Allgemein kann man jedoch sagen, dass Kinder, die solche Handlungen tätigen oder Drohungen aussprechen meistens dadurch motiviert sind, ein Dominanzgefühl zu erlangen und den anderen abzuwerten“, sagt Havekost im Gespräch mit unserer Redaktion. Man dürfe das Verhalten nicht gleichsetzen mit dem Bedürfnis nach sexueller Befriedigung im Erwachsenenalter.

Im Alter von drei bis vier Jahren würden bei Kindern die Neugierde und die Erkundung des Körpers beginnen, „auch im Überschwang der Entdeckungslust, kann es zu Übergriffen kommen“, sagt Havekost, „deshalb ist es wichtig, dass Erzieher bei dem kleinsten Zwischenfall reagieren und die Kinder aufklären.“

Ähnlich verhalte es sich bei ausgesprochenen Drohungen. „Kinder reproduzieren, das, was sie erlebt, gehört oder gesehen haben.“ Einflüsse können dabei Fernsehen, Internet oder auch das eigene Elternhaus sein.

Vorfälle wie in der Kita in Mainz seien Havekost und ihren Kollegen nicht bekannt. Formen sexueller Gewalt in Kindergärten sei jedoch ein bekanntes Thema, dem die Fachwelt mit Konzepten entgegenwirken will. Wichtig sei es immer, Kindern Grenzen zu erklären. Havekost macht sich außerdem stark für den Einsatz sexualpädagogischer Konzepte, inklusive Prävention und einer auf das Alter abgestimmten Sexualaufklärung. „An einigen Kitas ist das bereits Standard.“