Verein gegen Gewichtsdiskriminierung „Dicke Menschen sollten sich nicht rechtfertigen müssen“

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In Europa werden bald viel mehr übergewichtige Menschen leben, berichtet die WHO. „Wir wollen nicht diskriminiert werden“, sagt Natalie Rosenke. Foto :privatIn Europa werden bald viel mehr übergewichtige Menschen leben, berichtet die WHO. „Wir wollen nicht diskriminiert werden“, sagt Natalie Rosenke. Foto :privat

Osnabrück. In Europa werden 2030 viel mehr Menschen als bisher fettleibig sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einer „Übergewichts-Krise“. Auch Natalie Rosenke kriegt so langsam die Krise. Aber nicht wegen ihres Gewichts, sondern der Diskriminierung übergewichtiger Menschen.

Frau Rosenke, Sie sind im Vorstand der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Wann fühlen Sie sich diskriminiert – und von wem?

Eigentlich ständig im Alltag. Zum Beispiel beim Arzt. Hier wird oft auf eine ergebnisoffene objektive Diagnose verzichtet und sofort auf das Gewicht verwiesen.  Oder im Flugzeug, durch die engen Sitze. Natürlich auch von der Werbung, in der dicke Menschen fast ausschließlich im Rahmen der Vorher-Nachher-Bilder präsent sind oder als schlechtes Beispiel dienen sollen. Für den dicken Konsumenten ist offensichtlich nur ein Produkt im Angebot: sein zukünftiges schlankes Ich.

Welchen Vorurteilen begegnen Sie denn im Alltag?

Dicke Menschen gelten als faul, disziplinlos, und nicht leistungsfähig. Man sagt ihnen nach, dass sie einen niedrigen Bildungsstand und ein geringes Einkommen haben.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir einen ziemlich dicken Bundeskanzler hatten. Auch wichtige Wirtschaftsbosse waren oft übergewichtig. Seit wann müssen alle Menschen schlank sein, um erfolgreich zu sein?

Erfolg wird meiner Meinung nach so lange an Leistung gemessen, wie unsere Grundbedürfnisse nicht gesichert sind. Dass wir uns heute dermaßen um unser äußeres Erscheinungsbild sorgen können, ist ein Luxusproblem, an dem ganze Industriezweige gut verdienen. Es gibt also ein Interesse daran, dieses Problem immer weiter in den Fokus zu rücken und eine Art Feindbild zu schaffen. Sendungsformate, die viel mit Überzeichnung und emotionalem Drama arbeiten, verstärken diese Entwicklung und die Vorurteile gegenüber dicken Menschen natürlich zusätzlich. Selbst in Reportagen und Dokumentationen scheint es inzwischen ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass ein dicker Mensch mindestens ein Mal beim Essen gezeigt werden muss. Offensichtlich wird er sonst als eine Art Täter ohne Tatwaffe empfunden.

Bei allem Respekt für übergewichtige Menschen – darüber, dass zu hohes Gewicht nicht gesund ist, sind wir uns doch einig?

Nein, das gibt die Studienlage aus unserer Sicht keinesfalls so her, wie es uns täglich vermittelt wird. Die Darstellung in den Medien ist hier oft sehr selektiv. Bei einer Untersuchung mit rund 60.000 Teilnehmern zur Sterblichkeitswahrscheinlichkeit zeigte sich, dass Alter und Geschlecht eine wesentlich größere Rolle spielen als das Gewicht. Unter Frauen mit einem BMI (Body-Maß-Index) von 36 bis 40 war die Sterblichkeitsquote annähernd identische mit der von Männern mit einem BMI von 25 bis 32. Erfreulicherweise blieb uns die Schlagzeile erspart, dass es ungesund ist, ein Mann zu sein. Es muss aber erlaubt sein zu fragen, warum solche Studien dennoch herangezogen werden, um ein hohes Gewicht zu verteufeln.

Bei der Verbeamtung gibt es bei hohem Gewicht tatsächlich Probleme...

...dabei gibt es kein Gesetz und keine Rechtsverordnung, in der für eine  Verbeamtung ein bestimmter BMI vorgeschrieben wäre. Es wird aber so gehandhabt. Oft erhalten übergewichtige Menschen eine Absage mit der Begründung, sie seien nicht ausreichend belastbar. Wobei es hier viele rechtliche Angriffspunkte und auch entsprechende Gerichtsurteile gibt. Unser Verein hilft hier gerne weiter.

Eigentlich wird die Gesellschaft beim Thema Diskriminierung doch immer sensibler. Heute spricht man nicht mehr von „Ausländern“, sondern von „Menschen mit Migrationshintergrund“, auch von „Behinderten“ ist nicht mehr die Rede, sondern immer häufiger von „Menschen mit Handicap“. Dicke Menschen scheinen hingegen zum Abschuss freigegeben, über sie darf man lachen, sie sind ja quasi selbst schuld an ihrem Schicksal.

Sprache ist tatsächlich ein gutes Beispiel. Selbst in Zeitungsartikeln wird meist von „den Dicken“ gesprochen. In unserem Verein, der sich nicht als Betroffenengruppe, sondern als eine gesellschaftspolitische Initiative versteht, sprechen wir daher bewusst immer von „dicken Menschen“. Zum zweiten Punkt: Es geht uns zunächst einmal darum, dass dicke Menschen als solche von der Gesellschaft akzeptiert werden. Viele Ursachen für ein hohes Gewicht wie Stress oder Umwelteinflüsse sind zwar noch wenig erforscht, doch vollkommen unabhängig davon sollte sich ohnehin niemand für seine Körperform rechtfertigen müssen. Dicke Menschen haben unseren Respekt verdient, weil sie Menschen sind. Das allein sollte genügen.

Natalie Rosenke, geboren 1977, ist Webdesignerin und freiberufliche Künstlerin. Sie ist seit Herbst 2013 Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung.

Weiterlesen: Europäer werden immer dicker – WHO schlägt Alarm


Der Verein „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung“ besteht seit 2005 und zählt 45 feste Mitglieder und 300 Interessierte. Ziel des Vereins mit Sitz in Berlin ist es, weit verbreitete Vorurteile zum Thema Körpergewicht abzubauen.

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