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21.12.2014, 19:47 Uhr ZUM TODE VON UDO JÜRGENS

Nachruf: Ende einer Ära der Unterhaltungskultur

Ein Kommentar von Dr. Stefan Lüddemann




Osnabrück. Udo Jürgens ist tot. Mit ihm endet die Unterhaltungskultur der alten Bundesrepublik. Ein Nachruf von NOZ-Kulturchef Dr. Stefan Lüddemann.

Udo Jürgens war nicht nur der Musikprofi, der 1000 Lieder schrieb, der Publikumsumarmer, der seine Zugaben stets im weißen Bademantel sang. Er war vor allem der Barde für alle, dem das Kunststück gelang, den Schnulzenschlager mit dem Protestsong zu versöhnen. Aus dem harmlosen Unterhaltungslied machte er ein Medium tagespolitischen Engagements und schuf damit ein eigenes Genre. Er legte den Finger in manche Wunden - ohne sich jemals wirklich anzulegen. Udo Jürgens war ein konservativer Neuerer, er war die gelebte Große Koalition der populären Musik.

Deshalb avancierten Lieder wie „Griechischer Wein“, „Aber bitte mit Sahne“ oder „Mit 66 Jahren“ zu Signaturen der Zeitgeschichte. In ihnen spiegeln sich die Problemlagen einer Wohlstandsgesellschaft zwischen Konsumeuphorie, Migrationserfahrung und prekärer Sinnsuche. Udo Jürgens verkörperte damit wie kein zweiter Entertainer den kollektiven Erfahrungsraum der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft.

Deshalb endet mit seinem Tod endgültig die Unterhaltungskultur der alten Bundesrepublik. Sein Tod fällt - welch ein sinnfälliger Zufall der Kalenderdaten - mit dem Ende von „Wetten, daß...?“ zeitlich zusammen. Beide, der Schlagersänger wie das TV-Format, bildeten eine Alltagskultur ab, die noch zum Mehr-Generationen-Projekt taugte und so eine Konsens stiftende Klammer bilden konnte. Dieses Projekt ist in der digitalen Medienepoche endgültig zerstoben.

Wirkte Udo Jürgens nicht auch deshalb schon seit Jahren wie das Relikt einer von Nostalgie umflorten Ära? Und hörten sich nicht gerade deshalb seine bekanntesten Lieder längst wie ein Stück klingender Kulturgeschichte an? Gleichviel. Udo Jürgens, der Mann, der Millionen das Gefühl geben konnte, die Ungerechtigkeiten dieser Welt seien mit einem süffig gesungenen Refrain zu heilen, ist tot. Das stürzt nicht nur seine Fans in tiefe Trauer.

Geändertes TV-Programm

Aus Anlass des Todes von Udo Jürgens wiederholt das ZDF die Gala zum 80. Geburtstag des Künstlers. Die Show soll am Montag um 20.15 Uhr noch einmal gesendet werden, bestätigte der Sender am Sonntagabend in Mainz. Die Gala mit zahlreichen Stars war erstmals am 18. Oktober ausgestrahlt worden.

Auch die ARD ändert das Programm. So soll am Montag um 20.15 Uhr die WDR-Dokumentation „Mann, der Udo Jürgens ist“ im Ersten laufen.


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