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Ist das Labor fest verankert? Landung von „Philae“ auf Kometen gelingt

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In dieser Simulation der Europäischen Weltraumorganisation Esa hat sich das Minilabor Philae (Mitte) von der Sonde Rosetta gelöst und ist auf dem Weg zum Zielkometen Tschurjumow-Gerassimenko. Bild: dpaIn dieser Simulation der Europäischen Weltraumorganisation Esa hat sich das Minilabor Philae (Mitte) von der Sonde Rosetta gelöst und ist auf dem Weg zum Zielkometen Tschurjumow-Gerassimenko. Bild: dpa

dpa/sha Darmstadt. Premiere im Weltall: Erstmals in der Geschichte der Raumfahrt ist die Landung mit einem Mini-Labor auf einem Kometen gelungen. Zehn Jahre, acht Monate und zehn Tage nach dem Raketenstart setzte mehr als eine halbe Milliarde Kilometer von der Erde entfernt das Landegerät „Philae“ auf „67P/Tschurjumow-Gerassimenko“ auf. Allerdings war am Mittwoch zunächst unklar, ob das Labor mit Hilfe von Harpunen fest auf dem Kometenboden verankert werden konnte.

Im Satellitenkontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation Esa in Darmstadt löste die Premiere im All großen Jubel aus. Manche Experten vergleichen das Ereignis mit der Mondlandung 1969. Die Landung des Mini-Labors „Philae“ auf einem Kometen ist auch am Bodensee bejubelt worden. Den Landeanflug auf den Himmelskörper verfolgten am Mittwoch rund 150 Mitarbeiter von Airbus Defence & Space am Standort in Friedrichshafen per Live-Übertragung. „Die Spannung war zum Zerreißen“, sagte ein Unternehmenssprecher. „Jetzt kann der Herzschlag endlich wieder runterfahren.“ Am Bodensee wurde das elektrische Design für das Mini-Labor erstellt - und das Missions-Konsortium von 96 Firmen aus 16 Ländern geleitet. „Das ist eine einmalige Geschichte, die wir als Team lange verfolgt haben“, sagte der Sprecher. „Der Tag heute ist historisch“, so Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain. „Wir sind die ersten, denen das gelungen ist. Daran wird man sich erinnern.“ Das Ziel solcher Missionen sei, die Erde besser zu verstehen.

„Wir hoffen auf Antworten zum Ursprung des Lebens auf der Erde“, meinte der Darmstädter Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, Thomas Reiter. Glückwünsche gab es auch von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) und von Brigitte Zypries (SPD), der Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt. Deutschland hat sich mit etwa 300 Millionen Euro an der Mission beteiligt - knapp ein Drittel der Gesamtkosten von einer Milliarde Euro, wie aus einer Mitteilung von Zypries hervorgeht.

Das Labor war huckepack mit der Sonde „Rosetta“ durch das All gereist und dann ausgesetzt worden. Während des siebenstündigen Landevorgangs auf der letzten Etappe von 22,5 Kilometer fuhr „Philae“ bei dem gemütlichen Tempo eines Fußgängers die drei spinnenartigen Beine aus. Lang im Betrieb ist „Philae“ aufgrund der Ladekapazität in den Batterien ohnehin nicht. Der Hauptjob soll in wenigen Tagen erledigt sein. Ob eine Verlängerung für „Philae“ möglich ist, war zunächst unklar. Da „Tschuri“ allerdings Richtung Sonne unterwegs ist, dürfte „Philae“ die ganze Sache auch zu heiß werden - es droht der Hitzetod.

300 Millionen aus Deutschland

Zudem wurde bekannt, dass sich Deutschland mit 300 Millionen Euro an der erfolgreichen „Rosetta“-Mission im Weltraum beteiligt hat. Bei der Summe handelt es sich um knapp ein Drittel der Gesamtkosten von einer Milliarde Euro, wie aus einer Mitteilung der Bundeskoordinatorin für die Luft- und Raumfahrt, Brigitte Zypries, vom Mittwoch hervorgeht. „Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) leistet mit dem Landekontrollzentrum in Köln einen zentralen Missionsbeitrag“, hieß es. Zypries lobte die erfolgreiche Landung des Mini-Labors „Philae“ auf dem Kometen „67P/Tschurjumow-Gerassimenko“ als Beweis höchster Leistungsfähigkeit der europäischen Raumfahrtforschung und -technologie. „Wir erwarten die ersten Ergebnisse, die Schlüsselerkenntnisse über die Entstehung des Lebens auf der Erde liefern könnten, mit großer Spannung“, sagte die Ex-Justizministerin.

Nach zehn Jahren im All hatte sich das Mini-Labor „Philae“ am Vormittag von der Raumsonde „Rosetta“ gelöst – ein erster Erfolg für die Esa-Wissenschaftler. Gegen 16.35 Uhr sollte es auf dem Kometen „67P/Tschurjumow-Gerassimenko“ aufsetzen. Eine halbe Stunde später sollte die Landung auf der Erde bestätigt werden.

„Fifty-fifty-Chance“

Der Darmstädter Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, Thomas Reiter, hatte den Erfolg der Kometenlandung im Vorfeld auf etwa 50 Prozent geschätzt. „Man muss sagen, es ist schon mit gewissen Risiken behaftet. Wir sagen Fifty-fifty-Chance“, sagte der Ex-Astronaut am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“.Reiter betonte: „Man muss sehr präzise navigieren in dieser unglaublichen Entfernung.“

Das Manöver könnte heikler werden als geplant: In der Nacht zum Mittwoch zeigte sich einem Bericht von „Spiegel Online“ zufolge, dass eine wichtige Düse des Landers „Philae“ sich nicht einschalten lässt. Das sogenannte Active Descent System soll das Gerät im Moment des Aufsetzens an die Oberfläche des Kometen drücken. Dadurch soll verhindert werden, dass es wegen der geringen Schwerkraft des Himmelsköpers abprallt und sich wieder entfernt.

Mit der Mission wollen Wissenschaftler Daten über die Entstehung des Sonnensystems gewinnen; Kometen sollen noch Materie aus dieser Zeit enthalten. Die Forscher erhoffen sich auch Hinweise auf die Entstehung des Lebens, etwa durch den Nachweis von organischen Molekülen wie Aminosäuren.

„Rosetta“ legte in den vergangenen zehn Jahren rund 6,5 Milliarden Kilometer im All zurück. Die Sonde war mit „Philae“ an Bord am 2. März 2004 mit einer Ariane-5-Rakete von der Weltraumstation Kourou in Französisch-Guayana gestartet. Die Mission soll bis Ende 2015 dauern. „Philae“ wird seine Arbeit aber früher einstellen.

Nie zuvor gab es eine Landung auf einem Kometen. Allerdings erinnert die „Rosetta“-Mission an ein Projekt Japans: 2005 sammelte die „Hayabusa“-Sonde Asteroiden-Bodenproben und brachte sie zur Erde.


„Rosetta“, „Philae“ und „Agilkia“ - Woher kommen die Namen?

Rosetta: Der Name für die Sonde „Rosetta“ wurde in Anspielung auf den Stein von Rosetta gewählt. Mit den Inschriften darauf -- konnten erstmals die ägyptischen Hieroglyphen entziffert werden. Der Stein befindet sich heute im Britischen Museum in London.

Phileae: Der Name des Landers „Philae“ bezieht sich auf die Nil-Insel Philae. Auf diesem Eiland war ein Obelisk gefunden worden, der in griechischer Schrift und in Hieroglyphen die Namen von Kleopatra und Ptolemäus trug.

Agilkia: Der für den Lander ausgesuchte Platz auf dem Kometen ist ebenfalls nach einer Insel im Nil benannt: Agilkia. Sie wurde 1980 der neue Standort für den Tempel von Philae. Der ursprüngliche Standort - die Insel Philae - war nach dem Bau eines Staudamms überflutet worden. (dpa)

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